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Spielkonsolen (Teil 3: C64)
© Arne Pahlke
Oh, wie habe ich Dich geliebt, mein hässlicher grauer Brotkasten. Viele Jahre habe ich Dir (und Du mir) die Treue gehalten. Und ich habe wohl über 1000 Spiele auf Dir gespielt. Gleichzeitig kann ich mich nur an ganz wenige C64-Spiele erinnern, die ich mir gekauft habe. Denn damals kannte jeder irgendjemanden, der einen Commodore 64 besaß, der wiederum irgendjemanden kannte, der ebenfalls Besitzer eines dieser Brotkästen war. Und jeder Commodore-User hatte etliche Spiele auf Datasette oder Diskette. Und so traf man sich halt und tauschte untereinander seine Spielsammlungen aus.
Ja, sehr viele taten das, was man heute böses Raubkopieren nennt. Damals nannte man es Schwarzkopieren und ebendies galt seinerzeit noch weitaus eher als Kavaliersdelikt, als das es dies heute tut. Und wir taten voller Freude das, wogegen die Musik- und Filmindustrie heute ganz hysterisch Anzeigenkampagnen schaltet, in denen systemgefährdende Raubkopiererverbrecher in Gefängniszellen als Schwerstkriminelle dargestellt werden.
Jawohl, wir taten das, was die Rechteverwertungs-und-Vermarktungsindustrie heute tränenreich als das Ende der Musik-Film- und Softwareindustrie beschreit. Dabei läuft diese Kopiererei-Geschichte schon seit Ewigkeiten so. Und wir waren Raubkopierer im großen Stil! :-) Ja, wir waren eine verspielte kriminelle Vereinigung – bestehend aus Abermillionen C64-Besitzern weltweit.
Ok, schönes Design sieht anders aus
Dreißig Millionen Brotkästen gingen weltweit über die Ladentische und ich mutmaße, dass mindestens 20 Millionen Besitzer eine oder mehrere Schwarzkopien besaßen. Ich besaß wohl ungefähr 1000 Schwarzkopien und 15-20 Originale. Bei manchen Zocker-Treffen wechselten schon mal mehrere hundert Datenträger ihren Besitzer. Wir alle taten es! Und niemand fühlte sich deshalb schuldig oder gar als Krimineller. Einer meiner damaligen Tauschpartner war sogar ein Polizist. Damals wurde nicht weniger „raubkopiert" (ein Unwort übrigens), als man es heute tut!
Nur lässt sich heute im Internet viel leichter nachverfolgen und damit auch besser abmahnen und strafverfolgen sowie brandmarken. Das Internet bietet leider nicht das Inkognito einer der unzähligen verschworenen kleinen früheren Gemeinschaften, in der es noch kein WWW gab. Früher lebten böse Schwarzkopierer viel sicherer und fast niemand hielt sie für kriminell. Genauso, wie man sich damals gegenseitig Filme auf VHS-Kassetten kopierte. Das war völlig in Ordnung und nur dumme Spießer regten sich darüber auf. Schließlich kaufte man sich ja auch genug Filme und Spiele. Und jene, die man sich nicht mehr leisten konnte, die kopierte man sich halt. Außerdem war der C64 einfach dafür prädisponiert, um zu einer Art „Piraten-Volkdcomputer-Spielmaschine“ zu mutieren. Wer hatte schon das Geld, um sich 1000 Spiele (und mehr) zu kaufen? Und wer hatte schon Lust lediglich 5 Spiele zu besitzen, nur weil er sich nicht mehr leisten konnte, wenn er gleichzeitig 1000 (und mehr) mehr Spiele haben konnte? Mir persönlich war ein solcher C64-User auf jeden Fall nicht bekannt.
Oh, wie viele Endlos-Listings aus Spielzeitschriften habe ich auf dieses wunderbare Blau getippt. Und nach Stunden bis tagelangen Tippen liefen dann die allerwenigsten "selbstprogrammierten" Programme. Und natürlich besaß ich nicht nur den Commodore C64 sondern auch das Datasettenlaufwerk 1530 sowie das Diskettenlaufwerk 1541, das gefühlte 5 Kilo auf die Waage brachte. In der Anfangszeit des C64 saß man übrigens nicht selten bangend vor seinem Datasettenlaufwerk und flehte dieses an, dass es doch bitte keinen Bandsalat verursachen möge. Und oft setzte das 1530er auch während des Ladevorgangs (der auch schon mal eine Viertelstunde dauern konnte) einfach mittendrin aus. Dann sprach man beschwörend auf das Gerät ein oder klopfte es sanft und gleichzeitig fordernd an, wonach es den Ladevorgang nicht selten fortsetzte. Und allein schon den Anfang eines Spieles auf dem Kassettenband zu finden, kam oft einem Glücksspiel gleich. Und dies vor allem dann, wenn man mehrere Spiele auf einer Datasette abgespeichert hatte.
