Mister Tabu, der Mörder

Arne Pahlke, Juni 2007

 

Der Mörder in uns heißt Mister Tabu. Und wir stellen Mister Tabu anderen Menschen niemals vor. Stattdessen tun wir lieber so, als würde es ihn überhaupt nicht geben.

„Was sagen sie, in mir soll ein Mörder leben? Sind sie wahnsinnig?“

Der Mörder in uns heißt Mister Tabu. Und in jedem von uns hat sich dieser undurchsichtige Mister Tabu eingenistet. Doch Mister Tabu ist ein Untermieter, über den wir nicht gerne sprechen. Wir leben zwar mit ihm unter einem Dach; aber das muss ja niemand wissen. Wir schämen uns für Mister Tabu, aber wir können ihn nicht vor die Tür setzen, weil er ein unleugbarer Teil von uns selbst ist, den die meisten aber dessen ungeachtet konsequent und immerzu leugnen.

„Was sagen sie, in mir soll ein Mörder leben? Sind sie wahnsinnig?“

Es ist unmöglich Mister Tabu komplett loszuwerden. Klar, man kann ihn schon vor die Tür setzen, aber eben nur in der eigenen Wahrnehmung.

„So, jetzt setzte ich dich vor die Tür, du böser Mister Tabu. Und damit ist es ausgeschlossen, dass in mir ein Mörder lebt.”

Hört sich nach einem kindischen Unterfangen an, nicht wahr? Und das ist auch! Doch dies hält die Mehrheit der Menschen nicht davon ab, genau so zu verfahren. Und viele gehen sogar noch einen Schritt weiter, konstruieren sich noch einfältigere Scheinwahrheiten über sich und ihren Mister Tabu.

Wie z.B. diese hier:

 „In mir hat niemals ein Mister Tabu gelebt – in keiner Sekunde meines Lebens und in mir wird auch niemals ein Mister Tabu leben!“

Menschen, die so über sich und ihren Mister Tabu denken und reden, sind bemitleidenswerte Geschöpfe. Solche Menschen haben eine dermaßen große Angst vor ihrem Untermieter, dass sie diesen nicht nur in der Gegenwart komplett leugnen sondern auch für die Zukunft einfach ausschließen. Sie wollen nicht die Figur an sich heranlassen, die allabendlich mit ihnen im selben Bett schläft – ihren Mister Tabu. 

Der Mörder in uns heißt Mister Tabu. Und das Erstaunliche ist, dass sogar die meisten all jener, die ihren Mister Tabu einmal oder mehrmals haben stellvertretend für sich walten lassen, anschließend behaupten, dass nun aber kein Mister Tabu zur Untermiete bei ihnen leben würde.

„Ok, ich habe mal jemand getötet. Aber das ist lange her. Mister Tabu ist nun ein für allemal weg! Und der kommt auch nie wieder! Ich bin jetzt ein guter Mensch geworden.“

 

Tür_Foto by Adrian Michael
Mister Tabu, der Mörder, lässt sich nicht so einfach wegsperren.

 

Das mag ja sein, das man ein guter Mensch geworden ist oder werden/bleiben will. Doch was juckt dies unseren Mister Tabu? Was juckt es ihm, für wie gut oder böse wir uns halten? Ob wir unseren Mister Tabu jemals von der Leine lassen, dies hat wenig bis gar nichts damit zu tun, ob wir uns für gute oder schlechte Menschen halten. Mister Tabu reagiert auf Ereignisse. Wir können ihn also gerne zur Hölle jagen und zum Teufel wünschen oder aber leugnen. Doch wann immer sich vor uns eine Hölle auftut, ist unser Mister Tabu sofort wieder da, ganz egal wohin wir ihn zuvor verbannt haben. Und warum ist er so schnell wieder da? Weil er niemals wirklich weg war!

Kleine Kinder, die verstecken spielen, sie halten sich  oft ihre Hände vor die Augen. Sodann meinen sie, dass sie nicht mehr gesehen werden können, weil sie ja selbst auch nicht mehr sehen können. Und genauso verfahren die meisten Menschen mit ihrem heimlichen Untermieter Mister Tabu.  

