|
Liebesbotschaften im Konzert Mittwoch, 13. April 2005
Eigentlich wollte ich einen ausnehmend aufschlussreichen Konzertbericht abliefern. Obgleich, aufschlussreich zeigen sich folgende Zeilen auch, allerdings nicht auf eine Weise, wie ursprünglich von mir geplant.
Ein Weggefährt hat mich gestern zu einem Heinz-Rudolf-Kunze-Konzert eingeladen. Einerseits habe ich mich über dieses Geschenk gefreut, andrerseits fühle ich mich inmitten von Menschenansammlungen äußerst unwohl und empfinde ein Verweilen in einer solchen Horde Humanoiden als peinvolle Last. Ja, ich rutsche dadurch mitunter sogar in Angst- und Panikzustände, woraufhin ich fluchtartig einen menschenleeren Platz aufsuchen muss, was dann wiederum mein gesamtes Befinden wund schlägt. Auch deshalb lag mein letzter Konzertbesuch bereits über 3 Jahre zurück – übrigens auch ein Kunze-Konzert.
Bereits wenige Minuten nach Konzertbeginn glitt ich in eine Stimmung, wie ich sie so schon lange nicht mehr erlebt habe. Lautstark unterstützten die Konzertbesucher den Liedermacher, bei einer seiner wenigen leichtverdaulichen Songtextpassagen:
„… egal ob Kontinente weit oder einen Augenaufschlag nah, solange ich am Leben bin, find ich Wege zu dir hin ...“.
Just in diesen Moment wanderte mein Blick ins weite Rund. Und da wurde meinem kleinen Flüchtlingsherz so furchtbar warm und kalt zugleich, als ich dort – links und rechts von mir lauter Menschen sah, die sich zärtlich anschauten, die einander einen Kuss zuhauchten oder sich anderweitig ihre Zuneigung bekundeten.
Und als mein kleiner von mir hochgeschätzter dicklicher Literat, Liedermacher und Rockpoet dann bei seinem nächsten Song, mit seiner wunderbar geschliffenen Balladenstimme verkündete: „Du wirst nie zuhause sein, wenn du keinen Gast, keine Freunde hast, dir fällt nie der Zauber ein, wenn du nicht verstehst, dass du untergehst wie alle Menschenschänder…“, fühlte ich mich direkt angesprochen und ausgeleuchtet.
Ganz allein und abgeschieden fühlte ich mich in diesen bangen und mich doch ungemein auffangenden Augenblicken. Ich schloss meine Augen und sie wurden mir feucht. Und diese Feuchtigkeit fühlte sich an, wie die ersten Regentropfen eines Monsuns, der neue Lebenskräfte trägt.
Ich werde nie zuhause sein, wenn ich auch weiterhin mein selbst gewähltes fast völlig isoliertes Dasein führe, schoss es mir durch den Kopf. Ja, oft schon spürte ich diese für mich unangenehme Wahrheit; - aber selten kam sie in einer derart kraftvollen und mich aufbauenden Urgewalt daher. Um mich herum wippten singende und sehnende Menschen und inmitten dieser Masse schaute ein kleiner Arne verstört in sich hinein.
Bin ich nicht auch ein kleiner Menschenschänder, der mit seinen Worten auch nachweislich gute Taten von Menschen schändet, weil er kein Zuhause hat, sondern lediglich seinen Notzufluchtsort der Einsamkeit?
Warum aber fühlte ich mich dennoch aufgefangen in diesen Augenblicken? Nun, ganz einfach; - ich spürte, dass ich voll von Sehnsucht war – das ich voll von Sehnsucht bin - und wo immer Sehnsucht brodelt, dort ist das Leben.
 |
Das Konzert fand in der “legendären” Großen Freiheit 36 statt
Irgendetwas muss dann kurzzeitig mit meinem Gesichtsausdruck passiert sein, da mich plötzlich lauter zärtliche Augenpaare anschauten – oder spiegelten sie einfach zurück, was ich in diesen Momenten ausstrahlte, einen Sack voll Zärtlichkeit für die ganze Welt? Mir schien, als sänge Heinz Rudolf Kunze nun vor allem für mich, - für mein (selbst)verwundetes Wesen. Immer mehr umschlangen mich seine Textbilder, gleichzeitig mütterlich wie mahnend:
„Du bist zu scheu für jede Frau, wenn man sie nur von weitem mag, denn aus der Nähe wirst du monströs …“, „… am Ende des Wegs wartest immer noch du, das ist die Wahrheit vom blutigen Schuh…“.
Wie soll ich es schreiben, ohne mich in Arabesken aufzuhängen? Ich mach es lieber einfach: Ich war voller Sehnsucht.
Oh, wundersame Schöpfung, ich wollte lieben – jetzt sofort und auf der Stelle. Ich sehnte mich danach, eine Frau an meiner Seite zu haben und ich schämte mich nicht, mir dies in diesem Augenblick einzugestehen. ich konnte mir eingestehen, dass ich in diesem Moment wie ein Bettler dastand. Ich wünschte mir eine Frau, eine ganz natürliche Frau – schnörkellos - um mir ihr meine Freude und unser beider Bewusstseins zu erleben. Ich wünschte mir eine Frau, um sie sanft zu einer Ballade in meinen Armen zu wiegen, ihr den Nacken küssend; - ihr deutend, dass sie von mir gebraucht wird.
Ich atmete diese Sehnsucht, wohl wissend, dass ich mir davon einen Vorrat anlegen musste. Und ich dachte dabei an die mahnenden Worte einer Frau, der ich vor gar nicht allzu langer Zeit begegnen durfte. Sie musste miterleben, wohin ich mich durch meine Isolation bereits getrieben habe. Sie musste miterleben, wie ich vor lauter unerfüllter Sehnsucht zusammengebrochen bin. Und dafür, dass sie mich so verletzt zu Gesicht bekam, wurde sie von mir bestraft. Ich strafte sie mit verletzenden Wortgeschossen eines Schwerverwundeten.
Ich stand wenige Meter von der Bühne entfernt und sang mit Heinz im Duett:
„…aus den Rissen deiner Schläge sprudeln Texte, manche kommen von Der-Teufel-weiß-woher...“.
Und mir wurde einmal mehr klar, dass ich meine Schreiberei viel zu häufig als Vernichtungswaffe einsetze. Und dann fing ich an, Kunzes Verseinheiten meiner eigenen Elendsexistenz anzupassen, - sie auf mich zurechtzuschneiden:
„. seine Schriften sind scharf geschliffne Äxte, sein Herz ein fast zugefrorenes Meer. Aus den Wunden seiner Seele sprudeln Texte, sie treffen dich wie ein kalter Speer. Er hat sein eigenes Schloss gefunden - hier bleibt einer jeden Menschenseele der Zugang verwehrt; hat sich von der Welt schon fast entbunden und sich nebenbei sein Herz gegerbt. Doch kaum jemand anderes kam dem Verhängnis so entsetzlich nah, und war gleichzeitig verzweifelt wie dieser verletzte Narr …“
Ich bin glücklich, dass ich dieses Konzert erleben durfte. Dennoch wollte ich das letzte Lied der dritten Zugabe nicht mehr hören, wohlwissend welche Worte ich dann noch mit auf den Nachhauseweg bekommen hätte:
Ich war und bin und bleib für immer ohne dich verloren. Du hast mir meinen Kopf erklärt, mich nochmal neu geboren. Die Klinge, über die ich springe, hab ich selbst geschliffen. Das alles hab ich viel zu spät und nur durch dich begriffen.
Danke Heinz!
|