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Neulich im Selbsttötungsinstitut
Kunde: (etwas gehemmt) Guten Tag. Ich hätte gerne einmal den Tod.
Berater: Einmal Selbstmord?
Kunde: (sich den Finger vor den Mund haltend) Nein!!! Auf gar kein Fall Selbstmord!
Berater: Aber sie sind doch hier, weil wir sie in ihrem Auftrag umbringen sollen?
Kunde: (flüsternd) Ja, das trifft natürlich zu. Aber es soll selbstverständlich nicht nach Selbstmord aussehen. Sonst könnte ich es ja gleich allein machen.
Berater: Ich verstehe. Sie wünschen also, wie eigentlich all unsere Kunden, einen Selbstmord, der allerdings nicht wie ein Selbstmord aussehen soll?
Kunde: Genau. Das ist es, was ich suche. Kriegen sie das hin?
Berater: Aber natürlich, der Herr. Das ist für unser Institut kein Problem. Blitz oder Rate?
Kunde: Bitte was?
Berater: Wünschen sie einen Blitztod oder soll sich ihr Ableben lieber etwas hinziehen?
Kunde: Ich weiß nicht so recht. Für was entscheidet sich denn die Mehrheit ihrer Kunden?
Berater: Also, die absolute Mehrheit entscheidet sich für ein sehr langsames unauffälliges Ableben. Und dieses Ableben zieht sich dann meist bis ins Rentenalter hin. Und dieses wird nicht mit einem Selbstmord in Verbindung gebracht, gleichwohl es natürlich nichts anderes ist, als ein feiges Harakiri.
Kunde: Gut, wenn das so ist, dann unterbreiten sie mir doch bitte ein Angebot.
Berater: Ok, ich hätte da folgendes Model für sie: Wir geben ihnen einen Job in einem Versicherungsunternehmen. Wobei wir sie ebenso gut in einer Baufirma, Bank, Einzelhandelsunternehmen oder sonst wo unterbringen können. Dies alles sind lediglich kleine verschiebbare Elemente in einem perfiden Spiel, die keinen großen Unterschied machen. Tja, und dazu geben wir ihnen eine Frau, in die sie sich unsterblich verlieben werden. Und mit dieser Frau werden sie drei hübsche Kinder haben. Ach ja, im Verlauf ihrer Berufstätigkeit werden sie immer weiter auf der Hierarchieleiter aufsteigen.
Kunde: Aber ich will doch sterben! Was sie mir hier kundtun, das klingt überhaupt nicht nach Verderben und Tod.
Berater: O, da irren sie sich aber gewaltig, mein Herr. Dieses Angebot ist ihr todsicherer Tod! Es gibt unendlich viele Totmacher auf diesem Weg. Ihr Model wird so aussehen, dass sie rasch spüren, wie sinnlos und verlogen ihre Beschäftigung ist. Und sie werden ihren Unmut gegenüber Freunden und Familie auch immer häufiger äußern. Aber natürlich wird ihr Gejammere ihnen nichts nützen. Sie kennen doch diese stupiden Sprüche wie etwa: „Was soll man tun, ohne Geld kann man nicht existieren.“ oder: „Was muss - das muss!“
Kunde: Ja natürlich, wer kennt diese Aussagen nicht?
Berater: (selbstzufrieden) Sehen sie, das sind alles unsere Kunden!
Kunde: Wirklich?
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Neulich vorm Selbsttötungsinstitut
Berater: Wenn ich es ihnen doch sage! Nun aber wieder zu ihrem Harakiri-Model. Sie müssen immer weiterarbeiten, zunächst, weil sie ihrer Frau etwas bieten möchten. Und dann müssen sie weiterarbeiten, wie ihre Frau ihr erstes Kind erwartet. Und dann kaufen sie sich ein Haus, wodurch sie sich hoch verschulden. Und in kurzen Abständen bringt ihre Frau zwei weitere Kinder zur Welt. Deshalb müssen sie sich zu einem Stiefellecker entwickeln, und damit gegen ihre Natur handeln, um die Aussicht auf Beförderungen zu erhöhen, womit sie auch Erfolg haben werden. Doch gleichzeitig spüren sie schmerzvoll, wie sie ihr wahres Ich verleumden. Zusätzlich werden wir auch in ihre Ehe den gängigen "Abkühlungschip" einbauen, sodass die Lust auf Sex und Nähe bei ihnen beiden immer weiter abnehmen wird. Und dann ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis sie sich immer häufiger streiten werden und dem Partner für das verkorkste eigene Leben verantwortlich machen. Natürlich werden die Kinder unter ihren ständigen Streitigkeiten leiden. Also flüchten sie sich in noch mehr Arbeit, natürlich auch, um die immense Schuldenlast zu tilgen. Ihre Frau wirft ihnen daraufhin immer häufiger vor, dass sie die Familie grob vernachlässigen, und stellt daraufhin ihre Ehe in Frage. Dann trennt sich ihre Frau von ihnen. Sie bekommt das halbe Haus, woraufhin sie das ganze Haus verkaufen müssen. Und natürlich nimmt sie die Kinder mit, da sie ja ständig nur arbeiten, um das Haus abzubezahlen, was sie nun überhaupt nicht mehr haben. Die Kinder werfen ihnen nach der Trennung vor, dass sie sich nie richtig um sie gekümmert haben. Und deshalb finden sie auch, dass es das Mindeste ist, wenn sie nun zumindest ihre Ausbildung finanzieren.
