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Mittwoch, 17. August 2005
Vierte öffentliche Therapiestunde
In dieser Stunde geht es unter anderem:
- um Akzeptierer - meinen Hinterfrager - um (zwanghaftes) Hinterfragen - um (Über-)Lebenshilfebücher
Therapeut: (ruft aus einem Nebenraum) Gehen sie ruhig schon rein, Herr Pahlke. Ich bin gleich bei ihnen.
Ich: (murmelnd) Uihh, das wäre dann ja das erste Mal. (betritt das Zimmer und liest Auszüge des Klappentextes eines Buches, welches auf einem Beistelltisch liegt).
„Bei Auseinandersetzungen und Gewalt geht es immer auch um den Wunsch nach Wertschätzung und Respekt. Die Lösung liegt im Erkennen von Bedürfnissen. Konflikte lösen durch gewaltfreie Kommunikation.“
Therapeut: (tritt in das Zimmer) So, hier bin ich! (geht auf Herrn Pahlke zu und reicht diesem die Hand).
Ich: Wie geht das?
Therapeut: Ich setzte mich in Bewegung und erreichte diesen Raum. (lächelt verschmitzt)
Ich: Ich meinte: Konflikte lösen durch gewaltfreie Kommunikation. Wissen sie, ich habe über hundert solcher Bücher in meinen Regalen stehen. Unter anderem mit so wunderbar klangvollen Titeln wie: „Glück ist erlernbar“, „Der Durchbruch der inneren Schweigespirale“, „Sorge dich nicht – lebe!“ oder „Schicksal als Chance.“ Mich hat keines dieser Bücher glücklicher gemacht. Wussten sie in diesem Zusammenhang eigentlich schon, dass man bei vielen Selbstmördern etliche dieser Bücher findet? Was können wir daraus schließen, wenn wir daraus überhaupt etwas schließen möchten? Könnten wir daraus nicht ableiten, dass die Weltflüchtlinge die lebensbejahenden Botschaften nicht verstanden haben? Oder aber, das sie den Inhalt der Bücher zwar vom Verstand her sehr wohl erfassten, diesen aber auf der Gefühlsebene nicht ausreichend umsetzen konnten - oder aber die Bücher einfach nur zu spät gelesen haben? Oder ist es am Ende gar so, das es gar kein Buch gibt, welches die Anleitung zu einem lebenswerteren Leben in sich trägt, zumindest auf eine Weise aufbereitet, dass man es wie ein Rezeptbuch für einen bekömmlichen Glückslebenskuchen verwenden könnte?
Ja, verhält es sich nicht sogar so, dass derartige Bücher nur grobe Entwürfe von vermeintlichen Glückspfaden enthalten, die stets nur von der Person begehbar sind, die eben diese vermeintlichen Weg zum Glück in einem Buch lang und breit beschreibt? Ich will ja nicht leugnen, dass ich viele Erkenntnisse aus derartigen Büchern gezogen habe. Auch will ich nicht verschweigen, dass ich mich beim Lesen oft gestreichelt und verstanden gefühlt habe. Aber keines dieser Bücher erzeugte bei mir einen spürbaren lebensaufhellenden Nachhall. Diese Bücher haben somit etwas von flüchtigen Rauschdrogen, deren übermäßiger Genuss viele Gefahren bereithält, während sich über ihren Nutzwert durchaus streiten ließe. Und auch sind viele dieser Bücher für mich mit bemühten Wunderdiätbüchern vergleichbar. Vieles liest sich öffnend und damit verlockend. Und manche Schreiberlinge vermögen es gar, die komplexesten Dinge und Abläufe des Lebens derart spielerisch und einladend darzubieten, das man plötzlich während des Lesens meint, das Leben wäre ein Kinderspiel, welches man nur rasch erlernen müsse, um damit vollständig klar zu kommen. Aber das, was die Autoren und Autorinnen in oft blumigen Worten zu Papier bringen, dies ist häufig wenig bis gar nicht praktikabel, ebenso wenig, wie ein normaler Mensch sein Leben lang an einem rigiden Diätplan festhalten kann. Das Leben lässt sich nicht nach einem Lebensratgeberbuch einrichten! Und wenn die Leser solcher Bücher dies für sich erkennen, dann fühlen sie sich oft als Versager. Dabei hat das Buch versagt, nicht aber sie als vielschichtiger Mensch, der in seiner Verzweiflung glaubte, allein ein lächerliches Buch könne ihm den Weg zum Glück bahnen. Ich bin einigen Menschen begegnet, die darüber sehr betrübt waren, weil sie es nicht vollbrachten, so zu leben, wie es in den Büchern beschrieben wurde. Aber es ist doch naiv, zu glauben, man könne z.B. durch die Lektüre eines Buches lernen, wie man jeden Konflikt durch gewaltfreie Kommunikation löst.