„Ich will den Mörder in mir nicht mehr sehen und somit kann und darf niemand anderes den Mörder in mir sehen!“

Also ich sehe Mister Tabu überall!

 Ich sehe, wie er allerorten verschämt im Verborgenen gehalten wird. Und ich sehe ihn lauern, auf die für ihn günstige Gelegenheit.

Mein Mörder heißt auch Mister Tabu. Und ich verstehe mich großartig mit meinem Untermieter. Ich schließe ihn auch nicht im Keller ein, wenn jemand zu Besuch kommt. Im Gegenteil. Ich bitte meinen Besuch dann, dass er seinen Mister Tabu ebenfalls hervorholen soll, sodass wir alle gemütlich zusammensitzen können, um unsere Mord- und Tötungsphantasien untereinander auszutauschen.  

Versuchen sie es doch auch mal auf diese Weise. Ein klärendes Gespräch hat noch niemanden umgebracht; doch zu Tode geschwiegen haben sich schon viele.

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Konkalit, 21. Februar 2009 - Naja damit auseinandergesetzt und ihn sogar lieben gelernt hab ich wohl schon. Das hab ich ja auch zum großen Teil dir zu verdanken, doch schon zuvor zog mich ja meine unabbringbare dunkle Seite zu DEINER Seite, auf der Suche nach etwas. Mister Tabu will gehegt , gepflegt und gut ausgebildet werden. Doch nun, nach vielen Jahren wo er mehr und mehr sich prägte und manifestierte, beinah ein sichtbarer Teil von mir wurde, will ich mehr. Will ihn von der Leine lassen und nicht nur ein Stummer Zuschauer sein, will nicht mehr nur phantasieren und erzählen sondern ihn aktiv wirken lassen. Geht das zu weit?

 Konkalit,   20 Januar 2010 - Wenn ich könnte wie ich wollte und rechtliche Folgen nicht fürchten bräuchte, ich glaube ich hätte es wirklich schon mal getan- jemanden umgebracht. Aber im Grunde bin ich zu feige...oder eben zu geistig normal um sowas wirklich durchzuziehen. Ich stell mir so oft vor wie sich sowas anfühlt, wie das aussieht und wie das ganze in Wirklichkeit abläuft, fernab von Film und Medien. Vermutlich wird es dazu nie kommen, vielleicht ist dass auch besser so, obwohl es ja schon viele Menschen gibt die den Tod verdienen wie ich aus reiner Gehässigkeit mal verlauten möchte. andere Mörder, Raubtier-Kapitalisten also Gier-Banker und Manager, DSDS-Teilnehmer, vereinzelte DSDS-Jurymitglieder, Leute die diese Musik kaufen (das sind ja nicht allzu viele aber eben noch genug) und eben Junge und Dumme ^^

Wortmutation: Ich kann mir vorstellen, dass das Machtgefühl, was z.B. ein Serienkiller über sein wehrloses Opfer ausübt, orgastische Gefühle  in ihm auslösen kann (siehe: „Sie war mein magischer Legobaukasten“); - und zwar auch fernab sexuellen Missbrauchs. Auch bei einem reinen Tötungsakt wäre für mich das Machtgefühl vielleicht das spannendste Element.  Die Macht zu spüren, es tun zu können.

Ich meine, man kann sich tausendmal vorstellen, wie es wohl ist, wenn man es täte. Doch wie fühlt es sich tatsächlich an, wenn man jemanden anvisiert und genau weiß, dass man diesen jemand gleich töten wird. Und vor allem, wie fühlt es sich an, nachdem man es getan hat. Ich kann mir denken, das es kurz davor und dabei durchaus einem Rauschzustand gleichen kann – und danach oft einer (bösen) Ernüchterung.

 rochustal,   4 März 2010  - das glaube ich auch, beides, dass es ihn gibt, den mr.tabu, und dass wir mehr miteinander reden sollten. ich habe mir gerade einen gott  ausgedacht, der sich das handy ausgedacht hat, damit die menschen  miteinander reden. mein beitrag handelte aber eigentlich gar nicht von  gott, sondern von der frage, ob wir gnade oder moral brauchen. auf jeden fall sind wir uns beide einig: diskurs, diskussion, kommunikation auch  über tabus und andere verborgenheiten.

