Postcard to Daddy

Produktionsland: Deutschland

Erscheinungsjahr: 2010

Altersfreigabe: FSK l6

Laufzeit: 85 Minuten

Genres(s): Dokumentation

Regie: Michael Stock

Besetzung: u.a.Harry Baer, Margret Bartholomé, Thomas Blum, Henry Fenrich,Matthias Frings, Wolfram Haack, Carsten Hütt

 ® Arne Pahlke, 2011

Für mein Gefühl fällt die Kritik zu „Postcard to Daddy“ teilweise viel zu positiv aus. Und den Grund dafür meine ich direkt mitliefern zu können. Wenn ein schwerkranker Mann (AIDS, Schlaganfälle etc.) einen Dokumentarfilm über einen -  in seiner Kindheit und Jugend - an ihm begangenen sexuellen Missbrauch (8 Jahre lang durch seinen Vater) abliefert, so verdient dies fast schon reflexartig unser aller Respekt. Respekt für den Mut ebendieses Mannes, trotz und auch aufgrund seiner gesundheitlichen Verfassung öffentlich über sein Schicksal zu reden. Und so gab es wohl viele Kritiker, die wohl allein aufgrund der Tatsache, dass sich ein Betroffener offen zu diesem Tabuthema  geäußert hat,  diesem Low-Budget-Dokumentarfilm mindestens das Prädikat GUT verliehen haben. Doch ist diese Dokumentation wirklich gut; - am Ende sogar so großartig, beklemmend, schockierend und berührend, wie manche meinen?

Mich hat „Postcard to Daddy“ auf jeden Fall eher teilnahmslos dasitzen lassen, als das diese Dokumentation wirkliche Betroffenheit in mir ausgelöst hätte. Auch habe ich (fast) nichts von jener Beklemmung nachempfinden können, die das ehemalige Missbrauchsopfer (Michael Stock) mit Sicherheit in den Jahren des sexuellen Missbrauchs durchlitten hat.

Und es ist nicht der Missbrauchsfall selbst, der mich eher teilnahmslos ließ; - sondern die Art und Weise, wie dieser aufgearbeitet wurde bzw. erfolglos versucht wurde aufgearbeitet zu werden.

„Postcard to Daddy“ ist eine zwar durchaus bemühte und engagierte, aber letztlich eben gescheiterte Aufarbeitung eines lang zurückliegenden und bis heute vom Opfer nicht ganz verwundenen Missbrauchstraumas. Die Dokumentation wirkte auf mich vor allem wie eine „Missbrauchs-Famlientherapie“; - allerdings ohne jemanden von Außen, der diese Therapie begleitet und im besten Fall geführt hätte. Vielmehr mutete sich das Opfer Michael Stock alles selbst zu: Regie, Interviewer, Opferrolle, Täterprofiler… und  vieles mehr – und scheiterte damit letztlich an dieser Herkulesaufgabe.

Michael Stock (führte bereits zuvor Regie in einigen Low-Budget-Produktionen)  scheitert zwar nicht auf ganzer Linie; -  und man kann mitnichten davon sprechen, dass „Postcard to Daddy“ ein überflüssiger dokumentarischer Aufarbeitungsversuch eines persönlichen Traumas ist; - nur eben ist er auch nicht das, was er hätte werden können – eine  wirklich berührende Dokumentation oder gar Psychostudie zum Thema Kindesmissbrauch.

 

Postcard to Daddy

 

Dinge, die für mein Gefühl weitaus mehr hätten thematisiert werden müssen, wurden meist oberflächlich abgehandelt; -  wie etwa die späteren Drogenexzesse des Opfers; -  oder ob (oder inwieweit) die später offen ausgelebte Homosexualität Ergebnis des jahrelangen Missbrauchs waren.  Und bei den Gesprächen mit Familienmitgliedern fehlte mir vielfach schlicht und ergreifend der Mut und die Fähigkeit zu einer echten Aufarbeitung. So gingen mir die Fragen nie tief genug, als wolle man  einander nicht wehtun. Dazu Geschwister, die auf mich nicht nur farblos bis teilnahmslos wirkten, sondern mitunter fast so, als wären sie von ihrem Bruder zu diesem Film genötigt wurden. Selbst das „große Finale“ – das Treffen mit dem Vater – bleibt farblos und berührte mich nicht.

„Postcard to Daddy“ fehlt es für mein Gefühl an berührender Intensität und Tiefe, auch weil zu vieles nicht an- und ausgesprochen wurde, was fpr mein Gefühl hätte an- und ausgesprochen werden müssen. Bezeichnend auch, dass in dieser Dokumentation so gut wie keine Tränen fließen. Und die, die fließen - wirken eher gepresst. Ich hätte mir einen “Zusammenbruch” gewünscht - das, was ich zu sehen bekam, war mir zu betulich.

 

   4.5 von 10 Punkten

 

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