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Lieber Mann aus der Kleingartenkolonie, ich laufe Dir im wahrsten Sinne des Wortes nun bereits seit annähernd 27 Monaten über den Weg. Es vergeht eigentlich keine Woche, in der wir uns nicht mindestens einmal begegnen. Doch weder kenne ich Deinen Namen, noch weiß ich woher Du kommst und wohin Du gehst, wenn wiraufeinander treffen. Das heißt, ich laufe Dir über den Weg, während Du gemütlich mit Deinem Mischlingshund des Weges gehst. Du siehst absolut nicht so aus, wie ein bürgerlicher Mann Deines Alters normalerweise aussieht, der allmorgendlich mit seinem Hund Gassi geht. Und deshalb denke ich auch nicht, dass Du einer dieser normalen Männer bist, die mit ihren Hunden Gassi gehen. Ich glaube vielmehr, dass du bereits seit längerer Zeit kein richtiges Zuhause mehr hast. Ich glaube weiterhin, dass Du fast pausenlos und wie zwanghaft umhergehen musst, weil Dich eine schreckliche Unruhe antreibt. Und wahrscheinlich wirst Du nie ans Ziel kommen, weil Du gar kein richtiges Ziel mehr hast. Dein Gesicht ist das Gesicht eines leicht verwitterten Clowns, der das Lachen irgendwann eingestellt hat; - wahrscheinlich aus Mangel an Gelegenheiten. Deine Haare sehen zersaust aus, wie bei jemandem, der nach dem Aufstehen weder Kamm, Bürste und Spiegel zur Verfügung hat. Wenn wir uns sehen, dann trägst Du meistens ein- und dieselbe „Garnitur“, doch ohne darin wie ein ungepflegter Vagabund auszusehen. Auch vermittelst Du mir nicht den Eindruck, dass Du große Mengen Alkohol konsumierst. Ein richtiges Trinkergesicht sieht so früh am Morgen nämlich meist weitaus Mitleidserregender und schäbiger aus. Irgendwie vermittelst Du mir gar keinen fassbaren Eindruck; - zumindest keinen, der einen normalen Menschen einlädt, länger in deiner Gegenwart zu verweilen oder auch nur länger über Dich nachzusinnen. Doch mit jeder Woche, die ich Dich nun länger „kenne“, an Dir vorbeilaufe, Dir entgegenlaufe, Dich überhole oder für ein bis zwei Sekunden neben Dir herlaufe, habe ich das Gefühl Dich immer besser zu kennenzulernen. Und ich habe das Gefühl, zunehmend den guten Menschen in Dir zu erkennen, der nur irgendwann einmal damit aufgehört hat, an sich zu glauben. Ich denke, Du übernachtest auf leer stehenden Pachtgrundstücken innerhalb der Kleingartenkolonie. Vielleicht gehörst Du ja zu jenen Männern, die durch eine Scheidung oder den Verlust der Arbeit (… oder durch beides) ihre Mitte verloren haben? Wenn Du einmal verheiratet warst, so warst Du sicherlich kein Mann, der viel mit seiner Frau gesprochen hat; - aber dies nicht etwa aus Bosheit sondern vielmehr aus einem gewissen Unvermögen heraus.
Ich habe Dich noch nie ein einziges Wort reden gehört. Ich habe Dich auch noch nie gegrüßt. Wenn Dir so ein banaler Gruß etwas bedeutet, dann entschuldige bitte, dass mir ein solcher für Dich noch nie über meine Lippen gesprungen ist. Ich mag, während ich jogge, einfach niemanden grüßen. Denn da ist diese Angst in mir, ich könnte dieser Person dann regelmäßig begegnen und würde mich dann gezwungen fühlen sie ständig grüßen zu müssen. Auf diese Weise verlöre mein täglicher Stundenlauf ein Stück von seiner meditativen Wirkung. Aber ich glaube, gerade Du verstehst mein Verhalten sehr gut!? Lediglich ein einziges Mal habe ich Dich nicht mit Deinem Hund angetroffen, der übrigens immer brav neben Dir hertrottet. Und zwar genauso still und sanftmütig wie du. Und der damit irgendwie der lebende Beweis dafür scheint, dass in Dir ein guter Kern steckt. An diesem Morgen hast Du irgendwelche Arbeiten in einem Garten erledigt, der nicht Dein Garten war. Als ich Dich am nächsten Tag traf, da waren Deine Haare ganz kurz geschnitten und Deine kauzigen Bartstoppeln abrasiert. Außerdem hattest Du eine neue Jacke angehabt. Wahrscheinlich meinten die Leute es gut mit Dir, als sie so Dinge sagten wie: „Wir schneiden ihnen die Haare und haben auch eine Jacke für sie, damit sie wieder wie ein normaler Mensch aussehen.“ Du hast diese Jacke sicherlich nur angenommen, weil Du höflich sein wolltest. Und Du hast Dir dabei nicht anmerken lassen, dass die Leute Dich damit beschämt haben. Für mich hast Du an diesem Tag wie ein kleiner blöder Junge ausgesehen, den man gegen seinen Willen in lächerliche Klamotten gesteckt und noch auf andere Weise gedemütigt hat. Glücklicherweise hast Du die dämliche Jacke rasch wieder abgelegt. Ich könnte mir gut vorstellen, dass Du sie in den Altkleidercontainer geworfen hast, der in der Nähe der Kleingärtnerkolonie steht. Wenn wird uns das nächste Mal über den Weg laufen werden, dann wünsche ich Dir einen schönen Tag. Aber ich werde dies ganz still und lautlos tun, damit wir einander nicht stören. Ein windig lautlosen Gruß sendet Dir A. Pahlke © Arne Pahlke (2005) |
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® sämtliche Textrechte liegen bei Arne Pahlke/Wortmutation |
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