Streifzug durch die Sexkinos

 

So also können sie aussehen, die Begegnungsstätten schwuler Triebhaftigkeit, die Auffangbehältnisse schwuler Phallus-Lust: Chrom, Schwarzlicht, flackernde Monitore, verwinkelte Gänge, Türen, Dunkelheit und voll gesogene temporäre Stofflichkeiten.

Hier also laufen sie aneinander vorbei, die aufgeladenen Frontblähungen der sich selbst in die Enge treibenden Meute. Hier also schleichen männliche Geschlechtsteile mit anhängenden Körperpartien aneinander vorbei; füreinander weitestgehend verschlossen; doch bald schon durchgehend geöffnet für jedermann?

In den miefigen Einzelkabinen wird sich Mut angewichst. Oder sollte man doch lieber sagen: Die verklemmte Lust wird per Handschlag in künstliche Höhen getrieben, von denen man(n) ohne fremde Hilfe nur noch schwerlich herunterkommt? So umzingeln sich die Gejagten und schauen sich wildernd hinterher - kreisen sich immer weiter ein - und reduzieren ihr Idealbild auf Dunkelkammer-Niveau. Und dies alles nur, um eben doch noch in gemeinschaftlicher Isolation abspritzen zu können.

Für den ungebremsten Auslauf stehen den Triebgesteuerten Kinobesuchern diverse Spielflächen zur Verfügung. So gibt es Kabinen mit ledernden Liegeflächen und der getrockneten Nachhut Tausender Ergüsse. Oder aber auch ein seltsames Gehäuse, in der Mitte durch eine Glaswand getrennt, die gelocht zum passgenauen Wellenreiten aktiver Sexsurfer einlädt. Erwähnenswert an dieser Stelle sei außerdem die Alternative für die überwiegend älteren Semester, und aber auch der aus der Form geratenen Mehrheit. Gemeint sind die lichtscheuen Abstellkammern nichtöffentlicher Zwangshandlungen, im homosexuellen Volksmund auch Darkrooms genannt. In diesen muffigen Freiwildgehegen wird leider nicht nur die eigene Unzulänglichkeit von der Dunkelheit geschluckt. Nein, dort, wo der Mensch nichts mehr zu sehen in der Lage ist, verfällt er leider oft auch der Blindheit jenes vernunftmäßigen Handelns, welches an dieser Stelle wahrlich angebracht wäre. Und da steht man nun, fest verankert in einem überlaufenden Niemandsland - unsichtbar gemacht - als ein Tastobjekt für jedermann. Ständig damit beschäftigt, seinen schwellenden Aushang auf den Ernstfall, nämlich eine Feindberührung, vorzubereiten. Streifen sich in dieser schweißtriefenden Geisterbahn zwei schmachtende Körper auffällig zufällig, so gleiten ihre Hände über kurz oder lang hin zur fremden Mitte, um sich dort das gegnerische Geschütz zu packen. Jeder nimmt sich dort, was er kriegen kann. Und wenn er gar nichts mehr abkriegen sollte, dann nimmt er sich eben selbst.

Ja, und selbstverständlich stehen auch hierfür wieder spezielle Kabinen zur Verfügung. Man nennt sie Soloboxen - und sie können sich über eine mangelnde Auslastung nicht beklagen.Ausgestattet mit einem feuchtwarmen Stuhl, einem kleinen Monitor und der Möglichkeit, sich durch verschiedene Programme zu zappen, die den Konsumenten allesamt mit einem immergleichen Ablauf begatten:   Blasen - Lecken - Ficken - Spritzen – Schnitt! Nur das Taschentuch ist bitte von zu Hause mitzubringen!

 

Copyright Arne Pahlke

In diesen Kulturpalästen der niederen Lüste trifft man, in rauhen Mengen sogar, vor allem auch die Gattung der nimmersatten Sexgeier. Und es gehört auch gar nicht viel dazu, diese Spezies zu lokalisieren, denn man erkennt sie z.B. auch daran, dass sie meist verbissen dreinschauen und ihren Opfern geifernd hinterher. Sie nennen dich, fast schon liebevoll, einen ,,Knackarsch". Doch wehe dir und du bekundest Desinteresse, so wandeln sie es hinterher in ein wütendes „Arschloch ". Und aus ihren oft tief geränderten Augenhöhlen stechen ihre Sehschlitze wie die der Greifvögel, immer auf der Suche nach neuen Beutetieren.

Doch selbst wenn sie sich mit ihren Krallen in einem Akt verfangen haben sollten, so stimulieren sie sich wahrscheinlich schon mit den Phantasiebildern ihres übernächsten fiktiven Sexpartners. Mit zunehmendem Alter mutieren diese nimmersatten Greifvögel nun zu Aasgeiern. Und dass Aasgeier sich so ziemlich von allem ernähren, was ihnen vor den Schnabel kommt, dürfte hinreichend bekannt sein. Ja, und genau diese Gattung der nimmersatten Sexgeier, die triffst du halt am häufigsten in einem der unzähligen Sexkinos. Denn hier herrscht genau jene plumpe Anonymität, die sie für ihre einsame und immer wiederkehrende oberflächliche Verschmelzung benötigen.

Und alles liegt eingehüllt in einer dich umklammernden Geruchswolke, bestehend aus Schweiß, Urin, Kot, Sperma und Poppers. Und nicht zuletzt auch füllt sich die Luft mit Auszügen meist überteuerter Duftwässerchen gespülter Darmträger. Jeder hier in diesen heiligen Räumen scheint seinen eigenen Wert peinlichst genau zu taxieren, und selbstverständlich auch den der vorbeilaufenden Angebotspalette. Und alle suchen sie den schnellen und möglichst unkomplizierten Sex. Und das läuft wie folgt ab:

Die Hässlichen, sie wollen in aller Regel sofort und mit jedem. Die Schönlinge hingegen, sie wollen in aller Regel erst später, und auch dann nur - wenn sie zuvor aufopfernd erobert werden. Aber selbstredend nur von dem einen, dem Richtigen nämlich. Und da das so eigentlich nie eintrifft, trifft man sich halt irgendwo in der vermeintlichen Mitte und zieht sich, halb angewidert, halb lustvoll, gegenseitig den Stöpsel heraus. Danach trennen sich die Körper. Die ausgelaufenen Triebtäter treten dann peinlich berührt, in angewiderter Zerrissenheit, hinaus auf die Straße. Und fühlten sie sich anfangs noch von einer Last befreit, so fühlen sie sich später oft von einer Leere erdrückt.     © Arne Pahlke /1999

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