Donnerstag, 16. Juni 2005

Meine Lieblingskinderbücher

Da ich mich als kleiner Bub eigentlich nur für die farbenprächtigen Innenleben meiner Bücher interessierte, kann ich mich nur an wenige Titel aus meiner Kleinkinder-Buchsammlung erinnern. Und woher sollte ich seinerzeit auch ahnen, dass ich die Buchtitel drei Jahrzehnte später für autobiografische Erinnerungen im Internet brauchen würde?

Da wäre zunächst einmal der Struwwelpeter, den wahrscheinlich viele, so sie in den 60ern (oder früher) geboren wurden, aus ihrer Zappelphilipp- und Daumenlutscherzeit kennen werden. Für mich ist es rückbetrachtend höchst erstaunlich, welch bizarre Anziehungskraft dieses Buch auf mich ausgeübt hat. Obgleich ich erst vier Jahre alt war, als ich dieses Buch von meiner Oma geschenkt bekam, begriff ich bereits nach dem ersten Durchblättern, worüber heute weitestgehend Einigkeit herrscht, nämlich dass der Struwwelpeter kein unbedingt empfehlenswertes Kinderbuch ist. Dennoch oder gerade deswegen haben sich viele, der darin enthaltenden Zeichnungen, bis heute in meinem Kopf eingebrannt, obgleich ich den Struwwelpeter seit über zwei Jahrzehnten nicht mehr in meinen Händen gehalten habe. Die Zeichnungen sind für Kleinkinderaugen durchaus verstörend, was für mich aber wohl gerade diese bizarre Anziehungskraft dieses Buches ausgemacht hat. Dieses Buch war sogar einer meiner gedruckten  Schätze. Es war ein unheimlicher und magischer Schatz, gut dazu geeignet, mir ein wenig Angst einzujagen. Und da ich ein kleiner Schisser war, konnte der Struwwelpeter diese Angst wirklich gut in mir herstellen. Zwar wusste ich, dass es nur ein Buch war. Doch bis etwa zum Zeitpunkt meiner Einschulung hielt die darin enthaltenden Geschichten  irgendwie doch für real. Am meisten gefesselt haben mich die Geschichten vom Damenlutscher, dem Suppenkasper und dem Feuerteufel. Ich denke, dies taten sie, weil ich mich insbesondere mit diesen drei Figuren identifizieren konnte. So war ich bis zum Eintritt meiner Pubertät ein Suppenkasper, lutschte gerne und oft an meinen beiden Daumen und Feuer übte auf mich bereits als kleiner Bub eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus.

 

Nein, ich mag  meine Suppe nicht! Nein, meine Suppe ess ich nicht!



Und obgleich die „liebevoll“ illustrierte Struwelliese mit einer identischen fragwürdigen pädagogischen Aussage daherkam, erzeugte dieses Buch bei mir keinerlei ängstliche Stimmungen. Stattdessen verbündete ich mich mit Struwelliese. Oder vielmehr verbündete ich mich mit ihren Charaktereigenschaften, wie ihrer Schlotterigkeit und Aufmüpfigkeit, ihrer Faulheit und Besserwisserei. Und so war ich immer wieder aufs Neue enttäuscht, das sich die Struwelliese am Ende der Geschichte in ein ordentliches pflichtbewusstes Mädchen verwandelte bzw. umerziehen ließ. Ach, liebend gerne würde ich die Geschichte noch heute zugunsten kindlicher Anarchie umschreiben.

Ein Kinderbilderbuch, in das ich ebenfalls gerne und oft abgetaucht bin, trug den märchenhaften Titel: „Die Wurzelkinder“. Meine Mutter schenkte es mir, als ich als Dreijähriger für eine Augenoperation in ein entferntes Krankenhaus musste. Ich verlor mich stets aufs Neue in den Bildern und erschuf mir dabei meist meine eigenen kleinen Geschichten.

Doch mein absolutes Lieblingsbuch in den frühen Kinderjahren war ein aufwendig verarbeitetes Märchenbuch, welches ausnahmslos Märchen der Gebrüder Grimm enthielt. Und auch, wenn ich die Märchen in diesem Buch kaum gelesen, sondern mich meist allein an den liebevollen Zeichnungen berauscht habe, verzauberte mich der Inhalt dieses dicken bilderreichen Wälzers immer wieder. Ich würde einiges dafür geben, wenn ich dieses Märchenbuch wieder mein Eigen nennen dürfte. Ich glaube, ich hatte es seinerzeit auf einem kleinen Flohmarkt in meiner Geburtsstadt Reinbek verscherbelt, als ich mich plötzlich zu alt für Märchenbücher fühlte.

 



Überdies besaß ich ein ziemlich dickes Buch, welches bereits leicht moderig roch, mit sehr kurzen Geschichten und vielen Liedtexten, welches ich ebenfalls gerne zur Hand nahm. Ich erinnere mich noch an viele Lieder aus diesem Buch. Die meisten Kinderlieder kenne ich sogar allein aus diesem Buch, weil in unserer Familie nie derartige Lieder gesungen wurden. Zumindest kann ich mich nicht daran erinnern. Also sang ich sie meist allein und nach eigenen Melodieregelwerk unter meiner Bettdecke oder in meinem großen Indianerzelt (siehe unter: meine Lieblingsspielzeuge), welches ich mir oft in meinem Zimmer aufstellte.

„Bauer, bind dein Pudel an, dass er mich net beißen kann. Beißt er mich,
verklag ich dich, tausend Taler kostet's dich …“, oder: „Spannenlanger Hansel, nudeldicke Dirn. Gehn wir in den Garten, schütteln wir die Birn...“

Ach wie schön, da werden frühkindliche Erinnerungen wach, als ich noch der kleine Hosenmatz-Popoklatsch war ;-)


Und dann gab es da noch jene überdimensional großen Bücher von Ali Mitgutsch. Er vollbrachte es, wie er einst selbst sagte: „Bilder zu entwerfen, bei denen die Details nicht irritieren, sondern im Gegenteil immer weiter in das Bild hineinlocken". Ein knappes Dutzend dieser großen Einzelbilder besaß ich übrigens auch als Puzzle und zwar mit jeweils 280 Teilen. Es ist wirklich verrückt, aber ich erinnere mich sogar noch an ganz bestimmte Teile, die fehlten, so oft setzte ich diese Puzzles zusammen.

Ich glaube, ich muss mir demnächst eines dieser Kinderpuzzles kaufen. Vielleicht gibt es diese mittlerweile sogar in einer neuen Version für große Kinder mit 1000 oder zumindest 500 Teilen. Das wäre toll!

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