Mars macht mobil

® Arne Pahlke, Juni 2011

 

Am 27. März 2031 wurde einer der größten Menschheitsträume des 21. Jahrhunderts wahr, denn es war der Tag, an dem erstmals ein Mensch einen Fuß auf den Roten Planten setzte. Allerdings wurde dieser Mensch nur wenige Sekunden nach dieser historischen Oberflächenberührung vom Mars geschluckt. Und dieser Mensch, der da urplötzlich - und zwar vor den Augen von weit über vier Milliarden Fernsehzuschauern - in dem rostroten Sand verschwand, dieser Mensch war ich.

Nachdem der Kernreaktor die Hypertriebwerke gezündet hatte und die Pathfinder-12 sich anmutig in die Stratosphäre schob und ihren mit 286 Tagen angesetzten ersten bemannten Flug zum Mars antrat, war dies der Auftakt zum größten Abenteuer unseres Lebens.

Wir, das waren fünf Besatzungsmitglieder, die sich auf nicht einmal 20 Quadratmetern frei begehbarer Fläche dazu aufmachten, ein ungefähr 70 Millionen Kilometer entferntes Ziel anzusteuern.

Dies klingt nach einem monumentalen Trip, nicht wahr?

Und doch fühlte sich die Expedition für uns weit weniger abenteuerlich an, als es die erste Mondlandung für die Mannschaft der Apollo 11  im Jahre 1969 getan haben muss.

So wurde jedes noch so kleinste Detail an unsrer „Mission-to-Mars“ tausendfach vorab simuliert. Und für jedes noch so kleine möglicherweise auftretende technische  Problem gab es mehrere variable Lösungswege. Etwa in Forum alternativer Programmroutinen oder sich automatisch auswechselnder Ersatzmodule. Den Großteil des Fluges waren wir somit kaum mehr als Handlanger der Bordcomputer und ausführende Figuren der Befehlseinheit der Bodenstation. Und auf dem Mars gelandet, sollten wir vor allem Messergebnisse bestätigen, die Dutzende Sonden und Marsmobile in den letzten drei Jahrzehnten zur Erde geliefert hatten.

Kritiker dieser Expedition unkten deshalb,  dass dieser erste bemannte Flug zum Mars weniger eine Erkundungs- und Entdeckungs- als vielmehr eine sündhaft teure Bestätigungsexpedition  eines bereits gewonnenen Wissens sei. Und fürwahr, es wurden bereits Milliarden von Daten über den roten Riesen gesammelt und unter Einbeziehung komplexester Vorgänge ausgewertet. Bereits vor der ersten Begehung wussten wir scheinbar alles über die Atmosphäre, das Klima, die Zusammensetzung und Oberfläche dieses Gestirns. Und somit konnte es durchaus sein, dass das Zelebrieren dieses  „Yes-we-can-Gefühls“ die wichtigste Aufgabe unserer Reise war. Denn schließlich war man unten auf der Erde nach mehreren verehrenden Naturkatastrophen - mit einem bis dato nicht gekannten Ausmaß,  hungrig auf dieses wärmende Gefühl, dass wir Menschen am Ende eben doch jedes Hindernis überwinden können, wenn wir nur wollen.

Wie dem auch sei. Als ich nach dem langen Flug tatsächlich als erster Mensch einen Fuß auf den Mars setzen durfte, war ich von der Magie des Augenblicks derart überwältigt, dass meine ersten und letzten Worte in Richtung Erde - rückbetrachtend gesehen – sehr naive Worte - waren.

“Der Mars ist unser!“,  rief ich.

Tja, und nachdem ich diese infantile Eroberungsformel kundgegeben hatte, zog mich etwas in die Tiefe; -  sog etwas mich wie durch einen monströsen Saugrüssel hinab, mitsamt dem sandigen Boden und dem alles überdeckenden Eisenoxid-Staub. Und zum Glück verlor ich dabei fast augenblicklich mein Bewusstsein.

 

 

Nachdem ich mein Bewusstsein wiedererlangt hatte, fand ich mich in einem Raumschiff wieder. Allerdings nicht in der Pathfinder-12, sondern in einem anderen, welches nicht wie ein Flugkörper aussah, sondern wie ein gigantisch großer Golfball, in dessen Innern ich mich befand. Und in diesem riesengroßen Golfball trieb ich nackt in einer etwa fünf Meter hohen Röhre, die mit einen etwa halb so großen Durchmesser aufwartete. Die Röhre war vollständig mit einer fluorisierenden Flüssigkeit gefüllt. Dennoch verspürte ich keinerlei Atemnot, sondern konnte diese grünlich schimmernde Soße atmen wie Luft.  Und mit mir in der Röhre steckten die übrigen vier Besatzungsmitglieder der Pathfinder-12, die mich genauso ungläubig und bescheuert anglotzten wie ich sie.

