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Meine letzte Therapiestunde
„Wissen Sie, ich fühle mich in letzter Zeit wie ein antiquierter Überschallflieger, der mit fehlerhaften und somit unbrauchbaren Navigationsgeräten ausgestattet ist. Ich fliege irgendwie wie ein schlafwandlerischer Seinichts durch mein Traumall und ecke überall an. Seltsamerweise bleibe ich dabei aber dennoch nirgendwo haften“, gebe ich meinem Therapeuten melodisch und im gleichgültig lakonischem Plauderton zu verstehen. „Ihnen fehlt es an sozialer Kompetenz“, hüstelt dieser und schlägt, während er dies äußert, eine Stubenfliege tot, deren Flügelschlag mein Gedankenflug bis dato höchst fruchtbar begleitet hatte. „Ich fühle mich von allem Irdischen nach eigenem Belieben losgelöst und bin dennoch gefangen in der verflochtenen Kloake irdischer Bedeutungslosigkeit. Ich bin sozusagen ein qualitativ hochwertiges Nichts im All. Ja, ich bin ein Nichts im Überall – und um mich herum wuchert der Verlust am Sein.“, schimpfe ich und werfe meinen Kopf trotzig nach hinten. „Ich wünschte, ich wäre wieder im Bauch meiner Mutter. Manchmal träume von ihm als Kosmos, in dem ich geborgen und von mir selbst verborgen nur noch Nutznießer einer Existenz sein darf, die wiederum nur der kleinstdenkbare Staubkorn Gottes ist.“
Mein Therapeut schüttelt seinen (für seinen Körper viel zu große)n Kopf: „Sie flüchten sich da doch schon wieder in eine ganz gefährliche Scheinrealität“, nestelt er und blättert gelangweilt in einem Tennismagazin. „Ja, ich weiß. Aber ich fliehe doch gar nicht vor der Realität, sondern diese fremdartige Realität, von der sie mir gegenüber immer so zwingend als die Wirklichkeit sprechen, eben diese Realität geht mit mir einfach immer seltener konform.“ Mein Psychiater schiebt sich seine Lesebrille gerade und scheint sich mehr in einen Artikel seines Tennismagazins zu vertiefen, als in meine Ausführungen über Realitätsverkettungen. „Stellen sie sich meinen Versuch in der Realität zu verbleiben einfach wie folgt vor…“, beginne ich mich dessen ungeachtet zu erklären, ohne Hoffnung allerdings, von ihm verstanden zu werden: „Es ist im Grunde genommen wie vor einem ordinären Tennismatch. Eigentlich scheine ich phantastisch auf das Spiel vorbereitet zu sein. Wenn das Match dann aber beginnt bekomme ich plötzlich keinen einzigen Ball mehr übers Netz. Nicht einen einzigen verfluchten Ball bekomme ich dann noch über dieses bescheuerte Netz. Und das Spiel läuft völlig an mir vorbei. Ich frage mich dann resigniert, ob es überhaupt noch Sinn macht weiter zu spielen?“ „Sehr interessant …“, antwortet mein Psychiater, der durch meine bewusst herbeigeführte Verknüpfung mit seinem Lieblingshobby blitzartig von meinen Ausführungen berührt scheint: „Natürlich macht es Sinn weiterzuspielen, da sie das Spiel doch gewinnen wollen, oder aber zumindest zurück in selbiges finden möchten, weil das Spiel ihr Leben ist.“ Grübelnd schaue ich mir daraufhin jenen Mann an, der jede Woche 80 Euro von meiner Krankenkasse erhält, damit er an meiner Gesundung mitwirkt, von der ich mich zunehmend frage, wie diese eigentlich auszusehen hat, wenn sie irgendwann einmal abgeschlossen sein sollte!?