Therapeut: hört einigermaßen interessiert zu
Ich: Überall auf dieser Welt herrscht Krieg. Überall sehen wir die Ergebnisse gescheiterer Kommunikation. Und nur, weil sie mich z.B. während unseres ziemlich einseitigen Austausches auffällig häufig sanft anlächeln, bedeutet dies doch noch lange nicht, das sie deshalb gewaltfrei mit mir kommunizieren. Hinter ihrem sanften Lächeln kann doch dennoch eine tiefe Abneigung mir gegenüber stecken; - eventuell sogar eine tief sitzende Feindseligkeit? Ich z.B. würde eine Kommunikation, in dem einer dem anderen als Arschloch tituliert, in vielen Fällen als gewaltfreier ansehen, wie im Vergleich dazu einen dieser geheuchelten Schönwetterdialoge, die wiederum in mir aggressive Impulse auslösen.
Therapeut: Was treibt sie eigentlich an, Herr Pahlke, sämtliche Dinge des Lebens stets auf diese umfassende Weise auseinander zu nehmen?
Ich: Nun, ich hoffe, dass es vor allem mein Hunger nach der Wahrheit ist? Aber dies als Alleingrund aufzuführen, wird ein Psychologe sicherlich nicht gelten lassen? Also verhält es sich vielleicht eher so, das ich mich gerne reden höre und ein Narziss bezogen auf den Gebrauch meiner Wortgegeschütze bin? Es könnte aber auch sein, dass ich, während ich die Dinge auseinander fleddere, vom eigentlichen Kern und somit von mir selbst ablenken will?
Therapeut: Und sie tun es schon wieder.
Ich: Ja, das ist wirklich schlimm mit mir, wenn man es als schlimm begreifen will. (lacht). Aber wenn ich mit dem ständigen Hinterfragen plötzlich aufhören würde, was wäre ich denn dann …?
Therapeut: Ja, was wären sie denn dann …? Und wenn es ihnen möglich ist, Herr Pahlke. Dann möchte ich sie um eine kurze und nicht ausweichende Antwort bitten!
Ich: Dann wäre ich ein Akzeptierer.
Therapeut: Also ihren Akzeptierer dürfen sie mir nun aber doch etwas genauer definieren.
Ich: Ein Akzeptierer ist jemand, der die Dinge, wie sie ihm aus einer oberflächlichen Betrachtung heraus darstellen, als Maßstab oder sogar als eine Gesetzmäßigkeit akzeptiert. Ein Akzeptierer richtet sich in einem offensichtlich fehlerhaften System bequem ein, da ihm die Bequemlichkeit wichtiger ist, als das Erkennen der Wirklichkeit hinter einer akzeptierten Scheinwahrheit. Ein Akzeptierer sagt häufig Dinge wie: „Das ist nun einmal so“, „Daran kann man ohnehin nichts ändern“, oder „Das ständige Hinterfragen führt doch zu nichts“.
Therapeut: Zu was führt das Hinterfragen sie denn?
Ich: Es führt mich definitiv näher an die Wahrheit! Und dies tut es selbst dann, wenn ich mich dabei wieder einmal auf dem so genannten Holzweg befinde. Wer aber alle Dinge und Mechanismen immer nur als gegeben hinnimmt, nur weil sie bereits Millionen Menschen vor ihm als gegeben hingenommen haben, der wird niemals für sich selbst erkennen können. Es reicht mir im Zweifelsfall eben nicht aus, dass andere stellvertretend für mich bereits eine Erfahrung gemacht haben, die nun als Tatsache in Lehrbüchern auftaucht. Ich habe dennoch das Bedürfnis zu analysieren und eine bereits erklärte Sache, erneut erklärend auseinander zu nehmen. So ist die Wahrheit zwar allgemein gültig, aber sie ist immer auch eine ganz persönliche Erfahrung. Es mag den meisten Menschen ausreichen, wenn sie sagen, dass sie mit einer Situation glücklich und zufrieden sind. Ich hingegen möchte wissen, warum ich glücklich bin, was es ist, was mich glücklich macht und wie angreifbar dieses Glück ist. Und selbst, wenn ich zunächst zu dem Ergebnis komme, das ich glücklich bin, so tauche ich dennoch tiefer in die Materie meiner Gefühlswelt ein und versuche dort zu ergründen, ob mein Glück aufrichtig ist, ob es Zielen folgt, die es wert sind, erreicht zu werden. Ich gönne es Menschen ja, und dies dürfen sie jetzt frei interpretieren, wenn diese sich über Jahre oder Jahrzehnte in einer Situation einrichten, die sie weitaus mehr behindert als weiterbringt. Ich gönne es jedem Menschen, wenn er dies tut, nur weil er sich weigert, aus seiner passiven Akzeptierrolle heraus zu treten und stattdessen zum Hinterfrager zu werden. Mein Hinterfragen beinhaltet immer den Versuch, die Wahrheit der Dinge zu ergründen.
