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Sterbebegleitung
Neffe: Oma, findest du nicht auch, dass du langsam alt genug bist, um endlich in Würde zu sterben?
Oma: Was hast du gesagt?
Neffe: (brüllt) Ob du nicht langsam mal den Löffel abgeben willst, habe ich dich gefragt!
Oma: Du kannst gerne meine Messer haben, Hendrik. Du weißt doch, dass Oma nur noch Suppe schlürfen kann. Lass mir also bitte meinen Löffel.
Neffe: Oma, seit Jahren bist du nun schon ein vor sich hinfaulender Kostenfaktor, der den Schuss nicht mehr hört. Wenn du dein selbstgefälliges Leiden unbedingt weiterführen willst, so tue dies zumindest in der Abstellkammer, die wir für dich hergerichtet haben.
Oma: Aber Junge, in der Abstellkammer ist doch kein Fenster und keine Heizung.
Neffe: Was will du denn mit einer Heizung, Oma? Wozu brauchst du lebensverlängernde Maßnahmen? Schau doch mal, wir haben dir sogar schon einen Sarg in die Ecke gestellt, den wir alle zusammen für dich ausgesucht haben. Aber du bist ja schon derart verkrustet, dass du nicht mal diesen Wink mit dem Sargnagel verstehst. Und wegen diesem Scheißsarg habe zwei Monate lang nur die Hälfte Taschengeld bekommen. Und nun steht dieses teure Teil unnütz in der Ecke und wird nicht gebraucht. Eine Urnenbestattung wäre ohnehin viel günstiger gekommen.
Oma: Wo ist Urmel? Läuft Urmel etwa gerade im Fernsehen? Oh Hendrik, wollen wir gemeinsam Urmel schauen; - so wie früher, Hendrik?
Komm Omi, ich fahr dich den Hang runter!
Neffe: Verschone mich mit Urmel, Oma! Ich rede von deiner Urnenbestattung. Mama und ich waren dafür, dich zu verbrennen. Aber Papa besteht darauf, dass du eingesargt wirst, weil dies angeblich dein ausdrücklicher Wunsch war, als du noch einen klaren Kopf hattest und klare Wünsche äußern konntest.
Oma: Nein, danke, Hendrik, aber für einen Klaren ist es mir einfach noch zu früh.
Neffe: (schreit) Halt doch endlich dein klappriges Maul, du halbverweste alte Schnepfe! Kannst du nicht einfach krepieren? Schon mal etwas von Anstand gehört? Dich braucht hier niemand mehr, Omi! Spätestens seit du kein Geld mehr für Weihnachtsgeschenke aufbringen kannst, ist deine letzte Daseinsberechtigung abgelaufen. Lass dir also bloß nicht einfallen, dein Sterben ewig weiter in die Länge zu ziehen.
Oma: (schaut irritiert)
Neffe: Papa meint, wenn wir dich jetzt noch in ein teures Pflegeheim geben müssen, dann könne ich keine Tennisstunden mehr nehmen. Wenn du mir das antust, Oma, dann lass ich dich bei der nächsten Rollstuhlausfahrt eigenhändig den Abhang runterrollen.
Oma: (schlägt die Hände vors Gesicht und hustet stark)
Neffe: (springt auf) Geht’s dir schlecht, Omi? Bitte, sag mir die Wahrheit! Ich werde damit umgehen können. Geht es zu Ende mit dir?
Oma: Aber nein, Hendrik. Ich habe mich lediglich verschluckt.
Neffe: (zornig) Ok, Oma, was zu viel das ist zu viel! Wenn du meinst, mich hier auch noch verarschen zu müssen, dann gehen wir eben jetzt gemeinsam mit dem Rollstuhl vor die Haustür und erzwingen eine praxisorientierte Generationskonfliktlösung.
Oma: Oh ja, ich werde doch so gerne von dir mit dem Rollstuhl ausgefahren. Am liebsten zur grünen Böschung. Du bist so ein lieber Junge, Hendrik. Ganz anders, wie diese rüpelhaften Jugendlichen im Fernsehen.
Neffe: Generationenkonfliktlösung! Ach, vergiss es, Oma! Komm, spuck schon mal dein Gebiss aus! Für ein Gebrauchtes bekommt man bei E-Bay immerhin noch ein Hunderter. Irgendwie müssen wir ja zumindest einen kleinen Teil der Kosten, die uns durch dich entstanden sind, wieder reinkriegen. © Arne Pahlke, 2006
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® sämtliche Textrechte liegen bei Arne Pahlke/Wortmutation |
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