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Willkommen in der Unterschicht Arne Pahlke, November 2006
Bitte legen sie ihre Zukunft an der Garderobe ab! Nein, sie müssen mich nicht darauf hinweisen, dass hier überhaupt keine Garderobe ist! Das ist mir sehr wohl bekannt. Schließlich sind wir sind hier in der Unterschicht. Und in der Unterschicht braucht es keine Garderoben. Außer, es handelt sich um eine Kleiderablage, die stabil genug ist, um sich daran aufzuknöpfen. Na, nun schauen sie mich mal nicht so verbittert an. Das war doch nur ein Witz, sie Wurm. Neue Kleidung finden sie übrigens dort hinten in der Ecke. Ja, genau dort, im Altkleidersack. Nun seien sie doch nicht so genierlich. Greifen sie ruhig zu! Es gehört alles ihnen, wenn sie wollen. Die gute Nachricht zuerst? Sie müssen hier nie mehr arbeiten. Und ihr Tagessatz wird für ne Schachtel Zigaretten, sechs Flaschen Bier und eine Dose Katzen- oder Hundefutter allemal ausreichen. Und eine Katze oder einen Hund sollten sie sich unbedingt zulegen, wenn sie noch keines dieser Tierchen haben sollten. Warum? Na, sie können vielleicht schusslige Fragen stellen. Aber das ist ja mal wieder typisch für ein Unterschichtenwesen. Nicht selbst für sein Lebensunterhalt sorgen können, bettelnd durch die Welt bummeln und der arbeitenden Bevölkerung die Luft dünn atmen und gleichzeitig von nix eine Ahnung haben, außer vom Fernsehprogramm. Schauen sie sich doch mal an, sie Made! Sie sind ein Mann mittleren Alters und ihre geistigen Fähigkeiten reichen noch nicht einmal für einen Hilfsarbeiterjob aus. Kein vernünftiges Kreditinstitut würde ihnen mehr Geld leihen. Glauben sie etwa allen Ernstes irgendeine Frau würde noch etwas mit ihnen zu tun haben wollen? Es sei denn, sie finden eine Unterschichtlerin. Doch diese handeln zumindest bei der Partnerwahl ähnlich wie normale Frauen. Und das bedeutet: sie suchen nach einem Mann, der gesellschaftlich zumindest eine halbe Stufe höher steht, als sie selbst. Und sie sind nun einmal der absolute Bodensatz. Unter ihnen ist nichts mehr, worauf man stehen könnte. Also gibt es auch keine Frau für sie, weshalb ich ihnen Hund oder Katze empfohlen habe. Mensch, ich meine es doch nur gut mit ihnen. Und ich kann mich sehr gut in ihre Lage hineinversetzen, wie es ihnen jetzt gerade in diesem Augenblick geht. Deshalb haben wir auch eine große Überraschung für sie. Das Sozialamt Nord überreicht ihnen diesen gebrauchten Plasmafernseher, wohlwissend, dass ihre tägliche Hauptbeschäftigung im Anschauen primitiver Sendeinhalte liegen wird. Sie müssen sich jetzt nicht schämen. Wir tun das doch gerne und auch nicht ganz ohne Hintergedanken. Jeder Unterschichtler, der vorm Fernsehen sitzt, ist schließlich einer weniger auf der Straße, wo er nur das allgemeine Landschaftsbild sowie das Befinden der Normalbevölkerung stört.
Wenn ihr Geld gegen Mitte des Monats höchstwahrscheinlich aufgebraucht sein wird, so empfehle ich ihnen die Suppenküche der Heilsarmee. Außerdem arbeiten wir eng mit einem medizinischen Versuchslabor zusammen, wo sie sich jederzeit ein paar Euro dazuverdienen können. Nein, ich rede hier doch nicht von Arbeit. Ich habe ihnen doch versprochen, das sie niemals mehr von irgendwem zur Arbeit genötigt werden. Keine Sau braucht sie mehr! Sie müssen dort nichts anderes tun, als Tabletten einzunehmen oder sich Spritzen geben zu lassen. Und bei der Gelegenheit werden sie gleich noch kostenlos medizinisch grundversorgt. Na, hört sich das nicht gut an? Nun schauen sie mal nicht so skeptisch. Sie werden sich schon an ihr neues Leben gewöhnen. Kopf hoch. Rein statistisch gesehen sterben sie immerhin neun Jahre früher, als im Vergleich dazu ein Mann, der ein Leben lang in Lohn und Brot steht. Ihre Leidenzeit wird höchstwahrscheinlich also überschaubar bleiben. Und wollen sie diese sogar vorher beenden, so haben wir dafür selbstverständlich vollstes Verständnis. Als Unterschichtenwesen werden sie dann allerdings anonym beigesetzt. Und es gibt weder Sterbeanzeige noch einen Pfarrer. Dafür werden sie aber ganz sicherlich unsere besten Wünsche ins Jenseits begleiten. Aber lassen sie sich ruhig Zeit. Wir werden sie nicht drängen! Warten sie einfach in aller Ruhe die nächsten Gesetzesänderungen ab und entscheiden dann jeweils neu, ob es sich für sie noch zu bleiben lohnt oder nicht. Nein, bitte reichen sie mir zum Abschied nicht ihre Hand. Nicht, dass ich ihnen Hygienemängel unterstellen will, aber ich möchte einfach vermeiden mit Dreck in Berührung zu kommen. Ich hoffe, sie haben dafür Verständnis? Und noch einmal: Willkommen in der Unterschicht. |
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