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Und ich dachte schon, du bist tot Arne Pahlke, März 2007
„Und ich dachte schon, du bist tot“, raunen sie in dieser dekadent seifigen Mischung aus vermeintlicher Fürsorge, gespielter Empörung und einer von ihnen nur schwer kontrollierbaren Neugierde durchs Telefon. Und wer ihnen in diesen Momenten genau zuhört, der wird eine Spur Enttäuschung aus ihren Stimmen herausfiltern können, während sie wiederholt ihre ätzende Freude eben darüber bekunden, dass der Angerufene noch unter den Lebenden weilt. „Du, ich habe mir ja so große Sorgen um dich gemacht! Ich hatte so eine schreckliche Angst, dass du dir etwas angetan haben könntest. “ Ja, es gibt sie tatsächlich. Und zwar in rauhen Schwärmen, jene fürsorglichen Seelchen, die latent lebensmüde Bekannte und Freunde in (un)regelmäßigen Abständen anrufen oder ihnen ihre „Lebst-Du-noch-E-Mails“ oder aber ihre „Ich-dachte-schon-du wärst-tot-SMS“ senden. Nun mögen viele Leser die Meinung vertreten, dass dieses Verhalten doch die Geste eines mitfühlenden Menschen ist. Und vielleicht ist sie dies sogar. Und dennoch erinnert mich ihr Verhalten eher an jene schaulustigen Gaffer, die ihre Gierhälse in alle Himmelsrichtungen ausstrecken, nur weil in weiter Ferne das Martinshorn eines Krankenwagens ertönt. Sofort fragen sie geifernd: „Lebt er oder sie noch? Und wenn ja, wie lange noch? Und wo muss ich hin, um beim Sterben zusehen zu können?“ Wenn diese Fürsorgegeister durchs Telefon raunen oder sie schreiben: „Und ich dachte schon, du seist tot“, höre ich für mein Teil zumindest oft und deutlich ein: „Schade, du lebst ja immer noch …“ heraus.
Diese „Lebst-Du-noch-Anrufer“ sind längst nicht immer jene Philanthropen, die sie so gerne wären. Vielmehr sind es Leichenschautouristen, die sich bei ihrem beschämenden Treiben als fürsorgliche Menschen verstanden wissen wollen. Und wehe, jemand wie ich behauptet das Gegenteil! Dann wird die siechende Freundschaft beendet. Also nerven sie lebensmüde Freunde und Bekanntem alle paar Wochen mit ihrem Besorgnis- und Betroffenheitsgeplärr, obwohl sich zumeist eine andere und dabei weitaus selbstgefälligere Absicht hinter ihrer fadenscheinigen Anteilnahme verbirgt. Sollte sich nämlich einer ihrer chronisch depressiven Bekannten oder Freunde selbst nach Jahren noch immer nicht umgebracht haben, obwohl sie ihm doch ständig mit ihren: „Und ich dachte schon, du bist tot-Gerede“, genau dort hinbringen wollten, dann wird es dieser pseudomitfühlenden Sorte Mensch nämlich meist zu bunt und der Kontakt schläft ein. Und ihren Rückzug muss man verstehen, denn auch Leichenschautouristen funktionieren nach dem allseits bekannten Belohnungsprinzip. Wenn sie ständig nur nach Leichen Ausschau halten, ohne jemals eine anständige Leiche vorgesetzt zu bekommen, dann gerät ihr Belohnungsgefüge durcheinander. Wird ein Vertreter dieser Spezies zum Beispiel Zeuge eines zunächst verheißungsvoll verlaufenden Unglücks, bei dem sich im weiteren Verlauf aber herausstellt, dass leider doch keine Todesopfer zu beklagen sind, dann verliert er schnell jegliches Interesse an einem solchen Unglück. Und zwar meist genauso schnell, wie solche Menschen jegliches Interesse an ihren lebenssatten Freunden und Bekannten verlieren, wenn diese sich trotz seiner wiederholten Besorgnismeldungen nicht wenigstens einmal ernsthaft und nachprüfbar versucht haben umzubringen. So etwas empfinden sie als höchst undankbare Geste. Und deshalb beenden sie solche Verbindungen oft mit Worten wie diesen: „Dir ist ja sowieso nicht mehr zu helfen!“. Aber ist es nicht auch wirklich eine himmelschreiende Unverschämtheit? Da geben diese Suizidüberwacher über Monate und Jahre ihr Bestes, sind in ständiger Bereitschaft selbst die schrecklichste Nachricht tapfer und geifernd zu empfangen, und es kommt einfach nichts von der Gegenseite zurück. „Und ich dachte schon, du bist tot!?“ „Nein, tut mir leid. Aber ich lebe immer noch.“ Also Kinder’s, was ist das denn auch für ein einseitiges Verständnis von Freundschaft? Auf der einen Seite wird sich der Arsch aufgerissen und auf der anderen Seite wird einfach kackfrech hiergeblieben. So funktioniert das einfach nicht! |
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Konkalit 21. Februar 2009 - Ist alles eine Charaktersache, der eine lebt auf, der andere geht ein. Man lebt sich mit den Jahren auseinander und der eine kann den anderen nicht mehr verstehen. Und dann kommen solche Dinge zustande und man merkt man ist wieder ein kleines Stück gestorben. Cold, 27 Februar 2012 Moment ...: Das Telefon klingelt. Du gehst ran. Meldest dich (irgendwie halt). Und DANN erst kommt die Frage, ob du noch lebst. Das muss ich jetzt erst mal sacken lassen, mir passiert sowas ja nicht, mich vermisst keiner. Oder es traut sich keiner mehr, so zu tun als ob |
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