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Mister Seltsam, oder wie ich den Winter abschaffte. ® Arne Pahlke, Januar 2011
An einem dieser mitleidslos kalten Dezembertage traf ich eine Entscheidung, die die Welt für immer zum Positiven verändern sollte. Drei Wochen Dauerfrost und anhaltende Schneefälle hatten meine Leidensfähigkeit endgültig überstrapaziert. Schon vor Jahren habe ich den Winter zu meinem Todfeind erklärt. Doch erst an diesem Dezembermorgen hatte ich ausreichend Mut aufgebracht, um gegen dieses Ungetüm in die Schlacht zu ziehen. Ich wollte und konnte einfach nicht länger in dieser Opferrolle verharren, wie all die anderen; die den Winter zwar jedes Jahr aufs Neue verfluchen, aber nichts gegen diese Bestie unternehmen. Also habe ich etwas unternommen, indem ich den Winter - und zwar für uns alle - abgeschafft habe! Nachdem ich mich dazu entschlossen hatte, dem Winter den Garaus zu machen; ihn ein für allemal die Frostbirne abzudrehen, machte ich noch am selben Tag daran, meinen lang in mir gereiften Schlachtplan in die Tat umzusetzen. Mir war natürlich klar, dass der Winter kein leichter Feind sein würde, den man einfach so im Vorübergehen besiegen kann. Mir war bewusst, dass ich es mit einem entfesselten wilden Titan - einer bestialischen Naturgewalt – aufnehmen würde. Eine Naturgewalt, von der die allermeisten Menschen sagen, dass man sie hinnehmen muss, weil man doch nichts gegen sie ausrichten kann. Doch man kann! Allerdings muss man dafür eine Reihe von Dingen tun, die für die allermeisten Menschen zu unlogisch und zu abstoßend sind, als dass sie diese jemals durchführen würden. Doch ich konnte! Ich überfiel zunächst in zwei Tagen drei Banken, bis ich die von mir zuvor errechneten Material- bzw. Rüstungskosten zusammengeraubt hatte. Zwar hätte ich alternativ zu den Banküberfällen auch einfach mein Haus mit einer Hypothek belasten können. Doch wie hätte dies auf den Feind gewirkt? Der Winter sollte von Anfang an wissen, dass er es nicht mit einem ängstlichen kleinbürgerlichen Widersacher zu tun hatte, sondern mit einem Feind, der zu allem entschlossen war und der seinen Feldzug überdies nicht über Schulden finanzieren wollte. Es folgte die Phase der Provokation. Dabei schlug ich zunächst alle Fenster in meinem Haus ein und zerstörte anschießend die Heizungsanlage. Auch trug ich einen Teil der Dachziegel ab und hob die Haustür aus ihren Angeln. Anschließend nahm ich meine komplette Winterkleidung und fuhr damit am späten Abend der Wintersonnenwende auf ein entlegenes Feld, wo ich meine Kleidung unter lauten Anti-Winter-Flüchen verbrannte und dabei zu den erfolgreichsten Sommerhits der letzten zwanzig Jahre um das Feuer herumtanzte. Und meine Provokationen zeigten Wirkung! Der Winter nahm meine Kriegserklärung an. Gnadenlos beschoss er meinen nackten Leib mit Schneesalven und Frostschockwellen. Stundenlang. Und nach diesem brachialen Beschuss war ich für sechs Tage mit einer Lungenentzündung ans Bett gefesselt. Doch dies war von mir so geplant. Der Winter sollte sich in Sicherheit wiegen, - sollte einmal mehr das Gefühl haben, - dass kein Mensch etwas gegen seine Allmacht ausrichten kann. Ja, dieser alte Dämon sollte ruhig denken, dass die Schlacht bereits geschlagen war und ich nur einer dieser harmlosen Spinner bin, von denen keine Gefahr ausgeht. Doch mitnichten bin ich ein harmloser Spinner! Zwar mag ich in den Augen vieler mimosenhafter menschlicher Masseteilchen tatsächlich ein Spinner sein; - aber harmlos bin ich deswegen noch lange nicht! Noch im Bett liegend, von unzähligen Fieberträumen übermannt, verfasste ich meine 666 Beschwörungsformeln gegen diese Ausgeburt der Hölle; - gegen diesen barbarischen Winter. Ich brachte die Formeln mit dem Blut meiner Katze und meines Hundes zu Papier. Gott hab‘ sie selig. Doch es beruhigt