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Warum man Krankenhausaufenthalte hassen muss und was das einzig Schöne an ihnen ist. Arne Pahlke , Januar 2010
Niemals werde ich mich mit einem Aufenthalt im Krankenhaus anfreunden können! Doch diesem aufdringlichen Schicksal ist es letztlich scheißegal, ob man eine ausgereifte Aversion gegenüber sämtlichen „Hostel-Hospitälern“ hegt oder nicht. Und so musste ich vor drei Tagen widerwillig in eine dieser Heilanstalten für Kranke einkehren. Und auch, wenn ich dort lediglich eineinhalb Tage ausharren musste, wurde bereits in dieser kurzen Zeitspanne meine tiefsitzende Abneigung gegenüber den „KFZ-Werkstätten für das Humanpestizid“ einmal mehr bestätigt. Krankenhausaufenthalte stehen nicht zuletzt für ständige Warterei. Also wartete ich zunächst zweieinhalb Stunden in der Notfallaufnahme, nachdem ich dort meinen „Einlieferungsbefehl“ abgegeben hatte. Oh, was für ein hässliches Bild des Menschen zeigte sich mir gleich nach meiner Ankunft. Viele der Wartenden überboten sich dahingehend, vor dem Klinikpersonal möglichst leidend zu wirken, um durch ihr jämmerliches Schauspiel eventuell etwas weniger lange warten zu müssen. Und ich machte, wenn man dieses ihr Verhalten als erfolgsversprechenden Maßstab heranziehen will, wohl so ziemlich alles verkehrt, was man hierbei verkehrt machen konnte. So jammerte ich weder bei der Aufnahme meiner Personalien; - noch meldete ich mich während meiner Wartezeit auch nur einmal zu Wort. Auch suchte ich mir einen grundverkehrten Platz; - nämlich einen, wo mich das Aufnahmepersonal der chirurgischen Ambulanz nicht direkt im Blickfeld hatte. Sie glauben ja nicht, wie begehrt eben diese Plätze waren, wo einen das Aufnahmepersonal fast unweigerlich anschauen musste. Einige der Wartenden stritten sich sogar um diese Plätze. „Hallo, du liebe Frau hinter dem Empfangstresen. Schau doch nur in mein leidendes behämmertes krankes Gesicht. Sieht es nicht viel kränker und leidender aus, als die kranke Fresse meines Sitznachbarn? Nimm bitte zuerst mich dran! Bitte, bitte, bitte!“ Irgendwann kam ich auch ohne bescheuertes Taktieren an die Reihe. Man führte mich in einen der Untersuchungsräume, wo ich dann erneut zu warten hatte. Nach etwa zwanzig Minuten erschien ein Grünkittel. Wie ich später erfuhr, war es der Häuptling dieser Abteilung. Phlegmatisch schaute er sich meinen stark entzündeten Abszess unter der Achsel an, dessen Entzündungsherd bereits den gesamten Oberarm einschloss. Schließlich nuschelte er so etwas wie eine Diagnose, wobei sein polnischer Akzent nicht zu überhören war. Außerdem passte sein typisch polnisches Gesicht einfach zu diesem Akzent. Ich hätte natürlich auch schreiben können, dass er irgendwie bescheuert aussah. Doch dies wäre dann etwas gehässig von mir gewesen; - also lieber schön rassistisch. Nach seiner genuschelten Diagnose musste ich auf die nächste zweibeinige Grün- oder Weißkittel-Furunkel warten. Und diese erschien in Form einer hübschen Frau, die mir allerdings einfach nur einen Fragebogen in die Hand drückte und wieder verschwand. Wieder zwanzig Minuten später erschien eine andere Weißkittelfrau. Und diese stellte mir dann tatsächlich exakt dieselben Fragen, die ich kurz zuvor auf dem Fragebogen beantwortet hatte. Ich fühlte mich kurzzeitig wie bei der Agentur für Arbeit. Dort bekommt man auch ständig dieselben Fragen gestellt, ohne im Gegenzug so etwas wie echte Hilfe erwarten zu dürfen. Irgendwann tauchte der nuschelnde Grünkittel-Häuptling dann wieder in dem entseelt wirkenden Raum auf. Eine Viertelstunde füllte er irgendwelche Papiere und Formulare aus, die alle mich – meine Erkrankung - betrafen. Warum so viele Papiere? Musste ich am Ende doch sterben? Dermaßen viel bürokratischer Tamtam wegen eines zu entfernenden Achselhöhlenabszesses schein mir maßlos übertrieben. Doch es gehörte wirklich alles dazu. Jawohl, ich war endgültig in einer dieser dummen deutschen Bürokratie-Krankenhäuser angekommen. Und zu allem Überfluss wurde der Grünkittelhäuptling ständig angerufen – woraufhin er wieder verschwand und dann irgendwann wieder auftauchte - erneut angerufen wurde – wieder verschwand und irgendwann wieder auftauchte. Das war so spannend und belustigend wie die Fütterung eines Kieselsteins. Nach zweieinhalb Stunden im Warteraum und weiteren neunzig Minuten in diesem unbeheizten und tristen Untersuchungsraums durfte ich mich dann endlich auf einer mir zugewiesenen Station melden.
