Selbstbetrug als Scheinwahrheit Arne Pahlke, 2005

 

Der Mensch ist hochgradig verlogen!

Wenn dir jemand sagt, dass er zu den ehrlichen Menschen zählt, dann tischt er dir mit eben dieser Aussage eine faustdicke Lüge auf.

Es mag zwar angehen, dass er sich für einen ehrlichen Menschen hält, aber dies kann er eigentlich nur tun, wenn er sich den Begriff Ehrlichkeit niemals aufrichtig hinterfragt hat.

Was ist Ehrlichkeit? Wo fängt sie an? Und vor allem, wo hört sie auf?

Ist ein Mensch allein deshalb ehrlich, weil er niemals im Leben Steuern hinterzieht, weil er gefundene Sachen beim Fundbüro abgibt oder niemals einer Schwarzarbeit nachgeht?

Mein Opa war einer dieser wunderbar ehrlichen Menschen, zumindest glaubte er dies von sich. Er schickte uns zurück zum Lebensmittelmarkt,  wenn wir irrtümlicherweise zu viel Wechselgeld herausbekommen haben. Und er versteuerte sogar seine minimalen Einnahmen aus seinen Hobbymalereien. Nach seiner Pensionierung arbeitete er  als Detektiv; - im Auftrag der Ehrlichkeit. Doch tatsächlich war auch er ein durchschnittlich verlogener Mensch, wie du und ich. So hatte er solange ich denken kann ein Alkoholproblem, was er aber niemals zugab, selbst dann nicht, als dieses Problem ihm aufs Sterbegleis hievte. Und mein Opa meinte stets, dass Männer hart sein müssen (wie er), gleichzeitig war er zu schwach und zu feige, meiner Oma während ihres langen Sterbens ausreichend zur Seite zu stehen. Und er erzählte uns gerne Heldengeschichten vom Krieg, während seine Augen Traurigkeit, Wut und Verwirrung widerspiegelten. Mein Opa war somit ein großer Selbstbetrüger. Doch mein Opa war gleichzeitig ein unheimlich lieber Mensch, so wie ich mich selbst und alle Menschen, die ich kenne, für hochgradig unehrlich und dennoch für liebenswert halte.

Mein feststehendes Urteil darüber, dass wir alle unehrlich sind, fällt deshalb so unumstösslich  aus, weil unsere Schuld, die wir gegen die Wahrheit auf uns geladen haben, einfach zu offensichtlich ist.  Der Selbstbetrug, dem wir fast jedem Augenblick frönen, scheint ein Teil unserer verlogenen Wahrheit zu sein. Wir alle, sind in allen Fragen unseres Lebens wiederholt unaufrichtig.

Selbst ein Tagebuch, was eigentlich die Wahrheit beherbergen soll, ist oft voll von Lüge und Missbrauch gegen die Wahrheit. Und es ist ja bereits ein Akt der Unaufrichtigkeit, wenn man sich ins gute Licht rücken will. Und genau dies gelingt einem z.B. mittels eines offenen geführten Tagebuchs im Internet vorzüglich.

 

Foto by Haley Branden Elliot

 

Unser aller Leben markiert uns zum Opfer, aber eben auch zum Täter.  Doch in einem offenen Tagebuch oder auf einer Homepage lassen die meisten von uns vor allem das Opferlamm bluten und ernten dafür das angemeldete Mitgefühl. Eine typische Lüge in diesem Zusammenhang ist z.B., dass wir meinen, wir würden ein (offenes) Tagebuch vorrangig der Ehrlichkeit wegen führen. Doch es dient vor allem unserer Selbstdarstellung. Wenn es nicht so wäre, so könnten wir es doch allein für uns schreiben.   Und auch bräuchten wir uns nicht um Grammatik, Rechtschreibung und einladende Textpassagen und Überschriften bemühen – denn für wem dies alles?

Wenn wir meinen, wir tun etwas Gutes und Aufrichtiges - so spricht meist nur unser Ego. Und unser Ego ist durch und durch verlogen.

Ich bin mehrmals täglich unehrlich, z.B. wenn mich jeden Morgen nach dem Laufen auf die Waage stelle. Denn das Gewicht, was ich dann ablese, dies entspricht am allerwenigsten der Wahrheit. Es ist eine Zehrwahrheit, die mir aber am ehesten zusagt. Es wäre in meinem Fall weitaus ehrlicher mich mittags oder nachmittags auf die Waage zu stellen. Doch an dieser Wahrheit bin ich nicht interessiert.

