Sandra, (m)eine heilige „Maria Magdalena“

Arne Pahlke, 2006

 

Einst, als ich noch jung und hoffnungsfroh war, berührte ich die heilige „Maria Magdalena“.

 Und diese Begebenheit lief wie folgt ab:

In ihrer annähernd menschlichen Gestalt, stellte diese (zumindest in meinen Augen) seinerzeit leicht bulemisch aussehende Frau (die auf den Namen Sandra Cretu hörte) einen flüchtigen Körperkontakt zu mir her, der der Anfang einer wunderschönen gemeinsamen Zeit hätte werden können.

Ich stand vor einer kleinen schäbigen Bühne einer Hamburger Großraumdiskothek (die inzwischen genauso in Schutt und Asche liegt wie meine Zukunft) und wartete dort auf das Fräulein Wangengrübchen, die es übrigens wie Modern Talking vollbrachte, mit annähernd ein- und derselben Melodie unzählige Hits zu landen.

Maria Magdalena – lalala - in the Heat of the Night – lalala - Innocent Love – lalala - Everlasting Love – lalala - Heaven can wait – lalala

Was ich mit diesem kurzen Auszug ihres „blendenden“ Schaffens andeuten wollte, ist, das diese Frau ein mörderisches Talent hatte. Oder vielmehr hatte ihr Mann dieses Talent, da er es  war, der ihr diese mörderischen Songs schrieb. Die Betonung liegt übrigens auf mörderisch, denn von Terrorakten sprach man in diesem Zusammenhang seinerzeit noch nicht.

Die heilige Magdalena musste eigentlich immer nur begleitend zu den hochmelodiösen Popschmalz als schön anzusehendes Sangespüppchen fungieren. Doch zumindest dies konnte sie ganz gut.


Und ich fand sie wunderschön, als sie so leichtfüßig auf die viel zu kleine Bühne sprang. Ok, ich hatte zu diesem Zeitpunkt bereits ein paar Bier intus, - aber sie war wirklich schön. Ich stehe total auf knabenhaft aussehende Frauen. Lediglich ihre langen Haare störten mich. Wenn sie doch nur eine Glatze gehabt hätte, dann hätte ich mir sogar all ihre Alben gekauft. So aber musste sie ohne meine finanzielle Unterstützung ihr Leben meistern. Oft stelle ich mir prominente Frauen glatzköpfig und ohne oder aber mit ganz kleine Brüsten vor.

Warum ich dies tue, dies tut hier nichts zu Sache!

 

heilige. Maria Magdalena von Perugino, Pietro



Um mich herum sangen alle den Refrain von „Maria Magdalena“. Und nach jedem Lied rief die leicht zu beeinflussende Meute: „Sandra, Sandra …“.  Und einige der anwesenden Männer schrieen ihren Namen so voll von geifernder Inbrunst, das ich mich bereits innerlich vorbereitete, in den nächsten Sekunden den Geruch von frisch gespritzten Ejakulat zu vernehmen.


Zunächst tat ich der Meute gleich. Dann aber passierte es - es brach einfach so aus mir heraus.

Ich drängelte mich an den Bühnenrand und schrie rhythmisch meinen Namen. Also anstatt „Sandra, Sandra“ brüllte ich lauthals: „Arne, Arne“. Zunächst stimmten lediglich zwei sturzbesoffene Typen in mein schlachtrufartiges Geschrei mit ein. Doch bereits nach wenigen Augenblicken sangen mindestens ein Dutzend Discothekenbesucher meinen Namen. Und was tat daraufhin die Grübchenbarbie Namens Sandra? Sie kam auf mich zugestürmt (in wilder Leidenschaft?) und ergriff meine Hand.

Ich glaube, sie dachte in diesem Moment, das ich einer ihrer größten Fans war, da von mir so unglaublich viel Energie aufs Volk überschwappte und ich so frenetisch sang. Ich glaube nicht, dass sie hörte, das ich anstatt Sandra meinen eigenen Namen rief, zumal ich, als sie schließlich meine Hand ergriff,  zum Wendehals wurde und plötzlich wieder „Sandra“ rief.

Ja, ich weiß, was für ein feiger Windelpupser. Aber ich sah Sandra und mich bereits vor meinem inneren Auge, wie wir hemmungslosen Sex hatten und wie sie ihren Mann für mich verließ, um mit mir gemeinsam (in meinem seinerzeit von mir bewohnten 29 Quadratmeter Wohnklo) ein neues und schöneres Leben anzufangen. Und in solchen Situationen muss man eben auf Schmusekurs gehen, um die Chance zu wahren, sich eine feste Begattungspartnerin an Land zu ziehen.


Eigentlich wollte ich mir nach dieser Begegnung nie wieder meine Hand waschen. Aber da ich auch in dieser Nacht keine Frau fand, die unentgeltlich mit mir Nachhause gehen wollte, stellte ich mir Sandra später im Bett - ohne Brüste und Kopfhaare  - vor. Und diese Vorstellung war so schön, dass ich mir bald darauf jene Hand dreckig rieb, die die heilige Maria Magdalena kurz zuvor berührt hatte.

…. sozusagen: „In the Heat of the Night”

schreibe einen Kommentar..
Dein Kommentar zum Text abgeben

leider noch kein Kommentar vorhanden. Sei der Erste, der einen Kommentar schreibt!

® sämtliche Textrechte liegen bei Arne Pahlke/Wortmutation