„Na klasse! Bis hierhin lief es ja schon mal richtig beschissen.“, murmelte ich. Und zum ersten Mal bereute ich es, dass ich hergekommen war. Hätte ich Weichei das Fieber und den Schüttelfrost nicht einfach wie ein ganzer Mann weiterhin ertragen können? Was hätte mir denn - außer daran im schlimmsten Fall (etwa an einer Blutvergiftung) zu sterben - schon Großartiges passieren können? Nachdem ich auf der Station einmarschiert war, führte man mich in ein weiteres Untersuchungszimmer. Hier sollte ich – ja, richtig - zunächst einmal warten. Doch zu meiner Überraschung und Freude wuchtete sich bereits nach fünf Minuten eine neue Weißkittelfrau durch die Tür. Doch was für eine Scheiße verließ bloß ihren Mund? Die Wuchtbrumme in Weiß stellte mir allen Ernstes erneut dieselben Fragen, wie sie mir bereits auf dem Fragebogen gestellt wurden und anschließend von der Frau in der chirurgischen Ambulanz. Warum habe ich diesen Fragebogen denn überhaupt ausgefüllt, wenn ihn am Ende ohnehin niemand zur Kenntnis nimmt? Oder litt ich am Ende unter einem Déjá Vu? Ich musste wiederholt jede Menge bürokratischen Müll unterschreiben. Bestätigen sie bitte dies – anerkennen sie bitte Folgendes. Anschließend verschwand die Wuchtbrumme mit dem Hinweis, dass ich noch einen klitzekleinen Augenblick Geduld haben müsse, ehe man mich in mein Zimmer bringen würde. „NEIN VERDAMMT – ICH HABE KEINE GEDULD MEHR!“, schrie alles in mir. Doch es kam noch schlimmer. Leider vergaß man mich nämlich in diesem Raum. Und da ich die Nacht zuvor vor lauter Schmerzen keinen Schlaf gefunden hatte, nickte ich irgendwann auf dem Stuhl ein, bis ich meinen Namen hörte, der über Lautsprecher ausgerufen wurde. Allerdings befand ich mich noch in einer Art Halbschlaf, sodass ich nicht darauf reagieren konnte. Plötzlich ging die Tür auf. „Herr Pahlke? „Ach, hier sind sie. Aber was tun sie denn hier, Herr Pahlke? Ach, sie sollten hier warten? Oh, dann ist wohl etwas schief gelaufen. Natürlich war etwas schief gelaufen! Schließlich war dies ein Krankenhaus! Annähernd sechs Stunden steckte ich nun bereits in diesem Horror-Hospital fest. Doch außer jeder Menge Scheißbürokratie und elendiger Warterei ist nichts passiert! Nur, das meine Wut- und Ohnmachtsgefühle mittlerweile schmerzvoller waren, als die Schmerzen, die mich hertrieben. Ok, als Zyniker konnte ich somit immerhin von einem ersten Therapieerfolg sprechen. Während ich mich über alle dies innerlich aufregte, freute sich die Krankenschwester, dass sie mir meine Achseln nicht rasieren musste, da ich dies einmal wöchentlich selbst tue. Ich nahm ihr dann auch direkt die restliche Arbeit ab, indem ich mir das demütigend peinlich aussehende Operationshemd und die noch lächerlichen OP-Strümpfe selbst anzog. Und dann wurde ich – im Bett liegend - in mein Zimmer gefahren. Doch warum ließ sie mich nicht einfach in mein Zimmer gehen? Ich hatte doch lediglich diese tischtennisballgroße Furunkel unter meiner Achsel. Diese war zwar stark entzündet und mein ganzer Oberarm war bereits von dieser Entzündung gezeichnet. Aber deshalb war ich doch noch lange nicht gehbehindert. Sie hätten mir diesen Mist einfach direkt nach meiner Ankunft rausschneiden sollen. Ja, ich hätte schon längst wieder zuhause sein müssen – selig onanierend – genießerisch Wein trinkend - unbändig schreibend – kolossal glücklich! Aber nein, sie mussten mich ja unbedingt auf diese urdeutsche Weise drangsalieren und diese Folter dann noch „umfassende Pflege“ nennen. Im Dreibettzimmer angekommen sollte ich in meinem Bett ausharren, bis man mich zur OP abholen würde. Doch bis dahin sollten weitere Stunden des Wartens vergehen. Und da ich den ganzen Tag keinen Happen gegessen und keinen Tropfen getrunken hatte, bereitete es mir nach Stunden weiteren Wartens ein unheimliches Vergnügen meinen beiden Mitinsassen beim Abendessen zuzuschauen.
