Tschernobyl bolna

Arne Pahlke, März 1995

 

Sergej erzählt mir von „Guten, alten Zeiten“,

von „Früher“ und „Damals“.

Aus seinem Hals wuchert ein Tumor.

 

Er spricht von einer Frühlingsnacht

im April. Seine gequälte Stimme kippt.

Müde nippt er vom verstrahlten Tee.

 

„Es war warm gewesen - warm und lau“.

Er erinnere sich genau an den 26. April.

Sergej will und muss erwachsen sein.

 

Sein Gesicht bricht aus sich heraus.

Zehn war er gewesen und noch ein Kind.

Aber die Wolken und der Wind, die da zogen,

sie bogen Sergej über Nacht zum Mann.

 

Er trinkt eine Überdosis Becquerel.

„Es ging sehr schnell, viel zu schnell“,

erzählt er mir. „Wir waren dabei

und spannend sei es gewesen. “

 

Sergej träumt wieder einmal von damals,

als man noch Äpfel und Beeren pflückte,

sich fürs Räuberspiel in den Wald verdrückte.

Damals, als die Natur noch nicht schmutzig war.

 

verlassenes Haus in der Sperrzone -Foto by   Elena Filatova

 

 

Heute blühen Jod, Cäsium und Strontium

hier in den Wäldern und auf den Wiesen.

Asphalt und Fliesen hingegen

geben ihm ein Gefühl der Sicherheit.

 

Sergej hat faules Blut in sich.

Man sagt, es werde ihm bald sehr schlecht gehen.

Wer man ist, weiß Sergej nicht.

 

Seine Mutter leide an so etwas wie Radiophobie

und sein kleiner Bruder, der hätte noch nie

einen Baum berührt.

 

Sergej führt mich in sein kleines Zimmer

und zeigt mir stolz seine Langlaufski,

die er wohl nie mehr nutzen wird.

 

Müde fährt er sich durch sein stumpfes Haar

und wirft ein Büschel Braun zu Boden.

„Chemotherapie“, lacht er.

„Vielleicht kaufen wir später mal neue...“

 

Weiß nicht...“, meint er schließlich verlegen.

 ...eigentlich ist es doch sehr schön hier,

nur eben die Radioaktivität stört“

 

Ich schaue auf meine Uhr. Es ist sehr spät.

Viel zu spät für Sergej.

Beim Gehen drehe ich mich noch einmal um

und verstumme beim Anblick seines

strahlenden Lächelns.

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kryzys2008, 7 November 2009

Yo no sé qué escribir. Pero debo admitir que estoy realmente impresionado.

 

® sämtliche Textrechte liegen bei Arne Pahlke/Wortmutation