Neurogene Diagnose

Arne Pahlke, 1995/2004

 

Sie verlieren also den Boden unter ihren Füßen

und haben kein Gefühl mehr in ihren Händen?

Und sie schänden

verworrene Gedanken,

die sich ihnen zankend in den Weg stellen?

Was sagen sie?

Hinter mir an den Wänden krabbeln rote Spinnen

und oft begrüßen sie Personen, die gar nicht anwesend sind.

Auch fühlen sie sich wie aus heiterem Himmel farbenblind?

Ist das schon alles?

Ach, sie können mitunter auch nicht den richtigen Tag benennen?

Verrennen sich in Nichtigkeiten, wie etwa der Geldbeschaffung?

Und die Erschlaffung

ihres Genitales macht ihnen stets dann zu Schaffen,

wenn sie an so etwas Abstoßendes wie die Liebe denken?

Nein, das gibt mir nicht zu Denken.

Und sie vergessen mitunter alles Gesagte binnen weniger Sekunden?

Überrunden sich selbst beim Reden und schweben gleichgültig vor sich hin und her?

Es fällt ihnen schwer

sich aufs Wesentliche zu konzentrieren?

Und sie spüren Wunden, die eigentlich gar nicht existieren

und verlieren sich darüber hinaus in wirren Tagträumereien?

Ein klares Jein?

Auch fühlen sie sich zunehmend leblos und inhaltsleer;

ihr Verstand wiegt schwer,

während ihnen die Sinne zerlaufen?

Sie verkaufen ihre Seele heimlich an den Belzebub?

Und mitunter zwingt sie ein undefinierbarer Hormonschub

zu unerlaubten Handlungen?

 

Nun, dies alles klingt höchst interessant.

Fahren sie bitte fort:

Sie stehen im ständigen Kampf zwischen einem „Es“ und einem „Ich“

und ihr Gedächtnis lässt sie immer häufiger im Stich,

weil es meint, dass sie es betrügen?

Sie pflügen im Garten ihres Erlebten und ernten nur noch Unkraut?

Sie fühlen sich unverdaut,

kastriert und ausgeblutet?

Etwas Unerklärliches wütet in ihnen?

Und dass ihnen nichts mehr etwas bedeutet,

bedeutet ihnen nichts?

Aber dessen ungeachtet denken sie immer häufiger an Suizid,

da immerzu etwas geschieht,

was sie nicht verstehen?

Nun, das glaube ich ihnen alles ungesehen.

Seien sie bitte beruhigt!

Für mich hören sich ihre Ausführungen einleuchtend an.

So etwas erlebe ich selbst jeden Tag.

Das mag unter anderem am getürkten Wetter liegen,

oder an den Spionagedrohnen,

die uns die Regierenden in unsere Körper injiziert haben.

Ich verrate ihnen jetzt mal was:

Ich habe meine Tätigkeit als Psychoanalytiker

gegen eine Dose Erbsen eingetauscht

und bin seitdem berauscht

von Allmachtsphantasien.

Unser beider Verhalten sei uns also verziehen.

Ich will möglichst rasch als Marschflugkörper wiedergeboren werden

oder mit Bisonbüffelherden

zum Mars reisen

oder mit E.T. zusammen die Umlaufbahn vereisen.

Mal sehen, was so geht!?

Mein guter Rat ist etwas folgenschwer:

Meiden sie jeglichen Telefonverkehr

sowie des Lebens Wahn.

Und um Himmels Willen, steigen sie nie wieder in eine U-Bahn,

denn dort treiben bizarre Schlächter und Seelenwächter ihr Unwesen.

Ganz plötzlich sitzen sie mit einem solchem Ungeheuer in ein Abteil,

derweil seine Stimme zu ihnen spricht: „Nächste Station: „Vorhof zur Hölle“.

Ich habe dies selbst erlebt und seitdem reagiere ich allergisch auf Elektrosmog.

Ach, könnten sie mir bitte einen neuen Futtertrog mitbringen,

wenn sie in den Zoo gehen, um Löwen zu reißen?

Wie, sie müssen weg? Was soll das denn jetzt heißen?

Ich bin doch ihr Therapeut. Sie brauchen mich doch!

Ich will ihnen doch nur helfen!

Halt, dort geht es raus!

Die andere Tür führt in meine persönliche Leichenkammer.

 

Mein Gott, frieren sie auch so?

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