Ja, es war bereits Abend geworden. Ich war um circa 9:30 Uhr im Krankenhaus eingetroffen und nun war es 18 Uhr. Und ich lag durstig und hungrig in einem dieser viel zu engen und kurzen Betten in einer dieser Werkstätten für das Humanpestizid“ und wartete sehnsüchtig darauf, dass ich endlich operiert werden würde. Gegen 19 Uhr wurde ich dann endlich – endlich – endlich - zu den OP-Räumen gefahren. Und es folgten die mit Abstand unterhaltsamsten und schönsten dreißig Minuten meines kurzen Krankenhausaufenthaltes, wobei ich das Allerbeste – den Eingriff – leider verschlafen habe. Meine Laune verbesserte sich mit jedem Meter, den wir uns den OP-Räumlichkeiten näherten. Und es muss ein Funkeln in meinen Augen gewesen sein, als wir das Ziel erreicht haben; - denn das Empfangspersonal der Menschenklempnerei (ein Türke und ein Inder) reagierte so, als hätten sie meine Stimmung sofort richtig gedeutet. Und ja, ich fand es dort einfach nur geil. Endlich passierte mal etwas in diesem Scheißladen. Und endlich fühlte ich mich ausreichend beachtet. Ich fragte die beiden Metzgergehilfen, ob ich mich selbst auf den OP-Tisch legen dürfte. Sie ließen mich walten. Dann zogen sie mir das peinliche OP-Hemd aus und bedeckten meinen nackten Leib mit wunderbar warmen Decken. Ich fühlte mich rundum wohl und geborgen. Deshalb wollte ich jede Sekunde an diesem schönen Ort auskosten. So stachelte ich die beiden Männer dazu an, einen morbiden Dialog mit mir zu führen, worauf sie sich zu meiner Freude bereitwillig einließen. „War Herr Pahlke jetzt der, der den neuen Herzkatheter bekommt? Nein, Herr Pahlke ist hier wegen der Beinamputation.“ Ich genoss diesen makaberen Humor auf meine Kosten und trieb sie an, ruhig noch eine Schippe draufzulegen. Im Narkoseraum eingetroffen, ließ ich mir alles erklären. Als ich dann aber irgendwann fragte, was bei einer OP so alles schief gehen könne, dachte der Inder wohl kurz, dass ich tatsächlich Angst bekommen hätte. Aber ich hatte absolut keine Angst. Ich war voller Vorfreude und Euphorie. Unter Narkose zu sterben wäre einfach was Geiles, schoss es mir kurzfristig sogar durch den Kopf. Einer der schönsten Tode überhaupt. Man verschläft ihn. Nein, ich hatte keine Angst. Ich war die Ruhe in Person. Ich hatte einen Puls von 58. „Bei diesem Puls müssen sie Sportler sein“, meinte der Türke. „Ja, ein psychisch richtig kaputter Sportler“ dachte ich so im Stillen. Und dann erschien der Narkosearzt. Als dieser mir zunächst das Schmerzmittel spritzte, fühlte ich mich äußerst präsent und dabei absolut großartig. Ja, ich fühlte mich wie in meinem Element. Und die Anwesenden hatten durchaus ihren Spaß mit jemandem wie mir. Dann legten sie mir diese Maske aufs Gesicht und ich fühlte mich direkt wie ein kleiner Junge, der in eine Achterbahn einsteigt. „Juhu, jetzt geht‘s los! Jetzt geht’s los! Jetzt geht’s los!“ Ich musste mehrmals tief ein- und ausatmen. Und während ich dies tat, spritzte mir der Narkosearzt den zweiten Wirkstoff; - eben jenen, der zur einer tiefen Bewusstlosigkeit führt. Und die knapp dreißig Sekunden, die ich jetzt noch hatte, sog ich in mich auf wie ein trockener Schwamm. „Wovon werden sie träumen?“, fragte mich der Türke. „Von Sex mit einer hübschen Frau.“ antworte ich breit grinsend. „Warum nicht von Sex mit drei hübschen Frauen?