Er sieht irgendwie recht lustig aus, mein Psychotherapeut. Nun, vor fünf Jahren hätte ich an dieser Stelle wahrscheinlich geschrieben, dass er erbärmlich und lächerlich ausschaut. Nur mittlerweile habe ich schließlich Unmengen esoterischer und bewusstseinserweiternder Bücher gelesen und bin dadurch viel ausgeglichener, menschenfreundlicher und versöhnlicher geworden. Na, ihr wisst schon, was ich meine, oder? Kosmische Liebe, Erleuchtung und all dieser Kram. „Nein, wer sagt denn, dass ich das Spiel gewinnen will oder in das Spiel zurück finden möchte? Es ist doch schließlich nur ein Spiel, oder?“, fahre ich ruckartig fort. „Ja das ist es… “, antwortet der lustige Mann und wippt dabei auf seinem Schaukelstuhl irritiert und mit dem Anflug von Verzweiflung in seiner Stimme hin und her. „Sehen sie, also flüchte ich doch gar nicht vor der Realität, sondern höchstens von der einen Fiktion in die andere. Und die andere Fiktion, also meine Realität, die ist mir nun mal weitaus lieber als jene, die sie so sorgsam in ihrem Schoß liegen haben.“ „Wie bitte?“, antwortet mein Analytiker und wirft das Tennismagazin verärgert und leicht echauffiert auf den vor ihm stehenden Tisch. „Nun, ich wollte damit doch nur sagen, dass ich sehr wohl in der Realität verweile, aber wie es mir scheint habe ich eben eine gänzlich andere Vorstellung von der Realität, als z.B. sie und all jene Menschen, die sich solche Tennismagazine kaufen. Und die in diesen Magazinen blättern, während andere Menschen mit ihnen über Realitäten sprechen wollen.“
„So kommen wir nicht weiter, Herr Pahlke“, grummelt mein bezahlter Zuhörer. Ich nicke zustimmend, denn dies war meines Erachtens immerhin sein bislang bester Beitrag in dieser meiner letzten Therapiestunde. „Gut, dann spielen wir eben wieder Tennis.“, lenke ich ein und verschränke meine Arme vor meiner Brust. „Das ist nicht lustig.“, bockte er. „Ich habe ja auch nicht behauptet, dass ich Tennis spielen lustig finde. Doch wenn es mir helfen könntemich besser in der von der Mehrheit als Realität befundenen Realität zurechtzufinden, dann würde ich eben versuchen zurück ins Match zu finden.“ „Na gut, dann versuchen wir es eben noch einmal von Anfang an“, gibt mein Helfer im genervten Tonfall von sich. „Geht das Match über zwei oder drei Gewinnsätze?“, frage ich ihn freudig erregt. „Aber das ist doch nun wirklich total egal, meine Güte.“, faucht mich mein Gegenüber an und scheint sich dabei in seinem Schaukelstuhl in Rage zu wippen; versucht sich dann allerdings rasch wieder zu beruhigen, als ihm dieses Aufkeimen eines leichten Kontrollverlustes ins Bewusstsein dringt. „Na gut, dann spiele ich eben über zwei Gewinnsätze, so kann ich meine Kraft effektiver bündeln. Oder sollte ich vielleicht doch lieber über drei Gewinnsätze spielen?“, frage ich mich laut: „Dann hätte ich nämlich die Möglichkeit Fehler besser auszubügeln, allerdings bedarf es hierfür einer größeren Kondition.“
„Mein Gott, so fangen sie doch endlich an zu spielen“, schimpft mein Therapeut ungehalten und schaut mich abwertet an, um dann nach einer kurzen Pause anzufügen: „Und, was passiert jetzt?“ „Nun, der Ball ging wieder ins Netz.“ „Gut, nächster Ball“, giftet er. „Wieder ins Netz“, antworte ich lakonisch. „Weiter, weiter“, treibt er mich forsch an. „Nun, leider habe ich auch diesen Ball ins Netz gespielt.“, flüstere ich kleinlaut. „ Na, dann los, gleich noch einmal!!!“, antwortet der Zappelphillip und erhebt sich aus seinem Stuhl. „Wieder nix!“, pariere ich zerknirscht. „Aber so bringt das doch nun wirklich keinen Spaß.“, schimpft mein Analytiker: „Sie haben ihr Aufschlagspiel ja zu Null verloren.“, poltert er mich an und schaut mit gespieltem Desinteresse aus dem Fenster. „Aber das versuche ich ihnen doch die ganze Zeit zu erklären. Ich fliehe nicht vor der Realität sondern diese geht mit mir eben einfach nicht konform.
