Schwarz-Weiß-(Fernseh)-Malerei

® Arne Pahlke, Oktober 2011

 

Wie soll man sich eigentlich noch in einer Welt heimisch fühlen, in der die Hutbretter aussterben und in der die meisten Jugendlichen in einem Schirmmacher einen Politiker sehen, der milliardenschwere Rettungsschirme spannt; -  oder ihm für einen Industriellen halten, der Touchscreens für Apple-Handys herstellt?

Ich meine, ich will ja nicht gleich zurück in die Zeit eines Theo Lingen und Hans Moser. Aber schee war es doch, nicht wahr? 

“Grüß Gott gnä Frau, was darf ich ihnen bringen? Ach, wenn es mir denn nur möglich wäre,  gnä Frau, dann brächte ich ihnen  - und uns allen - ein Quäntchen dieser wärmenden Naivität von einst zurück.”

Die Welt von früher war auf jeden Fall übersichtlicher, in ihren Werten beständiger und als großes Ganzes nachvollziehbarer, als es diese globalisiert-entartete Welt  von heute ist.

Heute bleibt einem doch immer häufiger die Luft weg, bei diesem ganzen Informationsoverkill und dem Überangebot an käuflich zu erwerbenden Schwachsinn, den letztlich niemand braucht, aber dennoch jeder haben will – haben muss!

Wenn ich allein diese technischen Produktinformationen zu  den heutigen Fernsehgeräten lese, wird mir übel:

Motionflow-Feeling mit Spezial-Ambient-Sensoring, Ambilight-Backlight-Dynamite-Super-High-Definition-Doppel-3D mit dreifach geflochtener progressiver Abtastung und siebenfach gequirlter Antialiasing-Digital-Video-Broadcasting-fuck-you-Scheiße!

Ich will jetzt auf der Stelle unseren ersten Schwarz-Weiß-Fernseher zurück!

Das war ein Tresor von einem Fernsehgerät und nicht so ein Plastikspielzeug, wie es heute hergestellt wird. Mit so einem alten großen Röhrenpanzer konnte man noch  Menschen töten, wenn man ihn aus einem Meter Höhe auf jemanden herabfallen ließ.

Und heute?

Die heutigen zartbesaiteten Klavierlackoptikblender fallen doch bereits in sich zusammen, wenn einem so ein Wii-Nunchuk-Leichtplastik-Controller bei einem dieser bescheuerten “Totaly-stupid-but-so-happiness-Partypeople-Fuchtelspielchen” aus der Hand rutscht und  dann mit einem dieser Mimosen-Bildschirme kollidiert. 

HALLLLOOO?!

Wir haben als Kinder mit Tennisbällen auf Röhrenbildschirme geworfen – und zwar nicht aus Versehen und nur einmal, sondern wiederholt und mit Schmackes.

Mit Schmackes; - sagt man das heute überhaupt noch? Oder gibt es dafür inzwischen auch schon einen dieser scheußlichen englischen Austauschbegriffe?

Ich will sofort meinen Hans Albers und meinen Gustav Knuth zurück! Das waren noch richtige Kerle und nicht son lispelnder Weichspülersoftie wie dieser Till Schweiger.  

Ist mir doch egal, dass der große Hans Albers alkoholkrank war! Alkoholismus gehörte früher einfach zum richtigen Mann-sein dazu! Und das hieß früher auch nicht Alkoholismus. Oder ok, das hieß schon so, -  nur das interessierte die Männer damals ganz einfach nicht. Eben, weil es keine Weicheier waren, wie die Männer von heute! Ein richtiger Mann hatte  früher  gefälligst an Lungen- oder Leberkrebs oder eben an der Front zu sterben.

Ach ja, die gute alte Zeit und der gute alte Deutsche Film: Rudolf Platte, Curd Jürgens, Heinz Erhardt, Hans Albers, Heinz Rühmann, Luis Trenker, Sir Peter Ustinov und nicht zu vergessen Joseph Goebbels.

Ach, ne, der Goebbels, das war ja gar kein Schauspieler; - obwohl?!

 

Früher hieß es noch: “Kinder kommt, Fernsehen fängt an!”

 

Selbst die Fox' Tönende Wochenschau aus den Kriegsjahren ließ sich noch um einiges wohltuender an, als das heutige marktschreierische Nonstop-N-TV-N24-Newsflash-Bombardement.

Was soll‘s, dann gab`s früher halt diesen ominösen, von einem kleinwüchsigen Österreicher angezettelten Krieg. Doch wegen solch einer Kleinigkeit hat sich das deutsche Volk doch nicht seine gute Laune verderben lassen. Hingegen scheint  es in den Nachrichten heutzutage vor allem darum zu gehen,  Angst und Schrecken zu verbreiten. Früher sagten die  Sprecher mit positiv kraftstrotzender Stimme:  “Unsere Männer kämpfen heldenhaft und aufopferungsvoll an der Front  für ihr Vaterland  und am Ende werden sie siegreich aus der Schlacht hervorgehen.”

Reicht doch völlig aus! Und ich finde es auch nebensächlich, dass es am Ende anders kam und alles nur Propaganda war.

Ach Mensch, wie nannte sich  noch mal dieser unerhörte Vorgang, als die Alliierten den Journalisten,  vor, während und nach dem Golfkrieg gezielt falsche Informationen haben zukommen lassen? Ja, genau! Danke! Nur, dass viele für diese Propaganda hundert(e) Stunden vorm Bildschirm festklebten, da sie ja schließlich gut und umfassend informiert sein wollten.

Früher wurde der Krieg im Fernsehen meist romantisch verklärt und heute wird er als Medienspektakel aufbereitet.  Heute sind Bombenangriffe live im TV längst Teil eines NEWS-basierten Unterhaltungsfernsehens. Und da passt es doch, dass ABC-Reporter Gary Shephard bei einem Nachtangriff der Alliierten gesagt haben soll: „Es ist das größte Feuerwerk, das ich je sah. Das ist wie Silvester, es ist phantastisch.”

Ja, wundervoll, Gary.  Und schau nur da hinten; - überall dieses  noch warme Blut, überall diese Kollateralschäden, diese Fülle an niemals verebbenden schlechten Nachrichten aus dieser immer mehr aus dem Bereich  der  Aufnahmekapazität eines menschlichen Gehirns gleitenden Welt.

Ist es da nicht legitim, sich hin und wieder - so wie ich es tue -  etwa  in Sonntagnachmittage vergangener Zeiten zurückzusehnen, als allein Mutti und  Papa den Fernsehapparat einschalten durften und man  die  tragisch-rührselig beseelte Stimme eines Heinz Rühmann hörte, woraufhin sich  in einem sofort dieses wohltuende Gefühl ausbreitete, das alles gut wird – ja, schöner noch – das alles gut ist.

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Nadja G, 3. Oktober - Bitte mehr Texte dieser Art! Du wirst bei deinen Rückschauen immer so mitreißend sentimental und bietest damit meines Erachtens einen guten Kontrapunkt zu deinen zynischen Werken.

Shaun, 4 oktober 2011 - Einfach nur gut. Ich bin ja sogar ein paar Jahre jünger als Du und maße mir trotzdem an sagen zu können, dass "früher" einiges einfacher, verständlicher und aussichtsreicher war. Aber irgendwann haben wir einen seltsamen Weg eingeschlagen. Ob das den Menschen auch so ging, als das Geld letztes Mal von seiner Rolle als Tauschmittel zum Selbstzweck erhoben wurde und der halben Welt daraufhin ihre tolle Wirtschaft um die Ohren flog?  Schirmmacher machen Displays für Apple-Handys - geil :)

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