“, schlug er mir daraufhin fragend vor und grinste ebenfalls breit. „Ich erhöhe auf 5“ lallte ich. Wir lachten Dann wollte ich den Anwesenden eigentlich noch das Aussehen der fünf Frauen beschreiben; - fand aber keine passenden Worte mehr, sondern verlor mich stattdessen in dem viel zu flüchtigen Zustand dieser vornarkotischen Glückseligkeit. „Schlafen sie gut Herr Pahlke“ waren die letzten Worte, die ich hörte. Als ich wieder zu mir kam, lag ich im Aufwachraum. Leider war ich wieder sehr schnell klar. Bereits eine Viertelstunde nach Wiedererlangen meines Bewusstseins hatte ich das Gefühl aus dem Bett aufstehen und nachhause gehen zu können. Und dies wäre für mich auch das Beste gewesen. So aber verwandelte sich die Spaßklinik sofort wieder in ein typisch deutsches Hostel-Hospiz. Zunächst wollten die mir direkt nach dem Eingriff nichts zu essen geben, obwohl ich einen Bärenhunger hatte. Und warum durfte ich nicht direkt nachhause? Ich fühlte mich gut – allein dieses Umfeld war es, was mir nicht gut tat. Zu meiner Linken ein starker Raucher, der andauernd abhustete und mich die ganze Nacht nicht schlafen ließ, weil er furchtbar laut schnarchte. Zu meiner Rechten ein bemitleidenswerter armer Kerl, der in seinem ganzen Leben niemals krank gewesen war. Doch jetzt, kurz nach dem Eintritt ins Rentenalter, wurde er krank – und zwar heftig krank. Er hatte Magen- und Speiseröhrenkrebs. Zwei Drittel seines Magens hatten sie ihn bereits entfernt. Und da dem gierigen Krebs dies nicht ausreichte, hat er sich ein Loch in seine Speiseröhre gefressen, woraufhin sie dem Mann ein „Spint“ eingesetzt haben, der dieses Loch notdürftig abdichtete. Mir tat dieser Mann leid; - doch im Verlauf der schlaflosen Nacht tat ich mir wieder zunehmend selbst leid. Ich wurde innerlich wegen des lauten Schnarchens immer aggressiver, bis ich mir die Nachtschwester herbei klingelte. „Ich brauche ein Schlafmittel - sonst gehe ich nachhause!“ „Sie dürfen nicht nachhause gehen. Das ist ausgeschlossen!“ erwiderte diese in einem barschen Ton und fügte dann fast widerwillig an: „Warten sie. Ich bringe ihnen gleich eine Tablette.“ Und ich wartete fast eine geschlagene Stunde, ehe ich erneut klingelte. Die blöde Tussy dachte wohl, dass sie das mit der Tablette einfach aussitzen kann. Sie fertigte mich dann aber mit einem beschissenen Placebo ab. Ich spürte dies sofort, als ich die Tablette zerbiss. Ich kenne den Geschmack zahlloser Schlaf- und Beruhigungsmittel. Und diese Tablette erinnerte mich geschmacklich an nichts, was ich kannte. Es war eine verarschende Kinderkacke-Placebo-Tablette. Und so spürte ich denn auch keinerlei Wirkung; - eben weil es keine Wirkung gab! Ich wurde immer aggressiver. In Gedanken habe ich den Dauerschnarcher sogar mit meinem Kopfkissen erstickt und der blöden Nachtschwester die Beulenpest auf dem Leib gewünscht. Direkt am nächsten Morgen habe ich klar gemacht, das ich noch am selben Tag das Krankenhaus verlassen möchte - ob nun mit oder ohne ärztliche Einwilligung. Und ich durfte gehen. Doch bis dahin hieß es zunächst wieder ausharren und warten; - bis mein Entlassungsbrief geschrieben war – und dies sollte wieder drei Stunden meines Lebens kosten. Krankenhausaufenthalte sind eine Tortur. Es wäre dort sehr viel angenehmer, wenn diese nicht nur entzündete Abszesse sondern auch diese ständige Warterei herausschneiden würden. Doch in einem Krankenhaus wird man wohl auch in Zukunft 95% mit folterndem Warten und Nichtstun verbringen. Deshalb: Narkotisiert mich – operiert mich – doch meine Wunden versorge ich selbst daheim, denn eure Krankenhäuser machen mich krank. |
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® sämtliche Textrechte liegen bei Arne Pahlke/Wortmutation |
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