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Ich sah “Mikrokosmos” direkt am Kinostarttag, am 31. Oktober 1996. Und davor saß ich mit einem sehr guten Freund in einem Boypuff, in dem ich seinerzeit fast täglich beruflich und/oder privat unterwegs war; - so genau ließ sich das nie trennen. Und eigentlich wollten wir in diesem lasterhaften Establishment noch 1-2 Stunden ausharren, ehe wir in eine naheliegende Gaydisco (Pit Club) weiterzuziehen gedachten. Im „Rudis Nightclub“ (so der Name jener Stricherbar, die es mittlerweile nicht mehr gibt), fand man seinerzeit die exotischsten käuflichen Jungs (insbesondere aus Osteuropa, Thailand und Indonesien). Doch an diesem Abend war in dem Bumslokal kaum etwas los. Also bot ich meinem Freund an, ihm in das angrenzende Kino einzuladen. Zunächst zeigte er sich noch angetan von meiner Idee. Doch seine Freude schlug in pure Entrüstung um, als ihm gewahr wurde, dass ich ihm in eine Filmdokumentation über Insekten auf einer Wiese zu entführen gedachte. es folgte ein Dialog, die in etwa wie folgt ablief: Er: „Was passiert denn in diesem Film?“ Ich: „Das ist kein Film sondern eine Dokumentation! Und diese lädt uns ein, Bienen, Schnecken, Marienkäfer, Spinnen, Mücken, Ameisen und Mistkäfer bei ihrem täglichen Treiben zu begleiten.“ Er: „Na super, klingt ja irre spannend.“ Ich: „Du, komm schon! Das ist bestimmt richtig schön. Und dadurch, dass die alles mit extremen Makroaufnahmen gedreht haben, begegnen wir den possierlichen Tierchen auf Augenhöhe. Er: „Ich bin begeistert.“ Nun, begeistert war mein Freund definitiv nicht! Dennoch ließ er sich von mir zum Kinobesuch überreden; - schaute mich dann allerdings während der Filmvorführung wiederholt vorwurfsvoll und gelangweilt an. Ich hingegen genoss diesen Dokumentarfilm, in dem kaum ein Wort gesprochen wird. Stattdessen lauscht man einfach nur den Klängen der Tiere und der Natur, die von (sehr stimmig arrangierter) klassischer Musik (u.a von Bruno Coulais) begleitet werden. Ok, ich mutete meinem Freund aber auch wirklich eine Menge zu. Ich meine, so einen Kontrast aus verruchter Boypuffatmosphäre und fast schon philosophisch anmutenden Bildern begleitet von Geigenmusik, vermag nicht jeder Mensch so einfach wegzustecken.
Kampf der Gladiatoren
Doch zumindest habe ich diesen Ausflug gern unternommen und bin richtig schön eingetaucht in die Grasfläche dieser französischen Wiese, die durch die Makroaufnahmen zu einem undurchdringlichen Urwald mutiert, in dem es viel zu entdecken gibt. Etwa das Liebesspiel zweier Schnecken (begleitet von dem Gesang einer Maria Callas) oder ein einfacher Platzregen, der aus Insektensicht apokalyptische Züge annimmt. Bei „Mikrokosmos – Das Volk der Gräser“ kann man wunderbar entspannen und es ist kein Naturfilm im herkömmlichen Sinne. Lehrmeisterhafte Kommentare fehlen z.B. komplett. Der Zuschauer wird vielmehr zum stillen Bobachter in einer ihm normalerweise verschlossenen Parallelwelt. Tja, und nach nach der Filmvorführung ging es dann wieder zurück in die andere Parallelwelt, in der wir dann noch mehr liebestoller Schnecken und Blütenbestäubungsanbahnungen zu sehen bekamen.
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