mich die Gewissheit, dass meine Wegbegleiter für eine gute Sache ihr Leben ließen. Als ich mein Bett wieder verlassen konnte, machte ich mich sofort daran, jene Opfergaben zusammenzutragen, die nötig waren, damit die Beschwörungsformeln auch wirken konnten. Und was ich benötigte, dies waren drei Jungfrauen, die jeweils am 21. Juni - also am Sommeranfang – geboren wurden. Hierbei erwies sich meine Anstellung als Rechtspfleger im ortsansässigen Amtsgericht als höchst zweckdienlich. Ich suchte nach sehr jungen Opfermädchen, da man in der heutigen Zeit leider davon ausgehen muss, dass bereits Zwölfjährige ihre Jungfräulichkeit leichtsinnig hergegeben haben. Ich entschied mich schließlich für zwei sechs- und ein fünfjähriges Mädchen. Und zur Sicherheit wählte ich noch eine Vierjährige obendrauf, für den Fall das eines der jungen Dinger doch bereits ihre Jungfräulichkeit verloren hat; - etwa bei einem häuslichen Missbrauchsfall. Sie glauben ja nicht, wie oft man mit solch scheußlichen Angelegenheiten als Rechtspfleger zu tun bekommt. Um an die nötigen Opfergaben zu gelangen, lockte ich diese unter einem Vorwand ins Amtsgericht. Ich stellte ihren Erziehungsberechtigten ein Schreiben zu, in dem ich diese dazu aufforderte, mitsamt ihren Kindern bei mir zu erscheinen, um eine Identitätsabgleichung vorzunehmen, da angeblich ein Fehler in der Datenbank aufgetreten ist. Natürlich schrieb ich dazu, dass sie sich keinerlei Sorgen machen mussten und es sich lediglich um einen Routineabgleich handeln würde. Ich habe mir übrigens ganz bewusst drei Mädchen ausgewählt, dessen Eltern Sozialhilfe beziehen. Somit konnte ich ziemlich sicher davon ausgehen, dass die von mir in Aussicht gestellte (und direkt ausgezahlte) Aufwandsentschädigung in Höhe von 80 Euro ihre Bereitschaft zum Erscheinen (und zwar ohne großes Nachfragen) deutlich erhöhen würde. Und den Termin für die angebliche Identitätsabgleichung legte ich auf einen Sonnabend. Sonnabends war das Amtsgericht nicht besetzt; - abgesehen von einem Angestellten des Justizmeisterwachdienstes, den ich kurz vor dem Termin leider die Kehle aufschlitzen musste. Die vier Opfergaben nebst ihrem elterlichen Anhang habe ich in 30-Minuten-Abständen zu mir ins Amtsgerichtgebäude bestellt. Und der dauerhafte Kindesentzug gestaltete sich leichter als vorab von mir befürchtet. Bei jeder Scheinidentitätsabgleichung gab ich vor, dass man von dem Kind in einem Nebenraum ein Passfoto anfertigen muss. Sodann wies ich die Balgen an, in den Nebenraum zu gehen und dort zu warten. Und damit die Mütter, Väter oder auch Mütter und Väter gar nicht erst zum Nachdenken kamen, lockte ich sie mit der Ankündigung, ihnen in der Zwischenzeit die Aufwandsentschädigung auszuzahlen, in ein anderes Zimmer. Und sie alle folgten mir lammfromm in ein von mir wahllos gewähltes Zimmer, in dem ich sie dann mittels einer Pistole mit Schalldämpferaufsatz von ihren Erziehungsaufgaben befreite. Anschließend ging ich in den Raum, in dem die Mädchen warteten. Ich ließ sie eine Flüssigkeit trinken, von der ich angab, dass diese notwendig sei, um eine bestimmte Art von Fotos zu schießen. Meine Wahl, die erforderlichen Opfergaben in der sozialen Untersicht zu suchen, muss ich im Nachhinein als Geniestreich werten. Kein Hinterfragen der bildungsfernen Eltern und dazu diese einfältige Folgsamkeit der Mädchen. Ja, diese widersprachen mir selbst dann nicht, als ich sie nach Trinken der Flüssigkeit in ein, an diesem Raum angrenzendes Zimmer führte und sie dort dazu aufforderte, sich auf eine von mir bereitgestellte Liege zu legen, da die Flüssigkeit kurzfristig zu Schwindelgefühlen führen könnte. Kurzum: Am Ende hatte ich meine vier Opfergaben zusammen - und habe ganz nebenbei - im Sinne der Haushaltskonsolidierung - ein paar Sozialschmarotzer aus dem öffentlichen Raum entfernt.
