Lieber Sommer 2004, Arne Pahlke, 2004

 

wie soll ich es bloß ausdrücken, ohne Dich dabei allzu sehr zu beleidigen?

Aber möchte ich das  überhaupt, Dich nicht beleidigen? Warst Du es nicht, der mich durch sein Fehlverhalten beinahe täglich gequält und beleidigt hat? Warum sollte ich  meiner Enttäuschung über Dich also nicht einfach Luft machen?

Warum sollte ich nicht einfach schreiben, dass ich Dich zum Kotzen fand und dass Du meines Erachtens eine fade müde Lachnummer warst, welche mir gequält lange im Halse stecken geblieben ist?

Was habe ich mich doch  (nach dem letzten wunderbaren norddeutschen Sommer 2003) auf die diesjährigen Sommermonate gefreut. Doch dann kamst Du, oder vielmehr, Du kamst nicht!

Und meine knietiefe urschlammige Lust, z.B. durch einen  herbeigezauberten Hagelschauer, zumindest einen dieser täppisch grinsenden Wettermeteorologen die blöde Visage dauerhaft zu verunstalten, wuchs mit jedem Tag, den Du mir länger fern bliebst. Und als mir dann noch einer dieser wettervorhersagenden Regenfrösche, in dieser für diesen Berufs(not)stand typischen psychopathischen hysterisch heiteren Tonfall Ende Juli(!) die ersten drei zusammenhängenden Sonnentage versprach, da flammten kurzfristig Vergeltungsphantasien in mir auf.

Ich kann es halt nur schwerlich ertragen, wenn mir ein dreiviertelblinder Wettermaulwurf eine verheißungsvolle Prognose überbringt, als sei er persönlich Mister Wettergott und nicht der beschränkte Kasper, der völlig überbezahlt vor Wetterkarten umher hopst und sich dabei wie Onkel Holle unter Kokaineinfluss aufführt.

Aber zurück zu Dir, mein lieber Sommer 2004, der Du für mich kein Sommer warst. Du hast ja noch  nicht einmal Frühlingsgefühle in mir aufkommen lassen. Warum sollte ich meiner persönlichen Enttäuschung über Dich also nicht unverblümt Luft machen dürfen?

Nun, vielleicht sollte ich dies deshalb nicht tun, weil es Dich gar nicht gibt? Zumindest nicht in jener Form, in der die meisten Norddeutschen Dich sehen wollten. Du böser böser Nicht-Sommer hast Dich einfach nicht entsprechend unserer Vorstellungen verhalten! Und wenn man es genau betrachtet, dann scheint ein schöner Sommer vor allem eine schöne Schöpfung des Menschen zu sein, - eine schöne Einbildung - eine  Verheißung auf etwas, das so meist nie eintritt.  Und es war dieses Jahr eben allein die fixe Idee von der Mehrheit der Norddeutschen, dass Du, lieber Sommer, gefälligst schön wirst und im besten Fall sogar neunzig Tage Sonnenschein mit Dir trägst.

 

 

Eigentlich ist es doch jedes Jahr dasselbe Spiel. So auch das, wenn ein Sommer weder meteorologisch noch kalendarisch im Grunde genommen  angefangen hat. Umschmeichelt uns Anfang Mai aber eine extragroße Portion Sonne und Wärme, so sprechen viele Menschen gleich von einem frühen Sommereinbruch, obgleich tatsächlich noch Frühling ist.

Oder gibt es am Ende weder Frühling noch Sommer? Gibt es in Norddeutschland  am Ende nur Scheißwetter  mit einigen wenigen Nicht-Scheißwetter-Tagen pro Jahr?

Wenn dem so ist, so warst Du, meiner lieber Sommer 2004, absolut kein schlechter Nicht-Sommer. Nein, Du warst lediglich ein unterkühltes unentschlossenes Gebilde. Du warst sozusagen ein 90-Tage-Flickwerk, welches dieses Jahr eben schlicht und ergreifend keinen Bock hatte, sich in jene Form pressen zu lassen, die wir für Dich parat hielten. Formen, die wir verheißungsvoll Sommer taufen, weil wir große bockige Kinder sind, die sich gerne dieses oder jenes wünschen und dies dann gefälligst auch so bekommen wollen!

Und plötzlich schwirrt mir gar die sonderbare Frage durch den Kopf, wie wir bloß auf die närrische Idee kommen konnten, dass ein Jahr unbedingt 365 Tage haben muss? Und überhaupt, wozu wir die Unterteilung in Jahre eigentlich benötigen, wenn sich doch allein schon der widerspenstige Sommer nicht an unsere Vorstellungen hält. Ganz zu Schweigen von dem Frühling, der doch zunehmend mit Herbststürmen wuchert. Und mal ganz ehrlich; - die meisten von uns kennen weiße Weihnachten doch nur noch  vom Hörensagen.

Wie gut also für uns alle, dass ich soeben die Jahre abgeschafft habe, denn somit brauchen wir auch nicht mehr auf einen tollen Sommer 2005 hoffen, der höchstwahrscheinlich ohnehin ins Wasser gefallen wäre.

Einen leicht verwirrten Gruß sendet A. Pahlke

schreibe einen Kommentar..
Dein Kommentar zum Text abgeben

leider noch kein Kommentar vorhanden. Sei der Erste, der einen Kommentar schreibt!

® sämtliche Textrechte liegen bei Arne Pahlke/Wortmutation