So, und nun will ich kein Tennis mehr spielen“, fauche ich mit leicht beleidigtem Unterton in meiner Stimme. „Mein Gott, dann spielen sie doch was sie wollen“, antwortet mein Therapeut trotzig. „Gut, dann spiele ich Hyperraumfangen.“ „Was zum Teufel ist das denn schon wieder für ein ausgemachter Blödsinn?“, poltert mein Gegenüber und haut mit seiner Faust wütend aufs Fensterbrett, sodass die von ihm zuvor erschlagene Fliege zu Boden fällt. „Ach, eigentlich nichts Besonderes“, antworte ich: „Man fliegt halt einfach überall durchs All und landet mal hier und dort und fängt Eindrücke.“ Mein Psychiater kommt auf mich zu und schaut mir tief und böse, vor allem aber verletzend in die Augen: „Ich kann und will mit ihnen so nicht länger weiterarbeiten. Meine Zeit ist mir einfach zu kostbar, um sie mit Klienten ihrer Sorte zu verbringen, die nicht ernsthaft an einer therapeutisch hilfreichen Maßnahme interessiert sind.“ „Das haben sie gut erkannt“,antworte ich ihm freundlich lächelnd: „Ich meine, dass ihre Zeit kostbar ist. Schon von der ersten Therapiestunde an hatte ich das Gefühl, dass sie besser Gärtner hätten werden sollen, um mehr Ruhe oder Gelassenheit zu finden oder aber Tennistrainer, anstatt sich mit Menschen wir mir auseinanderzusetzen, was ihnen meines Erachtens gar nicht gut liegt. Und deshalb ist ihre Zeit für diesen Kram hier gewissermaßen tatsächlich zu schade.“ „Herr Pahlke, ich bin der Meinung, es ist für uns beide besser, wenn wir unsere Zusammenarbeit hier und jetzt beenden.“ „Welche Zusammenarbeit?“, frage ich freundlich und erhebe mich von der Matratze, während ich mich von dem lustigen Narr zur Tür bringen lasse. Dort angekommen drehe ich mich dann noch einmal zu ihm um: „Sagen Sie, haben Sie damals eigentlich auch weinen müssen, als Boris Becker seinen ersten Sieg in Wimbelton errungen hatte?“ „Nein, habe ich nicht!!!“, zischt mein Ex-Therapeut wirsch und weist mir den Weg zur Tür. „Ach, Entschuldigung“, entgegne ich etwas geistesabwesend: „ Das war ja auch wirklich zu dumm von mir, seinerzeit Emotionen zu zeigen, wo Tennis doch nur ein Spiel ist.“
Sachte schließe ich Praxistür hinter mir. Und während ich so die Treppen hinabsteige, spiele ich in Gedanken einen phantastischen und eigentlich unspielbaren Volley übers Netz. In meiner Freude hierüber will ich gerade zurück zu meinem Ex-Therapeuten, um ihn die freudige Nachricht zu überbringen, dass ich endlich zurück ins Spiel gefunden habe, als ich just im selben Augenblick begreife, dass ich eigentlich die ganzen Therapiestunden über jeden Ball gekonnt retourniert hatte; nur eben, dass ich im Gegenteil zu meinem Therapeuten einfach ohne Netz und nach eigenen Regeln spielte. © Arne Pahlke, September 2003 |
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