Mein Weggefährt

Schon seit annähernd zwanzig Jahren ist er mir ein Weggefährt auf meiner Reise. Oder  sollte ich eher sagen, auf der Reise, dessen Endstation kontinuierlich näher rückt?

Welcher Bastard hat unsere Jugendzeit  so gierig hinuntergeschlungen? Wer hat sie gefressen, so wie wir heute Woche für Woche unsere Familienfleischplatte bestellen und sie verschlingen. Und zwar gleich zweier hungriger, einsamer, alternder Wölfe, die ihre Befriedigung mehr und mehr darin suchen (und zu finden glauben), indem sie massenweise totes Fleisch vertilgen, weil sie sich für die Jagd auf Lebendiges zu müde und unappetitlich fühlen.

Wir sind zu harmlosen und bemitleidenswerten Haustierchen mutiert. Man muss nur darauf achten, uns ausreichend Fleisch in unsere selbst gewählten Käfige zu schmeißen. Wie lächerlich wir wohl aussehen mögen, wenn wir bereits eine Viertelstunde nach dem Anruf beim Lieferservice, wie zwei ausgehungerte, eingesperrte Kreaturen am Fenster kleben. Und wie erbärmlich es wohl aussieht, wenn wir  den Vorhang beiseite schieben und uns gegenseitig fragend anschauen, wann wohl endlich unsere Fütterung stattfinden mag.

Die Messer sind gewetzt. Die Gewürze stehen bereit. Unsere Vorfreude ist jedes mal aufs Neue groß. Und unsere Waagen wiegen immer schwerer. Sie spielen bei unserem Selbstbetrug einfach nicht mit - gleich wohin man sie auch (ab)stellt.

Unsere Selbstvorwürfe blähen sich wie unsere einst nach innen gewölbten Bauchdecken. Wir sind voll von Hunger und dennoch ohne jeden Appetit. Und immer häufiger stört unser eigenes Antlitz unsere Befindlichkeit.

Wir sind zu dem geworden, von dem  wir nie annahmen, dass wir “so etwas”  jemals werden. Und wir werden, machen wir uns nichts vor, irgendwann zu Mutationen,  wie wir sie einst verachteten!

Erinnerst du dich noch, Thomas, als ich damals erstmals in dein Zimmer trat?

Dein Zimmer war voll gestopft mit Möbeln aus den siebziger Jahren des ausgelebten Jahrtausends. Und eine Stimme tief in mir rief mir zu: "Hol den Jungen hier raus!" Hört sich das nicht entsetzlich an, Thomas? Wir stellten einander unsere Minderwertigkeit vor und  tauchten  in die anarchische Sorglosigkeit der frühen Jugendjahre. Zumindest lebten wir mit diesem verblendeten Bewusstsein. Stundenlang versuchten wir uns als selbst ernannte Weltraumgenies in einem Spiel auf dem Atari 2600. Für alle Spätgeborenen sei angemerkt, dass dies seinerzeit die leistungsfähigste Spielkonsole auf dem Weltmarkt war. Nicht verschweigen will ich indes, dass ihre Speicherkapazität heute nicht einmal mehr dazu ausreicht  eine akzeptable Bannerwerbung im Internet zu erstellen. Aber, was soll's! Wir beide waren selig mit dieser Konsole - selig als verkrüppelte Kosmonauten.

Und daran  vermochte selbst Thomas Mutter nichts  zu ändern, die immerfort (besorgt um ihren einzigen Sohn) in sein Zimmer stürmte und dadurch unsere wichtigen Andockmanöver im Weltraum wieder und wieder unterband.  Wir haben es lebend nie zurück auf die Erde geschafft. Vielleicht war dieses Spiel ja  ein Fingerzeig auf unser noch vor uns liegendes Schicksal:

"Schaut! Im Abheben seid ihr beide groß, doch ihr bekommt einfach keinen Boden unter die Füße!", mag da eine unhörbare Stimme geunkt haben. Wir haben uns gesehen und und haben in unserem offensichtlichen Elend zueinander gefunden, wenngleich wir uns nie wahrhaftig gefunden haben. Menschen sind unfähig einander wirklich zu begegnen! Zu sehr sind sie Individuen.

 

Ich als 21 Jähriger

 

Was führte uns in den zurückliegenden zwanzig Jahren eigentlich immer wieder auf so gänzlich unspektakuläre Weise zusammen?

