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Sterben Arne Pahlke, Oktober 2009
Die Mehrheit der Menschen möchte nach Möglichkeit friedlich im Schlaf sterben. Und zugleich wollen die meisten von uns (ur)alt werden. Bis zum allerletzten Atemzug soll uns die Schöpfung doch bitteschön ein gesundes, glückliches und erfülltes Leben schenken. Doch wir alle kennen sie, jene diktatorische Wahrheit, die wir u.a. auch gekränkt „ungerechtes Schicksal“ nennen. Und doch wollen die meisten von uns diese Wahrheit weder hören noch anerkennen. Viele von uns reden sich lieber ein, dass es bei ihnen anders laufen wird – anders laufen muss! Sie erwarten das Sterben für sich friedlicher und harmonischer – eben irgendwie fair. Aber niemand von uns hat Anrecht auf einen fairen Tod. Und dennoch blenden wir die Möglichkeit eines qualvollen Endes einfach aus, obgleich ein Sterben erfüllt von Angst, Qual und Leid weitaus wahrscheinlicher ist, als ein „Fünf-Sterne-Luxus-Herzversagen“ im Schlaf. Und selbst, wenn mal wieder irgendwo irgendjemand friedlich eingeschlafen ist, so wie man es z. B. immer wieder so wunderbar versöhnlich in Todesanzeigen liest, so war der Weg bis dahin meist alles andere als friedlich. Wer las sie nicht schon, jene tröstenden Sätze, wie etwa: „Er oder sie hatte ein erfülltes Leben und schlief dann friedlich ein.“ Das klingt wunderbar auffangend, nicht wahr? Und die Mehrheit will sich auch überhaupt nicht mit quälenden Detailfragen aufhalten. Nein, die meisten von uns wollen gar nicht wissen, dass die letzen Monate oder oft auch die letzten Jahre der meisten „friedlich Eingeschlafenen“ längst nicht so erfüllt waren, wie es die Nachrufe vermuten lassen. Denn ebendies stört ihre Befindlichkeit und bereitet ihnen nachhaltig Angst, etwa dass ihnen ein vergleichbares Schicksal widerfährt. Doch was ist bitteschön friedlich daran, wenn irgendwo irgendeine Frau Ursel Meyer über viele Jahre ihren Verstand ganz elendig an Gevatter Alzheimer abtreten muss, um dann irgendwann völlig erschöpft, ausgehöhlt und zu einem bejammernswerten Wesen reduziert – endlich gehen darf? Meine Oma und mein Opa sind auch nicht friedlich gestorben, nur weil sie letztlich im Schlaf gegangen sind. Zuvor hat sie der Krebs zerfressen - mit all seinen absolut nicht friedfertigen Begleiterscheinungen. Oder schau in die Altersheime. Es sind Sterbekammern. Und wir stecken unsere alten Mitmenschen vor allem deshalb in diese Heime, weil wir nicht durch ihr Siechtum und ihr langsames Krepieren gestört werden wollen. Nein, Sterben ist oft kein schöner Anblick und überdies eine uns sehr fordernde Angelegenheit, der wir lieber feige und scheinheilig aus dem Weg gehen. So etwas wollen die meisten von uns einfach nicht sehen. Im Film ok – aber bitte nicht in der Realität! „Oma und Opa sind sanft im Seniorenheim eingeschlafen und sie hatten ein erfülltes Leben.“ Aus! Basta! So war es! Ja, selbst dann, wenn es eigentlich ganz anders war.
