Phantome

Arne Pahlke, 2003/2008



Meine Haut, sie horcht dem Licht.
In meinen Ohren wächst ein Sturm.
Meine Nase frisst das wabernde Gesicht.
Und aus meinem Mund, da kriecht ein Wurm.
Gefräßig verschlingt er mein Paradies und fliegt mit mir davon.
Mitsamt seinem Kokon - in eine andere Welt,
die mir zum Henker nicht gefällt!

Ich sehe was, war ihr nicht seht!


Und das setzt sich zusammen aus einer Trilliarde von Farben.
Aber was versteht ihr Blinden schon vom Sehen?


Ich höre was, was ihr nicht hört!


Hört ihr, wie es schweigt;
wie es sich klanglos heran schweigt?
Bis es dröhnend, scheppernd in einer Totenstille verharrt,
die eure Trommelfelle reihenweise
in eine noch weitaus tiefere Lautlosigkeit hinein treibt,
als jene, die euch auch bislang auch nicht aufgefallen ist?
 

Ihr seid taub und ihr seid blind.
Hütet euch vor mir!
Hört ihr, ihr stillgelegten Seishmographen?


Nein, natürlich nicht!


Ich bin eine mimische Menschenpuppe;
lebendes Gewebe auf einem metallischen Knochengerüst.
Ich nehme Gefühle wahr.
Meine Sinnesempfindungen sind durchaus mit denen von realen Menschen vergleichbar.
Wenngleich ich auch nichts von dem was ich empfinde spüre.
Denn meine Welt ist eine Scheinwelt!


So gaben sie es mir auf jeden Fall zu verstehen.
Die Herren mit den blutunterlaufenen Augen;
in den weißen Kitteln und mit dem leeren Blick.
Diese Herren, sie brechen uns normalen Verrückten
gleich reihenweise das seelische Genick.
 

Und sie tun dies, nur um ihre eigene morbide Normalität ertragen zu können.

 
Ich bin verrückt - nicht mehr normal - durchgedreht!
Normal - wie verrückt ... verrückt - wie normal!
Welch eine Qual zu leben, ganz gleich auf welcher Seite.
 

Kirchner_-_Der_Verkauf_des_Schattens

 

Meine Welt ist eine Scheinwelt, sagt ihr?

Scheinwelt?


Was für ein scheinheiliges Gerede von den Gestalten in den weißen Kitteln.

 
Sie lachen nie. Und wenn ja, nur geheuchelt.


Sich selbst eine Wahrheit vortäuschend, an die ihr Herz nicht glaubt, weshalb es langsam abstirbt.
Damit sie, oder das was von ihnen übrig bleibt, weiterleben kann.

Meine Welt ist nie und nimmer eine Scheinwelt!

Ich habe sie doch gesehen,
die seidenen Vögel mit den zimtbraunen Augen.
Mit ihren matten Pupillen, wie aus Zinn gegossen.
Habe gesehen wie sie flogen mit ihren leuchtgrünen Schnäbeln
und den Gesang von kastrierten Krähen.

 
Ich habe sie doch mit eigenen Augen gesehen;
oder waren es geborgte, aus einer fremden schöneren Welt,
die mir zeigten, wie die Vögel von undurchlässigen Seifenblasen umhüllt,
hoch über diesem wundersamen Weiher ihre Kreise zogen?
Hoch über diesem Tümpel voll von dampfenden Kakao,
aus dem phosporne Strohhalme sprossen,
die sich direkt in unsere Münder schoben.


Ja. Wir haben sie doch alle gesehen:
Wir alle Drei oder Vier oder doch nur Zwei?
Oder waren wir gar zu Tausenden?


Wir waren doch alle da - alle waren wir da - wir waren doch alle da ...

 

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