Wenn ich von das Wort Kindersoldat höre …

Arne Pahlke, Juni 2007

 

…dann sehe ich bewaffnete Kinder mit erkalteten und verrohten Gesichtern, aus denen jede Spur spielerischer Unbekümmertheit gewichen ist. Dann bekomme ich eine leise Ahnung von jenem Leid, welches ihnen angetan wurde und welches sie anderen Menschen antaten und immer weiter antun.

Doch mittendrin in diesem Schaudern liegt eine Faszination, wann immer ich von Kindersoldaten höre oder in ihre Gesichter schaue. Es ist eine Faszination des Schreckens. Doch ich bin nicht etwa erschrocken darüber, dass es so etwas wie Kindersoldaten gibt. Ich bin vielmehr bestürzt darüber, wie „einfach“ man aus kleinen Kindermenschen binnen kürzester Zeit eiskalte Killermaschinen modellieren kann.

Ich habe es bereits häufiger schriftlich festgehalten, dass ich zwischen Gut & Böse nicht zu trennen vermag. Jedenfalls nicht auf jene Weise, wie es die Masse zu tun beliebt. Auch habe ich in vielen meiner Texte mehrfach erklärt - und ich tue dies auch jetzt gerne wieder, dass ich der Meinung bin, dass in jedem von uns ein Mörder steckt und das es weder DEN absolut guten noch DEN durch und durch bösen Menschen gibt.

Wir alle sind Produkte unseres Umfeldes, unserer Erziehung und Schicksalsschläge, unserer Erfahrungen und Begrenzungen. Wir sind ein sich stets veränderndes Zwischenergebnis, welches sich aus unzähligen Verbindungen und Verkettungen immer wieder aufs Neue aufstellt. Und mit zunehmenden Alter werden wir zwar kalkulierbarer und vorhersehbarer; aber dennoch bleiben wir stets eine unkalkulierbare Summe aus Erfahrungen. Jeder von uns bleibt sein Leben lang bis zu seinem letzten Atemhauch ein Stück weit unkalkulierbar – theoretisch zu allem fähig.

Ich glaube nicht daran, dass jemand bereits als Heiland geboren wird, womit ich auch nicht an die Geburt Jesus Christus als Jesus Christus glaube. Genauso wenig glaube ich daran, dass jemand bereits als genetisch vorprogrammierter Mörder auf die Welt kommt. Ich glaube zwar an positive und negative Erbanlagen, die sowohl den einen als auch den anderen Weg begünstigen können; aber ich glaube nicht an ein komplett vorherbestimmtes Leben.

Wenn ich will, kann ich jetzt sofort vor die Tür gehen und mehreren Menschen die Kehle durchschneiden. Und wenn ich will, kann ich heute noch meinen Koffer packen und bei irgendeinem Kloster an die Tür klopfen und um Aufnahme bitten. Doch weder werde ich durch die eine Handlung zur Bestie noch durch die andere Handlung zum Heiligen.

Wenden wir uns mal jenen Menschen zu, die sich angeblich nicht einmal im Traum vorstellen können, einen Menschen zu töten. Stellen wir uns stellvertretend für diese Menschen vor, da diese es ja nicht können oder wollen, sie wären nicht in ihr übersättigtes Überflussdasein hineingeboren. Stellen wir uns weitergehend vor, man würde so ein Menschen wieder zu einem Kind werden lassen und dieses Kind dann über Nacht in ein schwarzes Hungerkind verwandeln. Stellen wir uns nun weitergehend vor, dass dieses Kind in entsetzliches Elend, Hunger und in einen barbarischen Bürgerkrieg geworfen wird. Und als dieses schwarze Hungerkind wird es von Rebellen verschleppt und in eine Situation gebracht, die aus ständiger Gewalt, Angst und ideologischer Gehirnwäsche besteht.

 

Foto by  Credits: Pierre Holtz / UNICEF CAR

 

Im Prinzip sind wir allesamt entführte Kinderseelen. Wir alle unterliegen manipulativen Prägungen. Man hat uns als Kinder abgeholt und einer Gehirnwäsche unterzogen. Jeder von uns ist ein unfertiges Musterbeispiel seiner unzähligen Prägungen. Und je langfristiger, umfassender und gewaltvoller (manipulativer) eine Prägung an einen Menschen vorgenommen wird, umso weniger kann ein Mensch sich von diesen Prägungen losmachen. Jede Prägung wird Teil seines eigenen Wertesystems und eines daraus resultierenden Handlungsspielraums. Und selbst jene Menschen, die von sich behaupten, komplett frei zu sein, sind dennoch nur ein Bündel aus Prägungen, dessen Handeln hauptsächlich auf Ursachen und weniger auf innere Freiheit beruhen. Und selbst der, der innerlich (vermeintlich) komplett frei sein sollte, kann durch ein einziges Ereignis diese so sicher geglaubte Freiheit des Denkens binnen weniger Sekunden komplett einbüßen.

