Lieber Pinkelpott neben meinem Bett, Arne Pahlke, 2005

viele Erdenbewohner halten Dich für altertümlich, unpraktisch, unsittlich oder sogar für Ekel erregend. Für mich aber bist Du nichts von alledem!

Seit nunmehr sieben Jahren stehst Du während der Nacht empfängnisbereit neben meinem Bett. Und über all diese Jahre habe mich so sehr an Dich gewöhnt, dass ich mir eine Bettruhe ohne Dich an meiner Seite kaum mehr vorstellen mag. Und das ein Dasein ohne Pinkelpott einen tatsächlichen Verlust an Lebensqualität bedeuten kann, dies spüre ich stets aufs Neue, wenn ich auf Dich verzichten muss. Und auf Dich verzichten muss ich zum Beispiel, wenn mein Sohn bei mir übernachtet. Auch lasse ich Dich im dunklen Spülschrank stehen, wenn sich bei mir eine Frau über Nacht einquartiert. Zwar hätte ich auch dann mit Deiner Anwesenheit keinerlei Probleme; - aber ich weiß natürlich, dass nicht alle Menschen so wertschätzend über Dich denken, wie ich dies zu tun pflege.

So könnte ich mir durchaus vorstellen, dass mein Sohn, der mittlerweile dreizehn Jahre alt ist, mich seltsam fragend anschauen würde, wenn er plötzlich einen Pinkelpott neben meinem Bett erblickt. Wie würde dieses Ding sich wohl in sein Vaterbild einfügen? Schließlich setzt der Mensch einen Nachttopf schnell mit Alter, Krankheit und Gebrechen in Verbindung. Dabei treibt mich doch gar keine Krankheit dazu, meinen Pinkelpott zum Einsatz zu bringen. Es sei denn, eine leichte Blasenschwäche gilt bereits als Krankheit? Allerdings bin ich mir nicht einmal sicher, ob ich überhaupt unter einer Blasenschwäche leide. Ich nehme täglich viel Flüssigkeit zu mir – oft allein bis zu 5 Liter Cola am Tag. Und irgendwo muss diese Lauge ja schließlich verbleiben, da ich diese ganze Flüssigkeit ja nicht allein über meine Hautoberfläche ausschwitzen kann.

 

Lieber Pinkelpott neben meinem Bettt

 

Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen geht, meine lieben Leser, aber ich muss vor allem dann pinkeln, wenn ich auf dem Bauch liege, und somit fast zwangsläufig auf meine Blase drücke. Ohne Pinkelpott müsste ich nun jedes Mal aufstehen und zum Klo gehen. Aber seit ich einen Blasendiener im Dienst habe, greife ich einfach neben mein Bett, stelle den Pinkelpott in Hodenhöhe ab und versenke dann mein Rüsseltier in diesen Auffangbehälter. Und bei diesem befreienden Akt bin ich inzwischen dermaßen begabt, dass ich mich dafür weder aufrichten muss – noch meine Augen zu öffnen brauche.

So bedenken Sie allein die Zeit, die sie durch einen Blasendiener Jahr für Jahr gewinnen könnten! Rechne ich z.B. für jeden meiner Toilettengänge lediglich eine Minute Zeitersparnis und lege drei Toilettengänge täglich zugrunde, die ich durch (m)einen Pinkelpott einspare, so gewinne ich jedes Jahr satte 18,5 Stunden. Aber man gewinnt  tatsächlich noch weitaus mehr Zeit durch einen Nachttopf. Und überhaupt ist der Zeitgewinn noch der kleinste Segen, den mir mein Nachttopf beschert. Führen Sie sich doch nur einmal vor Augen, wie oft Sie sich bereits mitten in der Nacht aus ihrem warmen Bett in die Kälte entlassen mussten, weil ein übervoller Blasentank sie zu dieser Nachtwanderung getrieben hat. Und, wie oft konnten Sie nach einem derartig nötigenden Entleerungsakt nicht sofort wieder einschlafen, z.B. weil ihre Füße kalt geworden sind oder der Toilettengang sie völlig aus ihrem Schlafkonzept gerissen hat?

Was also soll an einem Pinkelpott altertümlich und unpraktisch sein? Wenn ich etwa, während ich im Bett liege, ein Zwicken in meiner Blase verspüre, die mich mittels dieser Foltereinlage nachdrücklich um Erleichterung bittet. So muss ich nicht, wie ich dies früher tat, erst ewig lange mit mir darüber verhandeln, ob ich nun auf Toilette gehen muss, oder aber, ob ich es eventuell noch eine Weile anhalten kann, oder vielleicht sogar, trotz des Blassendrucks, das Wunder vollbringe einzuschlafen.