Therapeut: Steckt aber hinter ihrem fortwährenden Hinterfragen tatsächlich immer in der Hauptsache der Versuch, das Sein der Dinge zu erkennen? Könnte es nicht auch sein, das sich hinter ihren unzähligen Fragen eine große innere Unruhe und Fluchthaltung versteckt, die das Anerkennen und Wahrnehmen der Realität nicht zulassen kann, die also gar nicht immer durch die Suche nach Erkenntnis angetrieben wird, sondern eher vor einer unbestimmten Angst flüchtet?
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Ich: Wenn ich ihnen darauf jetzt antworte, dass ich mir genau diese Frage bereits oft gestellt und diese anschließend zerfleddert habe, käme dies dann nicht auch nur wieder einem Eingeständnis über einen meiner vielen Fluchtversuche in ein Denkmodell gleich? Mein ständiges Hinterfragen empfinde ich mitunter selbst als zwanghaft und somit als störend. Es handelt sich allerdings nicht um eine Zwangshandlung, die mich immerzu überfällt. Und selbst dann, wenn sie mich scheinbar überfällt, kann ich sie kurzfristig abstellen, allerdings nicht dauerhaft. Aber wer kann dies schon, seinen Verstand dauerhaft abstellen? Je besser ich mich in eine Situation fallen lassen kann, um so weniger verspüre ich den Drang, die augenblickliche Situation zu hinterfragen. Ich ruhe dann in mir und der betreffenden Situation.
Therapeut: Sie hinterfragen also vor allem Dinge, mit denen sie – aus welchen Gründen auch immer – hadern? Fühlen sie sich hingegen, wie sie eben selbst sagten, in einer Situation gut aufgehoben, dann begehrt nichts in ihnen auf, diese zu hinterfragen?
Ich: Ja, genau so ist es. Aber dies ist doch völlig normal und trifft doch auf annähernd alle Menschen zu, oder irre ich mich da? Im Zustand der Entspannung haben Fragen, die immer auch das Gegenteil von Entspannung bedeuten, einfach keinen Platz. Das bedeutet im Umkehrschluss allerdings nicht, dass ich eine Situation, in die ich mich fallen lassen konnte, anschließend nicht genauso seziermesserscharf hinterfragen kann, wie eine Situation, mit der ich von Anfang an haderte. Ein Beispiel: Im letzten Jahr hatte ich ein für mich ziemlich beeindruckendes SM-Erlebnis. Ich hatte selten zuvor eine so große innere Erregung gespürt. Doch als ich dieses Erlebnis nach einigen Tagen analysierte, kam ich zu dem klaren Ergebnis, das ich eine solche Situation nicht wiederholen möchte, obgleich sie diese positiven Gefühle in mir hervorgerufen hat.
Therapeut: Was bleibt nach diesen Analysen, ihrer persönlichen Aufbereitung? Was bleibt in ihrer Wahrnehmung durchweg gut und positiv?
Ich: Nichts!
Therapeut: Gar nichts?