Anonym, 11 Mai 2010  Warum heißt er so: "Mister Tabu"? Meinen Mister Tabu nenne ich nur so, wenn andere "Mnschen" zuhören. Mein Mister Tabu ist nicht tabu. Er ist Teil von mir. Es gibt Situationen, da packt mich Mister Tabu am Kragen und schüttelt mich, er brüllt mich an: "Tu etwas! Lass es nicht geschehen!" Aber ich bin eine Weichwurst, anstatt zuzuschlagen mit allen Mitteln, mit einem Knüppel, mit was auch immer, verstecke ich mich hinter meiner braven Bürgerlichkeit und verleugne meinen Mister Tabu.Und für mich ist Mister Tabu gar nicht tabu. Er ist Teil meiner Selbst. Wäre ich nicht erzogen worden, ihn zu verleugnen, wäre so Vieles einfacher. Um als akzeptiertes Mitglied dieser verlogenen Gesellschaft unerkannt zu bleiben, muss man seinen Mister Tabu verleugnen. Und das bedeutet, ein (wesentliches) Teil von sich selbst zu verleugnen. Jeder halbwegs brauchbare Psychologe wird bestätigen, dass das auf die Dauer zu ernsten Schäden der Seele führt...

Satellit, 28 September 2011 - Ich muss mich nicht anpassen, Einschränkungen passen mir gar nicht in den Kram. Mister Tabu äußert sich durch mein Sprachrohr vermischt mit einer großen Menge Humor. Nur weiß keiner, wie Ernst ich manche Dinge meine...

Kîpâ, 1 März 2012 - Ich kann eines Sagen. Ich verleugne mein Mister Tabu nicht, nicht im geringsten, aber ich weiß ihn zu zuegeln. Ich weiß, wie ich Ihn unter Kontrolle halte. Ich kann mit Ihm diskutieren, ausheulen, sauer sein etc. Er hört mir zu und sagt was zu tuen ist, aber geht er zu weit, hat er selber Schuld, wenn er im Dunkeln sitzen muss. *Mister Tabu: Ich weiß das Mister Tabu, als den Mörder gesehen wird. Aber ich denke, dass er nicht nur der "Mister Tabu" ist, ich denke er zeigt uns Wege, die er im Logischen Sinne, in manchen Fällen sogar sehr gerecht kommt. So das wars.

Ida_Lane, 20 April 2012 - Ein sehr gelungenes Gleichnis für das Böse in uns, muss ich gestehen, dieser Mister Tabu... bei mir ist er allerdings nicht bloß eine Bestie, die mich zu bösen Taten verführen will, er setzt alles daran, den Schmerz der eigenen Verachtung zu lindern. Ich muss zugeben, ich bin alles andere als ein Lausekind. Für meine 17 Jahre vermutlich sehr wohlerzogen, belesen, gebildet. Im Gegensatz zu meinen gleichaltrigen Mitmenschen erfüllt es mich mit grimmiger Genugtuung, mich Autoritäten unterzuordnen. Vermutlich um Anerkennung zu erhalten, die ich von diesen Nichtsnutzen nie erhalten habe. Mag sein... einerseits bewundere ich diese wilde Ausgelassenheit der Jugend, die mir irgendwie nie vergönnt war, andererseits schreit mein persönlicher Mister Tabu, sie zu zerquetschen (sinnbildlich.. oder auch nicht). Da könnte man sich fragen, wer das wahre Böse in sich trägt : Ich, die am primitiven Gehabe ihrer Mitmenschen verbittert oder das Primitive selbst..

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