Ach, Sie kennen dieses Szenario zur Genüge?

Und, wie oft konnten Sie mit Blasendruck wieder einschlafen? Und, dem gegenübergestellt, die Frage, wie häufig haben Sie ohne Blasenentleerung zurück in den Schlaf oder zurück zur Entspannung gefunden? Tja, was soll ich sagen: Mit Pinkelpott wäre Ihnen das nicht passiert! Pott greifen – Rüssel rein – Blasenlauf – Pott runter – weiterschlafen! Die Version für Frauen klingt übrigens ein klein wenig anders.

Und so ein Pinkelpott ist auch überhaupt nicht Ekel erregend! Nun ja, wenn man einen solchen nicht täglich ausleert, dann kann sich selbstverständlich (insbesondere bei großer Hitze) ein nicht jeder Menschennase zugetaner Geruch ausbreiten. Aber niemand hindert einen Pinkelpottbenutzer schließlich daran, den Inhalt des Topfes täglich der Toilette zu übergeben und den Behälter anschließend kurz auszuspülen. Zuvor können sie sich ihren Harn sogar noch einmal aus aller Nähe beschauen und daran schnuppern.

Wie bitte, was verfasse ich Ferkel hier für perverse Texte! Hallo!?

Ich bin kein Ferkel, zumindest nicht in dieser Angelegenheit! Wer so lange Zeit einen Nachttopf gebraucht, wie ich dies tue, der bekommt halt ein völlig anderes und dabei vor allem gesünderes Verhältnis zu seinen Blasenausscheidungen.

Wussten Sie z.B., dass Sie an den Bläschenformbildungen, die sich an der Oberfläche ihrer Blasenausscheidungen bilden, einiges über ihren körperlichen und seelischen Zustand ablesen können? Und wussten Sie, dass diverse Geruchsfärbungen ihres Urins, die sich meist erst Stunden nach dem Austreten aus der Blase freisetzen, unter anderem Hinweise auf Mangelerscheinungen und Krankheiten geben können?

Ich möchte allerdings nicht unerwähnt lassen, dass einem die Nutzung eines Pinkelpotts durchaus auch gewisse Probleme bescheren kann. So kam z.B. neulich der Heizungsableser zu mir. Und an diesem Morgen war ich noch gar nicht dazu gekommen, den Pott zu leeren. Als er diesen nun in meinem Schlafzimmer neben meinem Bett erblickte, schaute er mich leicht angewidert und vorwurfsvoll an. Ich konnte es in seinem Hirnkasten förmlich rattern hören – ein Nachttopf bei einem körperlich gesund aussehenden jungen Mann vorzufinden, in einem Schlafzimmer, in dem (u.a.) ein Andreaskreuz sowie ein Käfig steht, dies konnte doch nur ein klarer Hinweis auf eine perverse Entgleisung sein.

Das größte Malheur, welches mir mit meinem Pinkelpott jemals widerfahren ist, war auf meine Hibbeligkeit zurückzuführen. Als ich vor wenigen Wochen, vor dem Schlafengehen feststellte, das ich meinen Pott noch nicht geleert hatte, griff ich nach diesem, um seinen Inhalt in die Toilettenschüssel zu geben. Doch dabei verfing ich mich in meiner Zerstreutheit in der Bettwäsche und geriet darüber ins Stolpern. Zwar konnte ich das mir dabei aus der Hand geglittene mobile Urinal noch einmal kurz erhaschen, -  doch nur, um es  nun vollends gegen die Schlafzimmerwand zu kacheln. In Sekundenbruchteilen ergoss sich  mein Lebenssaft über die Wand und lief sturzbachartig hinunter auf den PVC-Belag.

 „So eine Scheiße …“, raunte ich; - korrigierte mich dann aber rasch. Denn wenn schon, dann muss es natürlich heißen: “So eine Pisse …“.

Ich muss abschließend unbedingt klarstellen, dass meinem Pinkelpott an dieser feuchten Bescherung keinerlei Schuld traf, schließlich sieht sich das arme Ding bereits so vielen Anfeindungen ausgesetzt, dass es wirklich keiner weiteren negativen Unterstellung bedarf.

piss dann

Arne

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