Tumor im Gehirn - schonende Diagnose

Arne Pahlke, 1995

 

Nun machen sie sich bloß keine unverhältnismäßigen Sorgen!

Ok, eines besonderen Interesses bedarf ihr Knotengewächs im Gehirn:

Von ihrer barbarisch anmutenden Schädeldecke umschlossen,

umgossen von hyperagilen Neuronengeflecht,

kann selbst ein überaus barmherziger Tumor,

also nicht so ein grausamer Raubritter, wie sie gerade einen großfüttern,

rasch sämtliche Lebenslichter auslöschende Dispositionen einnehmen.

Nicht gerade schonend wirkt sich übrigens auch das galoppierende Wachstum ihres Vollstreckers

auf ihren Hirndruck aus.

Die faulende Gewebemasse hat Heißhunger auf ihr gesundes Füllmaterial.

Und einfach so rausoperieren, das funktioniert in ihrem Fall leider nicht.

Auch Bestrahlungen werden seine Fruchtbarkeit nicht wirklich mindern.

Ich will von daher ganz ehrlich zu ihnen sein:

 

Wenn sie besonders großes Glück haben,

dann fallen durch den zunehmenden Überdruck

rasch ihre wesentlichsten Hirnregionen aus.

Vorher aber kann es ihnen allerdings passieren,

dass sie sich inmitten epileptischer Anfälle verlieren.

Aber so schlimm sind diese nicht, da sie diese ja nicht mehr bewusst miterleben.

Hoffen wir also, dass sie möglichst bald schon friedlich vor sich hindösen.

Bis dahin kann ihnen übrigens ein wenig Aufmunterung nicht schaden.

Vermeiden sie allerdings allzu häufiges und intensives Sonnenbaden.

Dies nämlich beschleunigt das Wachstum ihres Tumors ganz immens;

und füttert das Demenzgewebe und macht sie somit rasch zum Affen.

Tumor im Gehirn (schonende Diagnose)

Nun, das war es eigentlich schon!

Wie ich bereits sagte: Sorgen sie sich nicht!

Es erwarten sie Kopfschmerzen, die Degeneration ihres Gesichtsfeldes,

häufiges Erbrechen und Störungen der Gefühligkeit.

Weiterhin stellen sie sich auf einen schwer definierbaren

Stechschmerz im Thalamusbereich ein.

 

Ach, und bevor ich es vergesse,

abhängig von der Wachstumsgeschwindigkeit schwindet ihre Erinnerungsfähigkeit.

Aber dies bringt nun ausnahmsweise auch gewisse Vorteile mit sich:

Denn wenn man sich in so einer derart ausweglosen Situation wie der ihrigen befindet,

dann ist das Vergessen ein wahrer Glücksfall.

Wobei, den fälligen Behandlungsbetrag hinterlassen sie mir dann lieber gleich.

 

Kurzum: Überlebenschancen sind praktisch wie faktisch nicht gegeben!

Der Lochfraß ist im vollen Gange und ihre Persönlichkeit zerfällt.

Nutzen sie den Verdrängungsmechanismus.

Er hat sich diesbezüglich bestens bewährt.

Die maligne Degenration ist nun einmal harter Schlag in jedes Kontor.

Hoch lebe der Tumor!

 

Und nun entschuldigen sie mich bitte,

denn ich empfinde ihre Gegenwart

schlichtweg als wenig erheiternd.

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