Weinen im Trockendock  © Arne Pahlke, November 2006

 

Ich weine in meinem Trockendock; - schluchze erlöschend nach innen; - töne lautlos mein perfektioniert verödendes Stummgeschrei. Wenn es eine Meisterschaft in „Ich-schaff-das-schon-Selbstheuchelei“ gäben würde, dann wäre ich einer der Favoriten auf den Dummpokal.

Wenn ich noch vor Sonnenaufgang in meinem Bett aufschrecke, wenn dann sofort eine meiner Top-5-Selbstmordszenearien vor meinem inneren Auge anläuft, dann beruhigen mich diese Bilder. Es beruhigt mich, wenn ich sehe, wie ich ein letztes Mal meine Wohnung aufräume, wie ich Schriften vernichte, die ich der Nachwelt vorenthalten muss! Ich sehe mich tot im Bett liegen, totgespritzt durch eine Überdosis Morphium und schaue mir bei der Totenverfärbung zu.

Ich liege hier im Trockendock meiner ausgelaufenen Tränen.

Ich schäme mich so sehr, schäme mich für mein vollkommenes Versagen.  Es nagt an mir, es frisst mich auf, wann immer ich erwache, noch vor Sonnenaufgang in meinem Bett.

Weinen im Trockendock

 

Und plötzlich läuft dieses kleine mir bereits so vertraute Mädchen mitten in mein Nichts.  Sie schaut glücklich aus. Sie tänzelt gedankenverloren und schaut zum Himmel. Doch da die Straße und dort der Lastwagen, der unaufhaltsam seine Linie zieht, das Mädchen kreuzend zur unrechten Zeit.  Die Sekunden schrumpfen zu einem Standbild und weiten sich zugleich ins Ungeheuerliche. Ich laufe, um sie abzufangen. Doch selbst dieses ruinöse Standbild läuft viel zu schnell, als das ich sie laufend zu fassen kriegen könnte. Also entschließe ich kurzerhand zu fliegen, wie ich es als Kind oft im Traume tat.  Doch noch während des Flugs wird mir bewusst, das ich mich für sie opfern muss, für sie opfern darf, opfern für ein Mädchen voller Lebensfreude. Ein guter Deal.

Doch ich bin nicht auf der Stelle tot. Und so höre ich den Arzt meine Mutter und meinen Vater mitteilen, dass es keine Überlebenschance mehr für mich gibt. Und dann kommen sie alle nacheinander an mein Bett, um Abschied von mir zu nehmen, ehe die Maschinen ausgestellt werden sollen. Und stets kommt mein Sohn als letztes an mein Bett. Und immer dann; - immer dann, wenn mein Sohn an mein Bett tritt, wenn er meine Hand greift und mit leiser und fester Stimme zu mir sagt, das ich nicht gehen darf, dann sind sie plötzlich wieder da,  die Meere voll von Tränen in meinem Trockendock, immer wieder morgens noch vor Sonnenaufgang.

 

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Anonym, 28 Mai 2011 - Mir gehts ziemlich oft genauso....ich hoffe oft das einfach viele um mich trauern...aber so ist leider nicht die reale Welt...

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