Die betäubten Mädchen schaffe ich in einen eigens dafür angeschafften Kleinbus über die holländische Grenze, wo ich sie in einem von mir (natürlich unter Angabe einer falschen Identität) angemieteten entlegenen Landhaus zunächst in einem Kellerraum eingesperrt habe. Nach einigen Tagen opferte ich die Mädchen dann, in dem ich eine nach der anderen für jeweils 666 Minuten an einem Dachbalken fesselte und anschließend um sie herumtanzte. Und dabei sprach ich die von mir im Fieberwahn niedergeschriebenen 666 Beschwörungsformeln. Anschließend band ich die Mädchen los und stieß sie in eine Grube, die ich zuvor vor dem Landhaus ausgehoben hatte. Und nun musste ich sie einfach nur noch mit Benzin übergießen und bei lebendigem Leib verbrennen. Gott bewahre, ich habe dies nicht gern getan! Doch schließlich ging es darum den Winter zu besiegen. Also mussten diese armen Opfermädchen brennen. Nur auf diese eine Weise - und in Verbindung mit meinen 666 Beschwörungsformeln - konnte ich dem Winter die ganze Kraft der Sonne bekunden und ihm dadurch in die Knie zwingen. Zumindest nahm ich dies an. Doch dieser widerliche Winter zeigte sich von all meinen Bemühungen unbeeindruckt. Ja, es wurde sogar noch kälter und schneite in einem fort. Ganze acht Wochen tanzte ich daraufhin mit zunehmender Verzweiflung auf dem frischen Grubengrab der Opfermädchen und sprach meine Beschwörungsformeln. Doch nichts passierte! Wie konnte das nur angehen? War mir ein Fehler unterlaufen? War der Winter am Ende doch unbesiegbar? Oder waren möglicherweise mindestens zwei der Opfergaben gar keine Jungfrauen mehr gewesen, sodass ich letztlich nicht genügend reine Opfer erbracht hatte? Ja, verdammt - das musste es sein! Oh, was für eine scheußliche kalte unbarmherzige Welt. So scheußlich kalt und herzlos, weil es ein Monster wie den Winter gab. Er ließ uns Menschen verrohen und steckte uns an mit seiner Kälte und seiner lebensfeindlichen Einstellung. Er ließ uns Menschen kleine Mädchen misshandeln – darunter sogar zwei jener Mädchen, die ich für uns alle auserwählt habe und die die Welt durch ihr (fast) freiwilliges Blutopfer besser machen sollten. Also setzte ich mich noch einmal in meinen Kleinbus und fuhr in die erstbeste Grundschule. Dort stürmte ich mit einer selbstgebauten Flammenwerferkonstruktion einen der Klassenräume und setzte alles in Brand, was sich darin bewegte. Nun mussten doch endlich die drei notwendigen Jungfrauenopfer erbracht sein, oder etwa immer noch nicht? Doch es schneite pausenlos weiter. Und so war ich vollends am Boden zerstört, während ich dem mich verfolgenden Polizeiwagen zu entkommen versuchte. Waren all die Opfer umsonst gestorben; - allem voran meine liebe Katze Pinky und mein folgsamer Hund Buddy? Glücklicherweise konnte ich meine Verfolger abhängen und fand nach stundenlanger Irrfahrt Zuflucht in einer alten Scheune, in der ich am späten Abend völlig erschöpft und mit jenen dunklen Gedanken einschlief, diesen Krieg verloren zu haben. Doch als ich heute früh meine Augen aufschlug, bahnten sich kraftvolle Sonnenstrahlen ihren Weg in das Scheuneninnere und Schmelzwasser tropfte auf meine Stirn. Ja, es war ein 21. März, als ich den Winter besiegt hatte. An einem 21. März lauerte mich diese Hundertschaft schwer bewaffneter Polizisten vor dieser Scheune irgendwo im tiefstem Holland auf. Und ich trat mit erhobenen Händen und erhobenem Haupt aus der Scheune und verkündete mit einem Lächeln auf den Lippen, dass sich die Welt von nun an zum Positiven verändern würde, da ich den Winter – für uns alle - abgeschafft habe. |
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