Sterbende Menschen überfordern die meisten von uns. Doch Abschied nehmen muss ein jeder von uns üben. Wie aber soll man diesen großen Abschied, der uns allen bevorsteht üben, wenn man allein den Gedanken daran nicht zulassen will? Früher wollte ich auch am liebsten im Schlaf sterben. Heute hingegen wäre ich der Schöpfung dankbar, wenn sie mich erst nach einer langen schweren Krankheit gehen ließe. Ein langsames Abschied nehmen dürfen, dies wäre ein großes Geschenk. Dadurch wäre mir die Chance gegeben, meine mir auslaufende Zeit mit einem tieferen Bewusstsein wahrzunehmen. Viele Menschen fangen doch erst dann damit an, das Leben wirklich zu schätzen, wenn sie sein Ende vor Augen haben. Ja, wenn ich die Wahl hätte, dann würde ich gerne ausreichend Zeit bekommen; - würde gerne lange vorher wissen, dass es mit mir zu Ende geht. Ich würde gerne ausreichend Zeit erhalten, um das Abschied nehmen zu üben. Doch ich habe nicht die Wahl. Ich weiß nicht, welche Art des Sterbens mir bevorsteht. Und ich könnte mich nicht einmal beklagen, wenn ich einen furchtbar elendigen Tod sterben muss. Ich habe genügend Dinge in meinem Leben getan (oder sie auch unterlassen zu tun), die selbst schreckliches Siechtum (etwa als Wachkomapatient) vor mir selbst rechtfertigen würden. Ich habe somit (wie wir alle) absolut kein Anrecht (etwa darauf) friedlich einzuschlafen! Und ich habe mir fest vorgenommen, dass, wenn es irgendwann soweit sein wird und ich dann noch die Zeit dazu bekommen sollte, ich mich nicht fragen will: „Warum ich? Das habe ich doch nicht verdient!“ Doch, das habe ich dann verdient. Und zwar genau so! Doch mag das Sterben auch noch so grausam sein. Der Tod selbst lockt mich mit einer süßen Verheißung. Ich wünsche mir dennoch im Falle eines qualvollen Sterbens, dass in meiner Todesanzeige die Wahrheit steht und kein balsamisches “Gefick-Geschreibsel”: „… Arne Pahlke ist nicht friedlich eingeschlafen sondern er ist elendig krepiert! |
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Kommentar von Konkalit 27. Oktober 2009 - wie so oft hast du Recht. Seit ich dort im Krankenhaus auf der Dialysestation arbeite habe ich es bereits mehrmals erlebt, erst nur gehört wie Leute die nen Tag vorher noch putzmunter kamen plötzlich weg waren und dann auch selbst dabei gewesen. Und es ist oft ein Dilemma, Manchmal gehen sie schreiend, und manchmal gehen sie im Schlaf- sie entschlafen einfach, genau wie du gesagt hast. Doch selbst bei den Entschlafenden war es oftmals ein qualvoller Weg. Das Sterben ist eben nicht wie ein Song von "Goethes Erben" behauptet ästhetisch bunt ^^ Stefan - 19. Oktober 2010 - weißt du was du hast vollkommen Recht. Ich sage dir unter den Lebenden kriegst du immer auf die Mütze wie ich, ich kann mich nicht mal mehr mit meinen Freunden treffen wegen der Schule ich wäre auch lieber Tod dann hätte ich Ruhe. Aber das geht leider nicht. Ich muss das halt noch aushalten. Wortmutation: Eigentlich schlimm, wie viele Menschen einen Großteil ihres Lebens dieses eher aushalten und ertragen, als sich in und mit diesem Leben glücklich zu fühlen. Und ich gehöre zu diesen Menschen, für die das eigene Leben meist ein “Aushalten” darstellt. Stipp, 24. Oktober 2010 - Zeit zu haben bis zum Tod ist Reichtum, solange man fähig ist, die Zeit auch mit Kreativem auszufüllen oder sich zu besinnen.- Wenn man zu schwach ist, das selbst zu entscheiden, hat man schon verloren. Wieweit darf ich mich als "Lebenspartner" verstehen, wenn mich mein alzheimererkrankter Partner nicht mehr erkennt? Hinterließ ich keine Signale, die mich ihm wieder erkennen lassen? - Kann ich einem "müden" alten Menschen fragen, wie lange er noch mag? Er hat ja keine Entscheidung! Es gibt hier ja keine Alternativberatung Sterbehilfe oder Sichtum. Natürlich habe ich eine Wahl, - es ist mein Körper und meine Überlegung - und meine Kreativität. Aber die, die ich hinterlasse, sollen es nicht zu wirr oder belastend, zu schmutzig oder zu schuldzuweisend vorfinden.