Tödliche Spiele

Arne Pahlke, Januar 2010

 

Das aus einem vermeintlich harmlos anmutenden Spiel schlagartig tödlicher Ernst werden kann; - für diese Wahrheit liegen nicht nur hinreichend dokumentierte Fälle vor, sondern viele Menschen haben dies im Laufe ihres Lebens am eigenen Leibe zu spüren bekommen.

Vor allem Kinder und Jugendliche geraten bei spielerischen Aktionen; -  etwa durch Unachtsamkeit, Unwissenheit oder Übermut immer wieder in lebensbedrohliche Situationen. Und nicht immer ist dann einer der viel beschrienen Schutzengel zur Stelle, um in solchen Momenten lebensrettend einzugreifen.

Und wenn  eine komplette Familienbande in einem Zeitraum von zweiundzwanzig Jahren bei vermeintlich harmlosen Spielen den Tod findet, dann darf man sich durchaus die Frage stellen, ob die im Verborgenen agierende Schutzengelgilde dieser Familie am Ende nicht gar feindlich gesinnt war.

 

Die Familie Hufschmied schien auf dem ersten Blick eine ganz normale Familie zu sein. Es gab einen Vater, eine Mutter sowie zwei Jungen und zwei Mädchen. Sie waren sogar das, was man gemeinhin eine glückliche Familie nennt. Doch dieses idyllische Familienglück sollte am 13. September 1988 aufgebraucht sein, denn an diesem Tag büßte das erste Mitglied der Familie Hufschmied bei einem vermeintlich harmlosen Spiel sein Leben ein.

Es war ein verregneter  Spätsommertag, als die vier Kinder der Familie Hufschmied in einem der Kinderzimmer eine Partie „Mensch-ärgere-dich-nicht“ spielten. Das jüngste Kind hatte an diesem Tag das größte Würfelglück, was ihm zum Verhängnis werden sollte. Der kleine Michael würfelte einen Sechser nach dem anderen, wodurch seine Figuren im Galopptempo übers Spielfeld zogen. Und während er selbst von seinen drei älteren Geschwistern niemals rausgeworfen werden konnte, gelang ihm dies wieder und wieder.

Und es dürfte hinreichend bekannt sein, dass vor allem unter Kindern viele schlechte Sieger und Verlierer zu finden sind. Und in dem hier dokumentierten Fall führte jene schlechte Charaktereigenschaft zu einem äußerst tragischen Ende.

„Wenn du noch einen von uns rauswirfst…“ riefen die drei Geschwister ihren siebenjährigen Bruder entgegen: “… dann werfen wir dich auch raus… und zwar hochkant aus dem Fenster.“

Und erst während sie ihm dies zuriefen, reifte der Plan in ihnen, ebendies im Falle eines Falles tatsächlich in die Tat umzusetzen. 

Doch der kleine Michael zeigte sich von der Drohung seiner älteren Geschwister unbeeindruckt. Und nur kurz darauf fegte er erneut eine Spielfigur vom Feld und tanzte anschließend triumphierend um den Tisch herum, auf dem das Spielbrett aufgestellt war.

„Ihr Verlierer, ihr Verlierer, ihr Verlierer!“ schrie er übermütig und zeigte seinen Geschwistern eine lange Nase. Und dies war für sie das Signal.

Sie würden diesem Großmäuler einen Denkzettel verpassen. Allerdings sollte es am Ende tatsächlich nur ein Denkzettel werden. Das Kinderzimmer lag im Obergeschoss des Einfamilienhauses. Und vom Fenster bis zum Gartenboden waren es weniger als drei Meter. Außerdem lag direkt unter dem Fenster eine wuchtige Tannenhecke, die den Sturz des kleinen Maulhelden schon ausreichend abfedern würde.

Als sie ihren kleinen Bruder aus dem Fenster warfen, gingen die Geschwister also davon aus, dass er sich dabei höchstens einige Schrammen einfangen und daraufhin in ein kleinkindliches Geheule ausbrechen würde. Und genau dies hätte er dann auch verdient. Doch ihr kleiner Bruder weinte nicht - und er schrie auch nicht. Es gab nur ein kurzes stumpfes Geräusch, gefolgt von einem tiefen schweren Seufzen, ehe sich eine fürchterliche Stille ausbreitete. Als die Geschwister nach unten zu ihrem Bruder schauten, sahen sie diesen aufgespießt von einer Stange. Von einer Stange,  die ihr Vater vor wenigen Tagen an eben dieser Stelle platziert hatte, um auf ihr eine Wetterstation zu installieren. Die blutverschmierte Spitze der Stange ragte aus  dem Brustkorb des kleinen Michael, den man nur noch tot von ebendieser bergen konnte.

Nie wieder sollte im Hause Hufschmied eine Partie „Mensch-ärgere-dich-nicht“ gespielt werden. Das erste Jahr nach Michaels tragischem Tod wurde sogar kein einziges Spiel mehr angefasst, bis sich das Familienleben allmählich wieder normalisierte. 