Pubertäre Ausflüge mit Billigblousons und Fönfrisuren a la Miami Vice. Mit diesen Aufzug machten wir übrigens weit weniger Eindruck auf die Frauenwelt, als wir uns dies erhofften. Aber wenn man jung ist, dann ist das Leben ein einziges Abenteuer und man hält sich selbst als Loser für ein SiegerUnd deshalb, auch wenn unser Leben bereits früh  in die Abteilung Tragödie gehörte, war dies für uns noch lange kein Grund darüber traurig zu sein. Schließlich besaßen wir noch ausreichend Kraft, Hoffnung und Zuversicht. Denn  wir waren jung und schön - und unsere Eltern waren unsere gepolsterten Hängematten, auf denen wir uns immer dann ausruhen konnten, wenn uns nach einer geballten Ladung Übermut wieder einmal kurzzeitig die Luft ausging. Und dann gab es ja noch unseren Seelentröster - den Gevatter Alkohol.

Hoffentlich kommt die Fleischplatte bald. Hätten wir nicht doch lieber eine Portion Gyros extra bestellen sollen? Was sagst du da? Nach dem Essen willst du unter Menschen gehen? Aber wozu und wohin? Und welche Menschen kann man uns noch zumuten, wenn wir uns schon selbst  nicht mehr ertragen können?

Wir haben Großes zusammen geleistet! Große Hirngespinste, große Vorhaben und große Abstürze. Wir haben gesoffen und nach Frauen gespäht. Und später dann, als mich neben fetten Weiberärschen auch kleine feste Männerarschbacken irgendwie ganz seltsam in ihren Bann zogen, hat mich Thomas auch auf dieser Treibjagd begleitet. So etwas nennt man wohl Loyalität? Obgleich, ganz so selbstlos war Thomas auch  nicht. Schließlich war er es ja, der Jahre zuvor mit diesem Wildwechsel im geschlechtsgleichen Gehege angefangen hat:

Ich war ungefähr zwanzig Jahre jung, als er mich auf ziemlich dreiste Weise verführte. Sein jugendlicher Hormonspiegel schien verrückt zu spielen. Na ja, nach gutem Zureden seinerseits hatte ich dann irgendwann sein Gehängsel im Mund. Doch vor lauter Scham stülpte ich mir vorher noch eine Decke über den Kopf. Mein Gott, was war ich damals süß.

Thomas, schau nur!

Das ist doch das Auto vom Lieferservice. Ich hol schnell die Teller. Soll ich für jeden von uns drei holen? Einen für das Fleisch, einen für die Pommes und den dritten Teller für die Beilagen? Hoffentlich werden wir auch satt!?

Fragt uns bitte nicht, ob unser animalischer Hunger nach fettem Fleisch womöglich nur Hunger nach unstillbarer Liebe ist.

Bitte, bitte, fragt uns nicht! Wir wollen es nicht wissen! Und ihr doch auch nicht oder? Wir sind euch egal und wir wollen fressen!

Einige Jahre lang haben wir uns nicht gesehen. Ich befand mich inmitten eines Drogentunnels mit wunderbaren, gar teuflischen Imaginationen. Und mein Freund Thomas befand sich  auf dem vermeintlich rechten Weg der Tugend. Tatsächlich aber keimte zu dieser Zeit auch in ihm bereits die Ahnung, dass er nicht für das geschaffen ist, was die Mehrheit Mensch Normalität nennt.

Ein Mensch in der zivilen Welt ist immer auch ein Stück weit Hure. Ich war damals so aufrecht, mir dies einzugestehen und mich zur Hure berufen zu fühlen. Alkohol wurde unser beider Ersatz für verpasste Liebe, erstorbene Hoffnung, verkümmerte Träume, verwelkte Mutter- und Vaterliebe - für was immer ihr auch wollt! Und heute sind wir da angelangt, wo wir nie hinwollten. Aber wir sind da und keiner holt uns mehr von hier ab oder gar zurück.

Es klingelt an der Tür. Der Duft steigt in unsere Nasen - wir sind wie betäubt davon. Wir schmeißen den Mann mit dem Fresspaket das Geld vor die Füße und weiden uns an den toten Köstlichkeiten. Dieser Akt haucht uns Lebendigkeit ein - diese Minuten des gierigen Hinunterschlingens. Und wir hoffen, das unser Hunger nie vergehen möge.

Doch er vergeht, wie alles vergeht. Der Verwesungsgeruch liegt bereits in der Luft. Und wir mögen nicht daran denken, was geschieht, wenn uns selbst die Lust aufs Fressen vergeht...

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