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"Bitte haben sie noch einen kleinen Augenblick Geduld!" "Bitte haben sie noch einen kleinen Augenblick Geduld!" "Bitte haben sie noch einen kleinen Augenblick Geduld!"
Mit dem Diskettenlaufwerk lief es dann später bedeutend schneller. Und auch erst nach dessen Markteinführung begann die Hochzeit des Brotkastens. Alle Spiele aufzuzählen, die ich bis heute in Erinnerung behalten habe, würde den Rahmen sprengen. Aber zumindest über einige Titel möchte ich ein paar Worte verlieren, wobei ich sicherlich ganz viele Spiele vergessen werde, die eigentlich unbedingt Erwähnung in dieser persönlichen Rückschau hätten finden müssen.
Ich weiß nicht, wie viele Anläufe ich unternahm, um „Aztec Challenge“ durchzuspielen. Meistens scheiterte ich bereits bei den Piranhas, die man kaum vom Wasser unterscheiden konnte. Doch allein wegen der ungemein bedrohlichen Musik (heute würden es die meisten Menschen Gedudel nennen) spielte ich es wieder und wieder. Noch bedrohlicher war der Sound bei „Beyond the Forbidden Forrest“, in dem mit einfachsten grafischen Mitteln eine ungemein finstere und beängstigende Stimmung erzeugt wurde. Beide Spiele stammten von ein- und demselben Programmierer. Ja, früher wurden viele Spiele noch von einem einzigen Programmierer gefertigt. Grafik, Sound, Kollisionsabfragen, Berechnungen & Co – alles aus einer Hand.
Süchtig war ich auch nach „Boulder Dash“, jenem Spiel, in dem man mit der Spielfigur "Rockford" in unterirdischen Labyrinthen eine bestimmte Anzahl von Edelsteinen sammeln musste und dabei u.a. aufzupassen hatte, sich nicht den Ausgang zu verbauen oder von herabfallenden Steinbrocken erschlagen zu werden. Oh, wenn ich nur an dieses Spielchen denke, dann würde ich mich am liebsten sofort wieder mit den Herrn Rockfort in die Tiefe graben. Aber bitte nur mit dem Original und keinen der vielen Clons oder gar mittels Emulgator auf dem PC. Diese ganzen Emulgatoren können (für mein Gefühl) einfach nicht das echte Spielgefühl rüberbringen.
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Denkt doch, was ihr wollt, aber früher löste Beyond Forbitten Forrest bei mir eine Gänsehaut aus
Weitere Geschicklichkeitsspiele, die ich immer wieder hervorholte, hießen u.a. „Lode Runner“, „Lemmings“ oder „Paperboy“, Für Lemmings habe ich mich sogar mal einige Tage krankschreiben lassen. Ich musste halt Prioritäten setzen! „Castlevania“ habe ich mehrfach durchgespielt, obgleich es phasenweise absolut unfair programmiert war. Ich habe geflucht, geschrien, den Joystick mehrfach in die Ecke geworfen – aber ich habe das Spiel dennoch immer wieder gespielt. Genauso wie „Dragons Lair“, bei dem man oft den Bruchteil einer Sekunde abpassen musste, um nicht das Zeitliche zu segnen. Es gab sehr viele dieser fiesen Spiele, im Sinne von extra unfair (oder einfach schlecht) programmiert – zumindest das Schwierigkeits-Ballancing ließ früher oft zu wünschen übrig. „Impossible Mission“ war z.B. eines dieser Spiele – für mich blieb es eine im wahrsten Sinne des Titels unlösbare Mission. Aber die Grafik (vor allem die Animation der Spielfigur) war für den C64 revolutionär und so lud es immer wieder zu einem Spiel ein.
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Ok, zugegeben - ich hatte bei "Mission Impossible" nie einen wirklichen Plan, was in diesem Game eigentlich zu tun war. Aber ich verkaufte mich in Gesellschaft meiner Mitspeiler dennoch als Wissender.