Doch viel Zeit zum blöd schauen blieb uns nicht, da der überdimensionale Golfball sich unter lautem Donnergrollen an die Marsoberfläche bohrte, um dann katapultartig  in den Himmel zu schießen. Und irgendetwas in der Flüssigkeit ließ  uns schlagartig in einen tiefen Schlaf fallen.

Als wir aus unserem komatösen Schlaf erwachten, befanden wir uns im Anflug auf irgendeinen gottverdammten Planeten, der 500 Millionen oder vielleicht auch 500 Milliarden Kilometer von der Erde entfernt lag. Was spielt das schon für eine Rolle!?

Die Außenhülle des Golfballraumgleiters erinnerte  an ein leicht milchiges Glas und wir konnten hindurchschauen und sahen rings um uns herum hunderte dieser golfballähnlichen Flugkörper, wobei unser Schiff zu den Kleinsten zählte.

Sie möchten wissen, was dann passierte?

Nun, ich fasse mich kurz, da ich allen Anschein nach nicht mehr sehr viel Zeit habe.

Wir landeten butterweich auf einem riesigen Platz. Und aus sämtlichen golfballförmigen Raumgleitern wurden diese Röhren von hochpräzise agierenden Maschinenwesen abgeladen. Und in jeder Röhre steckte ein oder mehrere lebende Wesen. Manche dieser Wesen ähnelten Mutationen aus Mensch und Tier; - andere hingegen schienen geradewegs aus einem Science-Fiction- oder Horrorfilm entliehen. Und während einige dieser Kreaturen so klein waren, dass hunderte oder gar tausende von ihnen in einer Röhre steckten; - waren andere so groß, dass sie vor ihrer Einlagerung zerlegt wurden. Denn in manchen Röhren trieben nur riesige Köpfe oder Teile von Gliedmaßen und Innereien.

Und jetzt, wo wir in dieser Halle einer gigantisch großen Fabrikanlage stehen, ist uns klar, dass es nicht auf ein diplomatisches Treffen auf Augenhöhe hinauszulaufen wird.  Denn um uns herum sind Abbildungen und  Illustrationen von Herstellungsprozessen zu sehen; - Herstellungsprozessen von Lebensmitteln. Und diese Lebensmittel befinden sich  allen Anschein nach in den Röhren mit dieser fluoreszierenden Flüssigkeit, die wohl nicht zuletzt   für die Haltbarkeitsmachung der Lebensmittel dient.  Und da nicht nur wir fünf Marsreisenden spätestens jetzt begriffen haben, in welch scheußlicher Lage wir  stecken, macht sich langsam Panik in den Röhren  breit. Wohl auch deshalb, weil es hier nur so von  7-8 Meter großen, aufrecht gehenden schabenähnlichen Kreaturen wimmelt, die den Inhalt der Röhren genauestens inspizieren.

Ja, es besteht kein Zweifel mehr. Wir befinden uns hier in einer Fabrik  – und zwar in einer Lebensmittelfabrik – und zwar als Lebensmittel!

Und so denke ich, dass es sie nicht überraschen dürfte, wenn ich ihnen jetzt sage, dass mir dieses typisch amerikanische „Yes-we-can-Siegerlächeln“ irgendwie abhanden gekommen ist.

Ich sollte mich aber dennoch nicht beschweren. Immerhin war ich der erste Mensch, der einen Fuß auf dem Mars gesetzt hat. Ok, es war ein kurzes und zweifelhaftes Vergnügen. Aber besser kurz als gar nicht.

Natürlich wäre ich lieber als großer Triumphator auf die Erde zurückgekehrt, als in dieser Fabrik als Schabenfutter zu enden. Aber wie lange hätte ich denn meinen Triumpf auf der Erde auskosten können? Wie lange dauert es wohl noch, bis die Riesenschaben ihre unbemannten Fangschiffe auch auf die Erde schicken? Oder sind sie vielleicht schon da, um Kammerjägerfangen zu spielen? 

Ok, immerhin weiß ich jetzt, dass es außerirdisches Leben gibt. Und davon gingen unsere Wissenschaftler auf der Erde ja ohnehin bereits seit längerer Zeit aus. Aber das wir direkt bei unserem ersten längeren Ausflug ins All auf Außerirdische treffen werden; - und zwar in Form von hochintelligenten und uns scheinbar nicht nur in technischer Hinsicht weit überlegenden Riesenschaben, eben damit haben wir nicht gerechnet.

Und deshalb endet  hier an diesem Ort  das größte und letzte Abenteuer unseres Lebens.

Wohl bekommt’s!

 

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