"Unaufrichtigkeit" beim Sex 

 

Warum eigentlich? Ich meine, warum gehen wir Menschen beim Sex nicht wirklich aufrichtig miteinander um? Zwar bin ich nicht in sämtlichen Betten dieser Welt zugegen, worüber ich auch heilfroh bin - und  weiß aber dennoch, dass wir beim Sex (fast) alle mehr oder weniger (oft) unaufrichtig sind. Und unser Hauptargument für die Unaufrichtigkeit lautet dabei fast immer: „Ich will meinen (Sex-)Partner nicht verletzen ...“

Aber tut man nicht genau dies nicht immerfort, wenn man seinem Partner (und vor allem sich selbst) gegenüber
durch das Verschweigen von Phantasiebildern über sich und seine Gedankenwelt im Dunkeln lässt?

Ich habe meiner Ex-Ehefrau, meinen lieben Talisman, sowie meinen lieben Traumtänzer und allen mehr oder weniger geilen ungezählten One-Night-Stands fast immer etwas vorgespielt!

Meine Ex-Frau habe ich oral verwöhnt und mir dabei z.B. vorgestellt, dass sie vorher von anderen Kerlen hat  bestiegen lassen oder meine orale Betätigung eine „Zwangshandlung“ und nicht etwa eine Zärtlichkeitskundgebung ist. Oder meinem Traumtänzer konnte ich nur deshalb so gut und regelmäßig mein Eiweiß in den Mund schießen, weil ich mich beim vorausgegangen Rimming-Akt oft gänzlich devot-versaut-abgründigen Phantasien hingab, über die ich mich ihm gegenüber aber stets ausschwieg.

Ich musste mir also stets selbst etwas vorspielen, nämlich vor mein inneres Auge, damit ich in ihrer Gegenwart
mein Höhepunkt erreichen konnte. Aber muss ich mich nun nachträglich dafür schuldig fühlen, da ich sie doch alle hinreichend befriedigt habe?. Sie haben genommen, was sie von mir kriegen konnten. und sie haben gefordert, wonach sie begehrten.


Beim Sex mutiert selbst (und gerade) das scheinbar aufopferungsvolle passive Opferlamm  oft zu einem egomanischen Tier. Jeder ist sich beim Sex selbst der Nächste! Ich habe damit allerdings so meine Probleme. Aufrichtig mir selbst gegenüber bin ich nur bei der schonungslosen Form der Eigenliebe, dem sich stets wiederkäuendem Masturbationsakt.

Ich weiß, fast alle Männer haben während eines Sex-Aktes so ihre ganz speziellen Phantasien, von denen sie ihren Partnern/innen meist nichts berichten, während sie es gleichzeitig mit ihm treiben. Sie vergehen sich gewissermaßen immerzu fremd an ihrem Partner/innen. Und Psychogen werten dieses Verhalten  als etwas völlig Normales.

Doch wenn es denn so furchtbar normal ist und es doch ohnehin fast jeder tut, warum durchbrechen dann
nur so wenige Menschen jene große Schweigebarriere beim Sex? Warum sagen sie dann nicht einfach,
was sie wirklich denken, wenn sie sich ihrem Höhepunkt entgegen schaukeln?

Ich glaube, dies tun deshalb so wenige Menschen, weil die Sache mit dem Phantasieren bei ihnen so gut funktioniert.

Ich meine, sie ficken ihre alte Ehefrau und denken dabei an die junge Sekretärin oder sie denken an einem Popofick,
während sie vaginal tätig sind, um an dieser Stelle einmal zwei sehr einfache Denkmuster zu bemühen. Sie bleiben bei ihren Phantasien, weil diese keine Probleme machen, solange man sie nur für sich behält.

 

Foto by Franka Molitora
Die unsichtbare Schweigemauer im Bett



Ich habe aber das Problem, das viele meiner Phantasien in der Regel so weit von gewöhnlichen „sexuellen Handlung- oder Denkabläufen“ abweichen, dass Wirklichkeit und Phantasie oft überhaupt nicht mehr zusammenpassen; - und somit die Wirklichkeit zum Störenfried gedeiht. Was ich beeinflussen kann, dies ist die Auswahl eines begehrenswerten Körpers, welcher mich berauscht. Aber damit hört es dann für gewöhnlich auch schon mit meiner direkten Einflussnahme auf. So stehe ich z. B. auf sehr schlanke Männer, die einen jungenhaften Gesichtsausdruck haben.
Aber genau diese Männer sind fast durch die Bank weg passiv/devot, womit ich fast automatisch gezwungen bin,
während des Aktes eine meiner Phantasiesequenzen anzufahren.

In diesen Momenten wäre mir eine lebensechte Gummipuppe dann häufig lieber, als das lebendig fleischliche Original,
obgleich ich mich gewiss nicht nach Gummipuppen verzerre, sondern nach fleischlichen Originalen mit all ihren körperlichen Merkmalen und Makeln.

