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Mein liebes E-Bay, ich weiß gerade nicht, ob Du männlicher oder weiblicher Natur bist? Aber eigentlich spielt dies für meine geschliffene Danksagung auch nur eine äußerst untergeordnete Rolle – wenn überhaupt!? Seit nun annähernd vier Jahren kenne ich Dich. Wobei das so nicht ganz richtig ist, denn bevor ich Dich vor einem halben Jahr richtig kennen gelernt habe, warst Du zunächst einmal dreieinhalb Jahre hinter mir her, ohne dass ich Dich hierzu eingeladen hätte. Jawohl! Du hast mich bezirzt wie eine läufige Hündin und mich vor allem mittels Banner- und Popupwerbung im Internet einzufangen versucht. In diesem Zusammenhang mal eine Frage an Dich oder doch eher eine Vermutung. Du kannst mich auch ruhig berichtigen, mein liebes E-Bay. doch ich werde den Eindruck nicht los, dass kein anderes E-Commerce-Unternehmen auch nur eine annähernd so groß angelegte und dabei zeitlich ausgedehnte Internet-Werbekampagne am Laufen hat, als eben Du!? Täusche ich mich? Unlängst las ich, dass Dein Erfinder, ein gewisser Pierre Omidyar, durch Dich bereits zum Vielfach-Milliardär gediehen ist. Meine Vermutung könnte also richtig sein, denn das nötige Kleingeld für eine solche Kampagne wäre ja vorhanden. Obwohl ich nicht verschweigen will, dass mich Dein Werbeterror sehr genervt hat und dies bisweilen heute noch tut. Und dennoch bin ich Dir Anfang dieses Jahres im Netz ins Netz gegangen. Somit hast Du also Dein Ziel auch bei mir erreicht. Die chronische Ausgangslage für unser Zusammentreffen war Folgende: Ich brauchte Geld. Und da ich noch einige Sachen bei mir herumliegen hatte, die ich nicht mehr benötigte, schlug mir ein Freund vor, es doch einfach mal über E-Bay zu versuchen. Zunächst zögerte und zauderte ich. Vor meinen Augen sah ich all diese bösen Geschichten, die sich bei Dir so abspielen sollen. Du hast sicherlich auch schon davon gehört? Windige Händler, gefälschte oder kaputte Ware, nicht zahlende Kunden und so weiter. Als ich mir dann aber meine letzten Verkaufsaktionen in der Realwelt in Erinnerung rief, die in etwa so abliefen, als das mir Händler in typisch türkischer Basar-Mentalität etwa 100 meiner CD’s für ein Almosen „abkzuaufen“ gedachten; - dachte ich mir, dass es bei Dir eigentlich auch nicht schlimmer laufen kann. Also kaufte ich selbst zunächst einige Kleinigkeiten über E-Bay, um als Händler Vertrauenspunkte zu sammeln. Es war und ist allerdings noch heute ein leicht befremdliches Gefühl wildfremdem Menschen Geld zu überweisen, und dann darauf zu hoffen, anschließend von diesen auch etwas zugeschickt zu bekommen. Aber bis auf eine Ausnahme (anstatt eines Latexoveralls bekam ich ein Päckchen mit Latexstreifen zugesandt, die aber eventuell irgendwann einmal als wertvolle Kunst gelten werden, lief bei Dir bis zum heutigen Tage alles glatt.
In einem Anfall grenzenloser Selbstüberschätzung setzte ich in meiner ersten (und bislang größten) Verkaufsaktion 70 Artikel ein. Und naiv, wie ich im Umgang mit Dir nun einmal war, ließ ich alle Artikel am selben Tag und dabei sogar fast zur selben Minute auslaufen. Ich kann Dir flüstern, es war ein Heidenspaß, als ich kreischend zwischen meinen 70 zum Verkauf stehenden Artikeln hin und herschaltete. Dabei befand ich mich in einem Zustand zwischen purer Verzweiflung (… warum bietet denn niemand mehr als 1 Euro für diese geile CD?) und positiver Fassungslosigkeit (…warum will da jemand 120 Euro für eine alte Lupe bezahlen?). Nun, meine CD musste ich leider für einen mickrigen Euro hergeben, dafür aber brachte mir das Vergrößerungsglas etwa das Dreißigfache von dem ein, was ich mir erhoffte. Und als mir der Empfänger der Lupe dann noch voller Seligkeit per E-Mail mitteilte, wie toll er diese doch finden würde; - spätestens von diesem Augenblick an war ich in Dich verschossen, denn auf dem Flohmarkt hätte ich mir diese Lupe für 5 Euro abnehmen lassen. Inzwischen habe ich alles über E-Bay verkauft, was in meiner Wohnung irgendwie verkäuflich ist und von mir nicht mehr unbedingt gebraucht wird. Oder benötigt vielleicht jemand echtes Hamburger Leitungswasser – abgefüllt in Plastikbeuteln? Nun, hoffentlich tauche ich nicht bald in jener Statistik auf, von der die Kriminalpolizei in letzter Zeit häufiger spricht. Rund um E-Bay ist nämlich eine ganz neue Art von „Beschaffungskriminalität“ entstanden. Eines möchte ich bei aller Freude über Deine Existenz dann aber doch noch anmahnen dürfen: Meine Verkäufe bei Dir haben mir zwar ein nettes Sümmchen eingetragen und sicherlich hätte ich diese Summe nie erzielt, wenn ich mein „Krimskrams“ z.B. auf Flohmärkten verramscht hätte. Nur, was nützt mir all dies, wenn Du Millionen von Artikeln anbietest und somit labile Menschen wie mich geradewegs dazu nötigst, ihr soeben eingenommenes Geld sofort wieder an wildfremde Leute zu versenden? Dennoch sende ich Dir einen herzlichen Gruß PS: Scheiße, ich muss jetzt gang schnell Schluss machen, denn ich sehe gerade, dass ein Artikel ausläuft bei dem ich nicht überboten werden will. Will denn wirklich niemand Leitungswasser von mir ersteigern?
Bye A. Pahlke © Arne Pahlke 2005 |
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