- Wer bestimmt, ob ich den Tod verdient habe? Besser sollte man fragen, warum so viele leben müssen. Worin besteht die süße Verheißung, diese Frage wurde nicht erläutert. Wortmutation. Dein Kommentar veranlasste mich zu folgendem Beitrag: Liebe Altenheime Simona, 1. November 2010 - Nein, das Sterben meiner Freundin Stefanie war wirklich nicht schön. Ihr Leben endete vor zwei Jahren an einem schmuddeligen, verregneten Herbstabend zwischen zwei Straßenbäumen, eingeklemmt in Ihrem völlig demolierten Kleinwagen.Sie kam auf der regennassen, laubverschmutzten Straße ins Schleudern. Ihr Wagen geriet auf den Seitenstreifen und wurde über einen Erdhügel, der sich dort befand buchstäblich zwischen zwei eng nebeneinanderstehende Bäume katapultiert und zusammengedrückt.Stefanies Sterben begann zu diesem Zeitpunkt, sie hatte keine Chance mehr, zu schwer waren die inneren Verletzungen.Kurz nachdem die Rettungsmannschaften sie aus dem Wrack befreit hatten, ist Stefanie gestorben.Der Notarzt konnte nur noch den Tod wg. inneren Blutungen und Organversagen feststellen.Sie hätte sofort das Bewusstsein verloren und nichts mehr gespürt in den letzten Minuten Ihres Lebens, des Sterbens.Einer der Feuerwehrleute, die vor Ort waren und den ich gut kenne, erzählte etwas anderes. Meine Freundin war noch bei Bewusstsein, stöhnte und wimmerte Leise, bat sogar noch um ein Schmerzmittel. Sie starb unter Qualen, die angeblich sofort eingetretene erlösende Bewusstlosigkeit kam wohl erst ganz kurz vor dem Tod.Nein Stefanies Sterben war weder angenehm noch schön.Zwei Tage später konnte ich Stefanie noch einmal sehen, in der Leichenhalle.Obwohl man sie schön angezogen hatte sah sie fürchterlich aus. Das Gesicht geschwollen, mit Schnittwunden übersäht teilweise bläulich verfärbt, der Mund leicht geöffnet. Irgendwo im Hinterkopf hörte ich sie vor Schmerzen stöhnen und um ein lindernde Schmerzmittel betteln.Niemand würde behaupten, sie hätte im Sarg friedlich, entspannt oder gar wie schlafend ausgesehen.Stefanie hat so ausgesehen, wie sie gestorben war und uns im Tod noch einmal Ihre letzten Qualen mitteilen wollen.Nein, Ihr Tod war nicht schön er war hässlich. Wortmutation: Hallo Simona! Danke, dass Du diesen so persönlichen Kommentar geschrieben hast. Wenn das Sterben wie in dem von Dir geschilderten Fall (s)eine hässliche Fratze zeigt, dann macht es einen schwer bis unmöglich, darin einen aufzuspüren. Man fragt sich dann, in wie fern dieser Tod überhaupt Sinn machte. Natürlich kann man es „nüchtern“ angehen und resümieren, dass eben dieses und jenes zum Tod führte. Aber, ob hinter eben diesem Sterben ein „Plan“, eine Idee, eine Vorhersehung oder Bestimmung“ steckte, bleibt dabei unbeantwortet. Tritt das Sterben jedes Einzelnen am Ende rein willkürlich ein? Esse ich z.B. gleich ein Brötchen und ersticke daran – eben allein aufgrund ganz nüchterner Fakten, weil Faktor A, B und C meinen Tod herbeiführen. Ist das Schicksal am Ende ein reiner Trostspender? Dass uns Menschen der irdischen (körperliche) Tod erwartet, macht für mich Sinn und weckt in mir kein Aufbegehren gegen die Schöpfung. Aber wie zerbrechlich unser Leben (Körper) am Ende ist – wie es/er in nur einer Sekunde – wie im Falle Deiner Freundin - zerschmettert werden kann; - dies lässt mich dann oft die Frage stellen, was unser Leben eigentlich für einen Wert hat. Damit meine ich, was für einen übergeordneten Wert es hat – über unser Leben hinaus. Sind wir nur Material, das so entsetzlich leicht kaputt gehen kann – und wenn dies geschieht- bleibt dann nichts mehr von uns nach, außer einige Menschen, die sich an uns erinnern, bis auch ihr Herz zu schlagen aufhört? Simona, 2. November 2010 - auch danke für Dein Feedback, in dem sich vieles meiner eigenen Gedanken dazu wiederfindet. Gedanken, die ich mir vor allem seit Stefanies Tod gemacht habe.Zwar können wir den Tod als unausweichlich uns erwartend akzeptieren, doch können wir Ihn nicht beeinflussen und kontrollieren.Tatsächlich sind wir am Ende dem Tod gegenüber hilflos und unter Umständen zerbrechlich -"zerschmettert" war schon die passende Formulierung - |
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® sämtliche Textrechte liegen bei Arne Pahlke/Wortmutation |
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