Kunde: Gott, das klingt ja furchtbar.
Berater: Stimmt. Das ist wirklich ziemlich unschön. Nur leider sind sämtliche Lebensmodelle der langjährigen Selbstmörder sehr unschön. Deshalb bieten wir auch jedem unserer Kunden an, z.B. eine Alkoholsucht mit in das Selbstvernichtungsprogramm einzubauen? Das würde sie auch nichts extra kosten. Geht komplett aufs Haus!
Kunde: Lieber nicht, oder? Ich meine, so eine Alkoholsucht, die könnte mir schließlich als ein tendenzieller Selbstmord ausgelegt werden?
Berater: Ach was, wir werden sie ja nicht zum Brückenpenner avancieren lassen. Wir machen einen allgemein angesehenen Gesellschaftstrinker aus ihnen, so wie wir es bei etwa sieben Millionen unserer deutschen Kunden und Kundinnen derzeit ebenfalls machen.
Kunde: Und ich sterbe dann auch nicht an den Folgen meiner Sucht?
Berater: Ich bitte sie! Natürlich nicht! Wir werden ihnen eines dieser zahlreichen lustig listigen Krebsgeschwüre einpflanzen. Und keine Angst, wir werden kein Magen- oder Leberkrebs wählen!
Kunde: Dann bin ich ja beruhigt. (überlegt kurz) Sagen sie bitte, weil sie gerade über Krebs sprechen … es sterben doch so viele Menschen an Krebs oder an Herzkrankheiten …
Berater: Ich weiß, worauf sie hinaus wollen. Ihre Überlegung zielt richtig. Das sind natürlich unsere Kunden. Das sind alles potenzielle Selbstmörder, die ihr Leben in unsere Hand gelegt haben. Und trotzdem fällt es fast niemanden auf, das sie sich eigentlich in ihrem Innern kaum von jenen Menschen unterscheiden, die sich von Hochhäusern stürzen oder die Pulsadern auftrennen. Wie sie sehen, unser System ist nahezu perfekt! Sie können sich somit beruhigt über Jahrzehnte hinweg mittels Vielfraß umbringen, dürfen sich verbissen ins Grab schuften, an Gefühlsarmut oder Verbitterung sterben. Wir bieten ihnen weit über tausend Wege zu ihrem ganz persönlichen Selbstmord. Nur, und das ist das Großartige an unserem Institut, niemand wird ihnen nach ihrem Ableben Vorhaltungen machen, das sie ein feiger Selbstmörder waren.
Kunde: Wirklich nicht?
Berater: Nein, man wird sie z.B. einen Menschen nennen, der stets seine Pflicht erfüllte, auch wenn sie eigentlich Zeit ihres Lebens nur selbstmörderisch in die Arbeit geflüchtet sind. Oder aber man wird sie als einen besonders liebenswürdigen Genussmenschen in Erinnerung behalten, obgleich sie sich durch eine selbstmörderische Ernährung ihr eigenes Grab geschaufelt haben. Und, um noch kurz ihre Krebsvermutung anzusprechen. Ja, richtig! Unser Krebs ist nichts anderes, als eine schwere suizidale Depression, die wir in ein Geschwür verwandeln, welches nun nicht mehr die Seele sondern den Körper frisst. Schließlich hat jeder Mensch mit einem Krebspatienten im Endstadium Mitleid, was ein Selbstmordaspirant nicht erwarten sollte – eher im Gegenteil.
Kunde: Das ist wirklich genial. Also, sie haben mich vollends überzeugt. Ich nehme das von ihnen vorgeschlagene Paket inklusive dem unauffälligen Gesellschaftstrinker. (lachend) Man gönnt sich ja sonst nichts.
Berater: Gut , ihr Programm läuft ab sofort. Leben sie wohl! © Arne Pahlke, Juni 2005
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