Wie denken Sie über sich selbst, liebe Leser?

Stellen Sie sich einmal vor, Sie wären einer dieser Kindersoldaten. Und vor wenigen Stunden mussten Sie auf Befehl einen anderen Jungen per Kopfschuss hinrichten, weil dieser zu fliehen versuchte. Nun werden Sie höchstwahrscheinlich einwenden, dass Sie sich unter diesen Umständen natürlich keines Mordes schuldig gemacht hätten, da Sie zu dieser Tat gezwungen wurden; denn anderenfalls hätte man Sie selbst erschossen.

Ach so ist das!? Wenn es also darum geht, - stirbt ein anderer oder sterbe ich - , so würden fast alle Menschen (und Sie doch sicherlich auch?) das andere für das eigene Leben opfern. Und diese Entscheidung treffen nicht nur Kinder sondern diese Endscheidung würden genauso auch die meisten Erwachsenen treffen. Selbsterhaltungstrieb heißt diese starke Energie in uns, die uns in Extremsituation selbst unsere besten Freunde töten lässt, wenn der eigene Fortbestand dadurch gesichert wird. 

Worauf ich eigentlich hinaus will, fragen Sie mich? Und ob ich den Unterschied zwischen einem richtigen Mörder und einem Kindersoldaten nicht kenne, der gegen seinen Willen zum seinem grausamen Handeln gezwungen wird? Doch, mir ist dieser Unterscheid sehr wohl bewusst.

Ich möchte mich an dieser Stelle wiederholen: Wir alle sind Produkte unseres Umfeldes, unserer Erziehung und Schicksalsschläge, unserer Erfahrungen und Begrenzungen. Wir sind ein sich stets veränderndes Zwischenergebnis, welches sich aus unzähligen Verbindungen und Verkettungen immer wieder aufs Neue aufstellt.

Erinnern Sie sich an den Entführungsfall Natascha Kampusch? Was wäre wohl aus diesem Mädchen geworden, wenn der Entführer sie nicht unterrichtet hätte und ihr erlaubt hätte, sich per Radio und Bücher fortzubilden? Was wäre aus ihr geworden, wenn er ihr jede Bildungsmöglichkeit entzogen hätte? Natascha wäre heute schwachsinnig. Man kann jeden Menschen so formen, wie man ihn haben will, wenn man uneingeschränkte Macht über ihn genießt. Und dennoch kann man ihn glauben lassen, dass er nicht geformt wurde, sondern dass er so ist, wie er aus sich selbst heraus sein will.

Menschen belügen sich ständig selbst, sie manipulieren sich und andere immerzu. Zum Beispiel Soldaten, die in den Krieg ziehen, um dort Menschen zu töten. Warum darf man diese Menschen nicht Mörder nennen? Warum sehen sie sich selbst nicht als Mörder? Weil der Getötete ein Feind war? Weil die Sicherheit des eigenen Landes davon abhing? Weil es um die Sicherung des Friedens ging? Aber tötet nicht jeder Mörder einen anderen Menschen aus vergleichbaren Motiven? Ist das Opfer nicht in fast allen Fällen ein Feind(bild). Und muss das Opfer nicht fast immer deshalb sterben, weil das eigene Überleben gesichert werden soll? Und töten nicht alle Mörder für ihren ganz persönlichen (Seelen-)Frieden?

Wenn ich von das Wort Kindersoldat höre, dann sehe ich auch  übersättigte Kinder vor mir, die als virtuelle Killermaschinen durch Ego-Shooter-Landschaften marschieren und mit einer Mischung aus Lust und Langweile Pixel-Menschen töten. Und ich sehe vom Wohlstand verfettete Politiker vor meinen Augen, die weltweit Gesetze verabschieden, mit denen sie wissentlich Menschen in den Tod treiben, mit denen sie Mörder kreieren -  kleine Kindersoldaten, die dann vielleicht später als Teenager ihren ganz persönlichen Amokkrieg starten. 

Ich bin übrigens ein erwachsener Kindersoldat. Und seit sie mir damals  meine Kindheit geraubt haben,  seitdem sie mich dieser Gehirnwäsche unterzogen haben, ist meine Waffe geladen und entsichert.

Mein gottverdammter Krieg liegt nur einen klitzekleinen Abzug weit entfernt.

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