 

eine Löwenfigur im Garten der Familie Hufschmied

 

Knapp zwei Jahre nach Michaels Tod, stiegen Florian und Natascha auf den Dachboden. Dort fanden sie die alte Dampfmaschine wieder, die ihnen ihr Großvater einst zu Weihnachten geschenkt hatte. Und obgleich sie mit ihren 14 und 15 Jahren dem Kindesalter eigentlich schon fast entwachsen waren, wollten sie die Dampfmaschine noch einmal – so wie sie es früher immer taten - mittels Trockenbrennstoff in Betrieb nehmen. Doch nachdem Natascha den Trockenbrennstoff entzündet hatte, fiel ihr dieser aus der Hand; - hinein in einen Karton mit Gardinen, die sofort Feuer fingen. Und binnen weniger Sekunden griff das Feuer  auf zwei weitere Kartons mit leicht entflammbaren Textilien über. Und leider handelten Florian und Natascha anschließend gleich zweimal falsch.  Der erste folgenschwerer Fehler der Geschwister war, dass sie annahmen, dem sich schnell ausbreitenden Feuer selbst Herr werden zu können, indem sie es mit Umzugsdecken zu ersticken versuchten. Und ihr zweiter und gleichzeitig tödlicher Fehler war, dass sie, nachdem sie bemerkten, dass ihnen dies nicht gelingt, keinen lebensrettenden Sprung durch die Feuerwand wagten, sondern ihr Heil auf der anderen Seite des Dachbodens suchten. Und somit erstickten die beiden Geschwister jämmerlich, noch ehe sie von den Feuerwehrleuten hätten gerettet werden können.

Für die kummergeplagte Seele von Frau Hufschmied war der tragische Verlust zweier weiterer Kinder zu viel. Nur wenige Wochen nach dem Unglück wurde sie in eine geschlossene Nervenheilanstalt eingewiesen, die sie bis zu ihrem Tod am 14. Januar 2010 nicht mehr verlassen sollte. Sie starb während einer jener Therapiestunden, in der versucht wird, psychisch Kranke durch Spiele zu öffnen. Der Gruppenleiter ahnte nicht,  warum Frau Hufschmied plötzlich panisch wurde, als er mit einigen Brettspielen das Therapiezimmer betrat. Und er ahnte auch nicht, dass letztlich das „Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel“  der Auslöser für ihren tödlichen Herzinfarkt war, als er ebendieses vor ihr auf dem Tisch aufbaute.

Sieben Jahre vor ihr verstarb Herr Hufschmied.  Nach den beiden Tragödien und der dauerhaften Unterbringung seiner Frau in einer Nervenklink, versuchte er sich ein neues Leben aufzubauen. Er zog in eine andere Stadt und heiratete wieder. Doch die Vergangenheit holte ihn bald schon ein. Ihm plagten Alpträume. Er gab sich die Schuld am Tod seines Sohnes Michael. Schließlich hatte er doch damals diese Stange im Garten inmitten der Tannenhecke aufgestellt. Immer häufiger betrank sich Herr Hufschmied und verfiel einer Spielsucht. Bei einem Skatspiel dann, bei dem um existenzbedrohend hohe Einsätze gezockt wurde, kam es zu einer tödlichen Auseinandersetzung, die von Herrn Hufschmied ausging. Doch während dieser nur wild mit seinen Fäusten um sich schlug, war da plötzlich diese Messerklinge, in die er hineinfiel, so wie einst sein Sohn Michael in eine von ihm aufgestellte Klinge fiel, ohne dass auch er ihr hätte ausweichen können.

Judith, das vierte Kind der Familie Hufschmied, starb am  6 Oktober 1996. Sie war eines der 83 Todesopfer, die bei einer Massenpanik beim WM-Qualifikationsspiel zwischen Guatemala und Costa Rica in Guatemala-Stadt ums Leben kamen. Und somit starb auch das vierte Kind der Familie Hufschmied, wie auch Frau und Herr Hufschmied, bei einem scheinbar harmlosen Spiel, aus dem plötzlich tödlicher Ernst wurde.

 

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Kommentar von Konkalit   17 Januar 2010 - ganz schön heftig aber das gibt es dass eine Familie scheinbar "verflucht" wurde vom Schicksal...ob nun durch eine Reihe von tragischen Ereignissen und Tödlichen Spielen wie im Beispiel hier oder durch etliche todbringende Krankheiten. Wer will man sein einem Menschen der als Teil solch einer Tragödie-Sippe als letzter darsteht zu verübeln dass er - gelinde gesagt- vom Leben, Schicksal , Gott oder wem auch immer gehörig angepisst ist?

Wortmutation: Beim Verfassen dieses Textes fühlte ich mich plötzlich an die “Final-Destination-Filme” erinnert. Und auch kam mir der Gedanke. dass genetisch bedingte Erbkrankheiten irgendwie auch eine Art Fluch  darstellen. Wir “Pahlkes” sterben z.B. seit 1960 (wahrscheinlich auch schon früher – nur da war die Diagnostik noch ni:

Stefan, 19 Oktober 2010 - Ich weiß ja nicht, ob man es verdient hat zu sterben  - aber ich sage mal ich kriege jeden Tag Ärger ich mache immer was falsch. Ich wäre auch lieber Tod aber das geht leider nicht.

Wortmutation: Unser Leben in diesem unseren Körper ist darauf ausgelegt, dass es mit dem Tod endet. Deshalb ist die Frage danach, ob man den Tod generell verdient hat,  eher zu vernachlässigen. Vielmehr stellt sich die Frage, welche Art des Sterbens man verdient hat. Und die Art und Weise ihres Sterbens legen die meisten Menschen mehr oder weniger selbst fest; - auch wenn es nur die wenigsten so gezielt wie die Selbstmörder tun. Lese hierzu bei Interesse auch:  Neulich im Selbsttoetungsinstitut

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