Ach, ich lüge ja oft bereits, wenn ich den Mund aufmache, weil ich mir einbilde, etwas sagen zu müssen, was dann eigentlich gar nicht der Fall ist. Und ich bin unehrlich, wenn ich meine Mundwinkel entgegen der Wahrheit lebensbejahend anhebe, nur weil ein Mensch, den ich flüchtig kenne, meinen Weg kreuzt, woraufhin ich meine, mich positiv darstellen zu müssen.

Der in vielen Fällen bereits komplett automatisierte Selbstbetrug dient uns als Scheinwahrheit, um unser verlogenes Dasein zu ertragen. Und wenn man wieder und wieder unehrlich ist, so bekommt die Unaufrichtigkeit eine eigene Dynamik – sie wird zu einer eigenständigen Wirklichkeit. Und ein Drogenrausch hat schließlich auch seine eigene Wirklichkeit und Dynamik. Doch wehe – die berauschende Wirkung lässt nach!

Wer liebt schon seine Arbeit; doch wer hätte nicht ein paar selbstbetrügerische Worte parat, sie vor sich selbst und anderen Menschen  schönzureden? Wer hinterfragt schon wiederholt seine ehrlichen Absichten bei der Partner(aus)wahl, bei der Haustierhaltung oder etwa in der Frage, warum er eigentlich ein viel zu großes und teures Auto fährt? Und diese Liste ließe sich endlos fortsetzen.

Für mich zeigt sich der gravierendste Selbstbetrug aber stets dann, wenn dieser praktisch nicht vorhanden/sichtbar/spürbar scheint, z.B. just in diesem Moment, wo ich diesen Beitrag schreibe.

Es steckt etwas Unaufrichtiges in dieser Betätigung, eine Ablenkung von der Wirklichkeit. Und auch wenn dieses Produkt, dieser Beitrag, der Ehrlichkeit dienen mag, so ist es kein Kind der Wahrheit. Er ist ein Stück weit unehrlich,  weil meine Motivation in diesem Augenblick auf eine Teillüge beruht. Aber ich will diese Teillüge nicht weiter hinterfragen,  was mich erneut zu einem unehrlichen Menschen macht, der aber trotz alledem liebevoll ist.

Und ich bin ein Mensch, der den vorangegangenen Satz  auch deshalb geschrieben hat, weil er hören will, dass er  ein liebenswerter Mensch ist. Ich brauche diesen ständigen Selbstbetrug, als eine in mir wirkende Scheinwahrheit. So wie wir alle.

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cold, 25. Februar 2012 - Hm. Ich bleibe da hängen, wo du den Kreis mit dem Nicht-Hinterfragen-Wollen einer Teillüge quasi fast ganz schließt.Ich sehe in so einem Fall keinen echten Selbstbetrug mehr,  wenn dieser zumindest erkannt wurde. Es ist ´ne andere Sache, wie weit man sich damit akzeptieren will oder kann. Gut möglich, dass ich das recht locker sehe. So lange man eben niemandem damit schadet, auch sich selber nicht. Jedenfalls nicht nachhaltig, das wär schon was. Fraglich auch, ob´s wirklich dauernd der Luxus des Selbstbetrugs ist oder ob´s eher dem (psychischen) Überleben dient und somit unter Selbstschutz fällt. Und ob das nicht schon wieder "Schönreden" ist. Nee. Eher nicht. Könnte auch ´ne Art Einsicht sein. Man kann zur Not ja auch alles schlecht reden und mitunter ist genau das dann die Teillüge, die einen bremst. Who knows?

Wortmutation: Dieser Kommentar ist leider verloren gegangen und kann von mir auch nicht rekonstruiert werden

cold, 26. Februar 2012      Yup, du sagst es. Ich würd´s nur eher "inneren Luxus" nennen als "wahres Glück". Ich muss bei dem Wort "Glück" ständig an (pseudo-)fröhliche Menschlein denken, für die ´ne Welt zusammenbricht, wenn jemand anders mal nicht dafür sorgt, dass dieses sogenannte Glück aufrecht erhalten bleibt. *gnarhgs* Das hat dein spezieller Bekannter dann ja ganz gut hingekriegt mit dem falschen Glück. Als ob´s keine Möglichkeiten gäbe, den ganzen Reichtum flugs loszuweden, wenn er einen so nervt. Neidisch auf Leute, die wenig haben und damit prahlen, was man sich schon wieder alles leisten konnte. *head @ desk @ desk @ desk @ ...*

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