Ein schlüpfriges Balancing bot übrigens „Sex-Games“, bei dem man durch heftiges hin- und her rütteln lustige animierte Comic-Figuren zu Sexspielen animieren und dabei ihre Lust in die Höhe treiben musste. Selbstredend war dieses Spiel ein absoluter (Party-)Hit unter heranwachsenden männlichen Jugendlichen. Mein erotischstes Lieblingsspiel hieß aber „Strip-Poker“. Es war von Artworx aus dem Jahre 1982. Obwohl die Computer-Mitspielerinnen nur vierfarbig und extrem grobkörnig dargestellt wurden, dienten sie mir dennoch duzende Male als Onaniervorlage.
Mit dem C64 erwuchs bei mir auch die Leidenschaft für Wirtschaftssimulationen & Co. Wenn ich von der Arbeit (Ausbildung) kam, saßen oft schon einige meiner Freunde in meinem Zimmer und warteten nur darauf, dass wir z.B. endlich eine Partie „Kaiser“ spielten. Dieses Spiel war für damalige Verhältnisse derart komplex, dass es uns auch nach dem 100 durchspielen immer noch spannend erschien. Auch „Vermeer“, „Oil Imperium“ oder „Hotel“ fesselte mich (und meine Freunde) viele Stunden vor dem Bildschirm. Bei Hotel konnte man z.B. jedes einzelne Zimmer mit Möbelstücken ausstatten – bis hin zur Bibel. Ich liebte es aufgrund seiner Komplexität und Detailliebe, über die man heute nur noch lächeln mag.
Aber viele Spiele hatten einfach etwas, was ich bei heutigen Spielen vermisse - eine Seele. Vor allem dann, wenn man sie zu mehreren spielte, war der Spielspaß bei den frühen Simulationen enorm, wohl auch deshalb, weil die einzelnen Spielrunden und damit die verbundene Wartezeiten (eben aufgrund mangelnder Spiel-Komplexität) nicht allzu lang ausfielen
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Ist der Kornspeicher auch voll?
Eines meiner absoluten Lieblingsspiele für zwei Spieler hieß „Wizzard of Wor“. Eigentlich trat man hier miteinander als Team an – aber es brachte auch einen höllischen Spaß, wenn man es gegeneinander spielte. Und natürlich darf „Hanse“ in dieser Aufzählung ebenfalls nicht fehlen. Keine Ahnung, wie oft ich es spielte – allein oder mit Freunden.
Als Sportfan begeisterten mich natürlich die „Summer- und Wintergames“, „Track & Field“ oder „International Soccer 64“, mit dem ich mindestens 500 Fußballspiele bestritt. Oder die vielen Abende und Nächte mit dem „Bundesliga Manager“, der in Sachen Komplexität nicht annähernd an heute Fussballmanager heranreicht und uns dennoch elektrisierte. So spiele ich z.B. noch heute „Anstoss 3“ aus dem Jahre 1999 (PC-Spiel von Ascoron), weil bis heute kein Fussball-Manager programmiert wurde, der einem dieses wunderbare Spielgefühl vermittelt.
Zu C64-Spielen, die ihrer Zeit voraus schienen, zählten für mich „Stunt Car Racer“, das für damalige Verhältnisse eine wahnsinnig realistische Fahrphysik bot. Auch „Test Driver“ stellte einen Meilenstein der frühen Spielgeschichte dar.
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Ey, willst du mir etwa sagen, dass du Ribery (links) nicht erkennst? PAH!
Und sehr gerne spielte ich auch die brutalen und indizierten Titel. Schließlich war ich jung und männlich. Und als junger Mann mochte man halt Spiele wie „Barbarian“, in dem man Gegnern den Kopf abschlagen konnte. Das fanden wir toll – zumal es so realistisch wirkte. Naja, was seinerzeit auf dem C64 halt so als ungemein realistische Grafik galt. ;-)
Und immer wieder startete ich „Freitag der 13“, obgleich dieses Game irgendwie seltsam infantil war - aber es war eben auch irgendwie spannend und cool. Die gesamte Spielwelt beschränkte sich auf etwa 20 Bildschirme und die Handlung lässt sich wie folgt zusammen fassen: „Töte Jason, bevor Jason dich und deine Freunde tötet!“ Lustig waren bei diesem Spiel die Musiken, die immer dann ertönten, wenn jemand massakriert wurde. Sodann ertönte z.B. der Hochzeitsmarsch oder das Kinderlied Old McDonald Had A Farm. So etwas war bereits vor über 25 Jahren genau meine Art von Humor.
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Schau nur, wie absolut realistisch einst das Blut auf dem Bildschirm spritzte.