Gerne würde ich beim Sex ehrlich sein dürfen und mich dabei nicht immerzu wie ein „Versteckspieler“ fühlen müssen,
der zurückgezogen in seiner Gedankenwelt und vom Sexpartner abgeschieden vor sich hinvegetiert, um dann aufzuschrecken, wenn dieser sich z.B. falsch bewegt  oder eine in meinen Ohren irrtümlich klingende Bemerkung abgegeben hat.

Fast immer ich eine Muschi oder einen Hintern lecke,  tauche ich in einer Gedankenwelt ab und halte hierfür Dutzende Szenarien parat, die meist fernab lieblich-sinnlicher Leckereien sind.

So weit – so schlecht!

Denn ich finde mich zwischenzeitlich ja stets in der Wirklichkeit wieder. Und in der Wirklichkeit lecke ich dann eben meist nur ganz lieb irgendeine  „nette“ Muschi oder einen „netten“ Hintern, was dann von meiner Partnerin oder meinem Partnerals „nette Geste“ hingenommen wird, nicht aber als ein wirklich sie befriedigender Akt,
sondern immer nur als ein Zwischenspielvor dem großen Samenfinale.

Ich will es aber nicht anständig!

Und ich ersehne mir das Arschlecken, das Muschi lecken, versaute Spielchen etc., oft als den alleinigen Hauptakt,
als ein abgründiges Handeln....

Warum kann ich nicht so gesund selbstsüchtig sein, wie die Mehrheit meiner Sexpartner? Keiner meiner festen Partnerinnen und Partner hatte ein großes Problem damit, wenn ich etwas für ihn tat. Ich bin für sie in Frauenklamotten, Leder, Latex etc. geschlüpft, habe sie angepinkelt, ihnen in den Mund gespritzt, sie gefesselt und in diverse Welten getragen und so weiter und so fort. Es war nie wirklich ein Problem für mich etwas für meine Partner/innen zu tun, auch wenn vieles davon nicht zu meinen persönlichen Favoriten zählte. Hingegen war es immer
ein gewaltiges Problem für mich, wenn eine(r) von ihnen mir anbot, dass er gerne auch etwas „Spezielles“
für mich tun würde.

Als ich nun ein Paar (in meinen Augen) wunderschöne Füße leckte, da war es wieder so, dass ich lediglich über den Umweg des kompletten Rückzuges in meine Gedankenwelt zum Samenerguss kam. Allerdings hätte ich ungleich schöneren Sex erlebt, wenn ich offen gesagt hätte, was ich dabei wirklich dachte und mir ersehnte. Würde ich meinem Sexpartner aber z.B. sagen: „Du, ich mag es, wenn du dir deine Füße nicht wäscht und wenn deine Socken strenger riechen; - so käme ich mir ziemlich albern und bizarr vor.

Und selbst, wenn mein Partner/in daraufhin sagen würde: „Ok, dann machen wir das so!“, würde ich beim Akt immerzu denken, dass er/sie dies allein für mich tut, sich aber selbst davor ekelt, womit es mir automatisch keine Lust mehr bereiten würde.

Meine Partner/innen hatten diese Probleme scheinbar nicht. Wollten sie z.B. stinkige Socken oder ein bestimmtes Outfit, so bekamen sie stinkige Socken oder ein bestimmtes Outfit von mir. Und ich erfüllte ihnen solche Dinge auch wirklich gerne, weil ich es gerne sah/und sehe, wenn mein von mir begehrtes Gegenüber bei mir sexuelle Befriedigung erfährt.

Ich selbst allerdings misstraue meinen Partnern/innen in derselben Angelegenheit oder misstraue ich letztlich allein mir selbst? Mein Ego kann wahrscheinlich nur dann erfüllten Sex haben, wenn mein Gegenüber, das, was ich ihm als meine Wünsche darlege, nicht nur toleriert sondern diese selbst (und für mich glaubhaft) erregend findet. Und weil ich daran im Endeffekt oft nicht glaube, schweige ich mich über meine Wünsche beharrlich aus und wichse lieber.

Bin ich vielleicht sogar der geborene Wichser?

Ich würde nicht meine Sexpartner als die unvermögenden Spieler darstellen, sondern vor allem mich selbst! Denn meine Sexpartner malen sich – ähnlich, wie ich dies tue – ja ebenfalls ihre Phantasien aus, finden den Sex aber dennoch (oder gerade deswegen) erfüllend.

Ich finde es traurig und quälend, wenn ich mich während des Sex-Aktes gewissermaßen von mir entfernen muss,
wenn ich es als Falschspiel empfinde, selbst dann, wenn ich es mit dem/der richtigen Darsteller/Darstellerin spiele.

Schade, das ich all dies so empfinde …und nicht wie die Mehrheit, die mir dieser Ambivalenz scheinbar kein großes Problem zu haben scheint.
  © Arne Pahlke August 2005

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