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Lieber Klaus Kinski, Arne Pahlke 2008
ich sah Dich erstmals in einem Edgar-Wallace-Film. Du spieltest einen psychopatischen Typ mit irren Blick; - also genau das, was Du im Grunde genommen fast immer gespielt hast. Ich erinnere mich noch, dass meine Mutter Dich nicht mochte. „Der Typ ist wirklich verrückt“, hat sie oft gesagt, wann immer Du einen Auftritt in einem Film hattest. Ihr Urteil über Dich fiel relativ einsilbig und eindeutig aus: „Ich mag den Kerl nicht!“ Nun, ich mochte Dich schon. Doch als kleiner Bub zog ich es vor, meiner Mutter zuzunicken, wann immer sie über Dich richtete. Tatsächlich aber war ich gefesselt von dem Wahnsinn, der er in Deinen Augen loderte. Du bist im Jahre 1926 in Zoppot in Danzig geboren, als viertes Kind eines Apothekers und einer Krankenschwester. Über Deine Kindheit wurde viel geschrieben. Vor allem Du selbst hast über Deine Kindheit geschrieben. Doch vieles von dem, was Du zu Papier gebracht hast, ist nicht belegbar und darf angezweifelt werden. Und da ich ohnehin der Meinung bin, dass Du selbst am meisten an Deiner Legendenbildung interessiert warst, halte ich mich bezüglich Deiner Kindheit zurück. Bei vielen Deiner legendär gewordenen Interviews und Talkshowauftritte hatte ich z.B. nicht das Gefühl den wahren Kinski vor mir zu sehen, sondern eher einen Typen, der sich selbst als unberechenbare Kunstfigur inszenierte. Und häufig hast Du bei öffentlichen Auftritten so gewirkt und gesprochen, als hättest Du kurz zuvor ein paar Nasen Kokain geschnupft. Deine vielen öffentlichen obszönen und beleidigenden Äußerungen sowie Deine urplötzlichen Zornesausbrüche und das hypochondrisches Verhalten waren aber gewiss auch ein leibhaftiger Teil Deiner Persönlichkeit. Aber zum Teil waren sie wohl auch nichts weiter als pure/plumpe Inszenierung. So z.B. Dein Auftritt in einer WDR-Talkshow im Jahr 1977. Du hast dort keine einzige Frage beantwortet. Dafür sprachst Du den Moderator Rainhard Münchenhagen wiederholt mit „Herr Münchhausen“ an und hast im Verlauf des „Interviews“ noch einen Zuschauer beleidigt. Noch heftiger ging es in einer Berliner Vorstellung deiner „Jesus-Christus-Erlöser-Lesungen“ zu. Zwischenrufer aus dem Publikum hast Du als Scheiß-Gesindel und dumme Säue beschimpft. Als Achtzehnjähriger hast Du während Feiner Kriegsgefangenschaft erstmals auf einer provisorischen Theaterbühne Deine ersten Rollen gespielt. Und nach dem Krieg fand man Dich auf Berliner Theaterbühnen. Und schon zu dieser Zeit warst Du Getriebener und Grenzgänger, der mit seinem aufbrausenden Temperament viele Menschen aus seinem unmittelbaren Umfeld zur Verzweiflung treiben konnte. So schlugst Du schon mal vor lauter Wut die Scheiben eines Theaters ein, nur weil Du Dich über einen Regisseur geärgert hast.
Du warst ein Besessener, ein nach Perfektion strebender Genius. Doch wie bei vielen großen Künstlern, so lagen auch bei Dir Genius und Wahnsinn dicht beieinander. Bei Dir gingen sie sogar häufiger als gewünscht Hand in Hand und ließen sich nicht immer so einfach und schnell voneinander trennen. Und erst recht ließt Du Dich nicht zähmen, wie es z.B. der Regisseur Werner Herzog mehrfach leidlich erfahren musste. Mit Werner Herzog verband Dich eine innige Hassliebe, der Du einige Deiner künstlerisch wertvollsten Filme zu verdanken hast. In richtig schlechten Filmen hast Du hingegen eskalierend häufig mitgewirkt. Dir schien es oft scheißegal zu sein, wie schlecht ein Drehbuch war, solange nur Deine Gage stimmte. Aber in Deinem Herzen warst Du ohnehin weniger Filmschauspieler als egozentrischer Bühnendarsteller. Und auf einer Theaterbühne konntest Du Deine Stärken auch viel besser zur Geltung bringen. Und auch als Rezitator bedeutsamer Weltliteratur hast Du für mich oft ein- und nachdrücklicher agiert als auf der Leinwand. Die Menschen lieb(t)en oder hass(t)en Dich; dazwischen passte meist nichts. Am 23. November 1991 holte Dich der Tod. Und er tat dies friedlich und sanft. Irgendwie scheint so ein friedlicher Tod nicht zu Dir zu passen. Doch wer mehr von der Person Klaus Kinski kennt, als ihre inszenierte misanthropische Oberfläche, der wird auch ihre äußerst liebenswürdige Sanftheit entdeckt haben. Doch mit der Zurschaustellung eben dieser Sanftheit hat Klaus Kinski bei öffentlichen Auftritten allzu gern gegeizt, um bloß nicht der eigenen Legendenbildung im Wege zu stehen. In diesem Sinne möge Deine vor Dir sorgsam mit inszenierte Legende noch lange Zeit fortbestehen! Herzlichst Arne Pahlke |
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® sämtliche Textrechte liegen bei Arne Pahlke/Wortmutation |
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