Ich: Nein! Es gibt immer etwas, was man – sagen wir – negierend hinterfragen kann. Rein positiv bleiben in meiner Analyse die Ideen und Ideale von Dingen und Menschen. So trage ich in mir die Idee von einer reinen positiven Liebe, die Idee von einem nachhaltig erfüllenden Sex, die Idee von einer Frau, in der ihrer Nähe ich mich – und zwar über dem Augenblick hinaus – ausnahmslos wohl fühle. Aber das ist doch leider nicht die Realität sondern lediglich ein Ideal oder vielmehr eine Idealvorstellung. Selbst mein Sohn, den ich über alle anderen Menschen und Dinge stelle, er entspricht nicht dem Ideal, das ich von einem Kind habe. Ich vermag es einfach nicht, wie es ein Akzeptierer tut, meinen Sohn nur deshalb nicht zu hinterfragen, weil er mein Sohn ist. Was ich aber bei meinem Sohn kann, ist, ihm als MEIN Ideal akzeptieren zu können. Bei meinem Sohn fällt es mir leicht, seine Fehler zu akzeptieren, ihm sogar für seine Fehler zu lieben. Ich glaube, hier liegt der Schlüssel, der für mich zu einem glücklicherem Dasein führen könnte, wenn ich nur dazu in der Lage wäre, einen solchen Schlüssel, wie ich ihn für meinen Sohn in der Hand halte, auch für andere Menschen zu finden. Und vielleicht ist es ja sogar ein und derselbe Schlüssel? Mein Hinterfragen will und werde ich nicht einstellen können! Mir mangelt es vielmehr an der Fähigkeit, Menschen und Dinge, auch noch nach meinen Analysen mit ausreichend Liebe zu begegnen.
Therapeut: Gut, wir sehen uns dann in der nächsten Woche wieder, Herr Pahlke.
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werwiewasauchimmerichist, 12 September 2010 - es is einfach schrecklich, sooo schrecklich, das zu lesen, wie schwachsinnig, arrogant und (unfreiwillig?) dumm der therapeut spricht... soooo schrecklich...und dass, wenn man selber so lange schon verzweifelt ist, so am wahrheit und veränderung suchen ist...es ist einfach soo schlimm...
Francis, 16 Februar 2011 - So ich wollte dir male in positives Feedback hinterlassen, weil ich es irgendwie schade fand, dass du diese homepage so gut gestaltet hast und die grafiken etc. mit so viel Liebe zum Detail ausgesucht hast -muss eine Menge arbiet hinterstecken.Ich habe mich auf deiner Seite ein wenig umgeschaut und mag deine zynisch-sarkastische Art, aber auch allgemein ausgedrückt: dein künstlerisch-kreatives Talent, das hier überall zum Ausdruck kommt und deine Eloquenz bzw. deinen Sprachstil. Vor allem das (fiktive?) Therapiegespräch mit dem Analytiker fand ich gut dargestellt und unterhaltsam, aber auch interessant und authentisch geschrieben. Mir hat es auch gefallen, weil ich mich da ein bisschen selbst wiedererkannt habe vom Gedankengang her (ständiges Analysieren, schizoides Verhalten und kritisches Hinterfragen) und von der Grundhaltung zu Psychotherapeuten ;) allerdings muss ich zugeben, dass das Analysegespräch auch ein wenig zu selbstmitleidig klang (a la "mir kann eh keiner helfen")-sorry wenn ich dir da zu nahe trete. Andererseits kann ich das auch nachvollziehen -auch wenn diese negative Einstellung bei mir nicht (nicht mehr) so extrem ist. Ich wollte eigentlich noch sowas schreiben wie "viel Glück" oder so, aber ich hasse solche Floskeln selbst und käme mir an dieser Stelle wohl verarscht vor. Naja ich kann nur sagen, dass ich dir ein positiveres (wie auch immer positiv für dich konkret aussehen würde) Weiterleben als es wohl bisher der Fall war (wenn ich das so zusammenfassen darf) echt gönnen und wünschen würde.
Wortmutation: Vielen Dank für Deinen Eintrag. Ich sehe es heute auch so, dass ich mich in den Therapiestunden teilweise etwas zu sehr im Selbstmitleid gesuhlt habe. Und würde ich meine öffentlichen Therapiestunden von damals (2005) dahingehend überarbeiten/korrigieren, dass sie mein heutiges Empfinden und Denken widerspiegeln, würde sich einige Passagen (ganz) anders lesen. Aber auch auf die Gefahr hin, dass viele Leser in jedem meiner Text meine aktuelle „Denke“ wähnen, überarbeite/lösche ich alte Texte auch dann nicht, wenn darin Ansichten/Gefühle enthalten sind, die sich nicht mehr mit meinen aktuellen Ansichten/Gefühlen decken. Es gibt auf meiner Homepage sogar einige Texte, für die ich mich heute z.B. inhaltlich oder formell schäme – aber als Teil meines „Schaffenswerkes“ kann und will ich sie nicht löschen. Und ja, die Therapiegespräche sind von mir frei erfunden - inhaltlich aber authentisch.
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