Und ja, ich gestehe, als junger Bursche spielte ich auch die ganz bösen menschenverachtenden indizierten Spiele, wie etwa den „KZ-Manager“, wo man als Lagerverwalter agierte. Und es gab noch so ein nettes Spielchen, wo man Leute hinrichten (vor allem an einer Mauer standrechtlich erschießen) konnte. Ich erinnere mich leider nicht mehr an seinen Namen. Ich fand es nämlich richtig nett – so wunderbar inhuman.
Und ein ganz besonderes „Spiel“, das quasi als Vorgänger der Tamagotchis angesehen werden kann, hieß „Little Computer People“. Immer wieder saß ich vor dem Bildschirm und beobachtete die Figur in ihrem Haus. Man musste mit dieser Figur in den Kontakt treten – was sich als mal mehr und mal weniger erfolgreich erwies. Und eigentlich konnte man kaum etwas tun, außer das Männchen Karten spielen zu lassen, es zum Musik hören anzutreiben oder ihm mit Speis und Trank zu versorgen. Ach ja, Streicheln konnte man es auch. Und ich erinnere mich, dass mein Freund und ich glaubten, dass hinter der Tür auf dem Dachboden ein großes Geheimnis stecken würde. Ich weiß noch, wie enttäuscht wir waren, als wir in einer Spielzeitung lasen, dass die Tür einfach nur so „aufgemalt“ wäre und nirgendwohin führte. Das brach eine kleine Spielwelt für uns zusammen. Trotzdem hat mich dieses „Spiel“ noch lange Zeit fasziniert. Ich sprach dem Little People einst sogar so etwas wie eine menschenähnliche Seele zu, sehr zum Amüsement einiger Mitmenschen.
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Little People Projekt - ja, das war DIE "Lebenssimulation" - und zwar nur dieser eine Bildschirm. Geil oder? ;-)
Wenn ich über die Wirkung von Spielen rede, so muss man dabei immer berücksichtigen, das diese Wirkungen in einem hohen Maße davon abhängig waren, dass ich mit diesen Spielen (auf)gewachsen bin. Ich hatte das große Glück die Entwicklung der Computer und Konsolen VON ANFANG AN begleiten zu können und dabei jeden Schritt der Konsolen-PC-Evolution mitzuerleben. Natürlich kann ein Knirps, der heute Simulationen wie „Sims 3“ spielt, einem „Little Computer People“ von einst nichts mehr abgewinnen. Doch für jemanden wie mich, der all diese Entwicklungen und Spiele als Kind und Jugendlicher als den jeweils neuesten Stand der Technik – als das maximal Machbare und Mögliche miterlebt hat, war und ist die Wirkung all dieser Spiele natürlich eine andere.
Wobei man schon sagen muss, dass nur ganz wenige Spiele eine Zeitspanne von 15 oder gar 20 Jahren (und mehr) unbeschadet überstehen. Will sagen – irgendwann korrigiert man die persönliche Wertung dann doch etwas (oft sogar deutlich) nach unten. Häufig fragt man sich sogar, wie man dieses oder jenes (später als augenkrebsverursachende wahrgenommene) Spiel einst nur spielen konnte.
Wie bereits irgendwo weiter oben geschrieben, bleiben viele Spiele, die es verdient hätten, von mir unerwähnt, weil es den Rahmen sprengen würde.
Zum Schluss möchte ich deshalb nur noch etwas über eine Sample-Datei schreiben, die ungefähr 200 Kilobyte groß war, was annähernd das Maximum an Datenmenge darstellte, die der C64 in einem Stück laden/verarbeiten konnte. Nachdem es fertig geladen war, ertönte ein etwa 5-sekündiger Soundschnipsel: „Oh Oh Ooooh .. Everybody was Kung Fu Fighting“.
Als wir es gehört hatten, saßen mein ehemals bester Freund und ich mit weit offenen Mündern staunend vor dem Fernseher. Wieder und wieder hörten wir uns dieses Sample an und konnte einfach nicht glauben, was wir da gehört haben. Es schien uns wie ein Wunder. Der Computer konnte echte Musik spielen. Wie schaffte er das nur? Sie klang zwar verrauscht und kratzig. Aber in unseren Ohren klang sie nach ferner Zukunftsmusik. Wir waren begeistert und freuten uns wie kleine Kinder und phantasierten, wo das wohl noch alles hinführen würde, wenn unsere Brotkästen bereits echte sekundenlange Musikschnipsel wiedergeben konnten.
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