Wo ist der Geschmack von früher geblieben?
® Arne Pahlke, Januar 2012



Es waren die 70er Jahre, in die meine Kindheit fiel. Und in dieser lebhaften Zeit wurde ich als Knirps von meiner Mutter gelegentlich zum Kuchen kaufen geschickt. Viele Bäckereifachgeschäfte waren seinerzeit besondere Orte. Sie waren nicht nur farbenfroh wie das Jahrzehnt selbst, sondern aufgrund ihrer einzigartigen Sortimente waren sie tatsächlich so etwas wie Unikate. Schließlich wurden die Brötchen, Brote und Kuchen  in den  Backstuben noch nach eigenen und dabei oft über Genrationen überlieferten Rezepten zubereitet,  womit sie jeweils ihre unverwechselbaren Geschmackserlebnisse zu bieten hatten.  

Und so fiel mir die Entscheidung nicht immer ganz leicht, zu welchen Bäcker ich denn nun gehen sollte. So gab es bei dem Bäcker im Reinbeker-Sachsenwald-Einkaufszentrum die Rumkugeln, nach denen ich mich so sehr verzehrte. Doch bei der Schlachterei Grothe, der sein Kuchensortiment von einer ortsnahen Bäckerei bezog, lockte mich der Mohnkuchen nicht minder verheißungsvoll.  Und im alten Stadtkern Reinbeks gab es den Konditor, der mit diesem gar köstlichen Baumkuchen und dieser unikalen Nusstorte in seinen Auslagen frohlockte.


Noch heute erwische ich mich dabei, wie ich auf einer meiner Radtouren an mir nichtbekannten Bäckereien anhalte, um mir dort eine Rumkugel oder ein Stück Mohnkuchen zu kaufen - stets von der Sehnsucht nach dem Geschmack von früher getrieben, den ich aber bis heute nicht mehr gefunden habe. Doch immer seltener steige ich noch wegen eines mir unbekannten Bäckereifachgeschäfts von meinem Fahrrad, da Meisterbäckereien zunehmend von Bäckereiketten  á la  Dat Backhus und Kamps verdrängt werden. Und leider verwenden viele der noch verbliebenen  Meisterbetriebe inzwischen selbst fertige Backmischungen für “ihren” Kuchen und “ihre” Brote, sodass von der geschmacklichen Vielfalt und Einzigartigkeit von einst leider nicht mehr viel übrig geblieben ist.


Ende der 70er Jahre fanden sich in Deutschland noch über 60.000 Bäckerei-Meisterbetriebe. Mitte der 80er, als die erste Bäckereikette auf der Bildfläche erschien, waren es nur noch 40.000.  In den 90ern schrumpfte die Zahl  abermals kräftig – und zwar auf nur noch 26.000 Fachgeschäfte. Und im letzten Jahr (2011) zählte man nur noch 14.000 Bäckerei-Meisterbetriebe, was einen Rückgang von knapp 80% gegenüber den 70er-Jahren entspricht! Und das große Bäckereisterben geht weiter, da die Bäckereiketten-Konkurrenz mittlerweile in nahezu übermächtiger Zahl vertreten ist.  Kaum eine Stadt, in der nicht in jeder Ecke eine Filiale von Dat Backhus, Kamps & Co zu finden ist. Und dank dieser Entwicklung schmeckt unser frisches Brot und unser Kuchen von Aurich bis nach Zwiesel praktisch wie faktisch überall gleich!


Schöne neue Geschmackseinfalt!


Und leider sind es nicht nur die Bäckereien, bei denen man sich als (leicht) gereifter Jahrgang fragt: Wo ist bloß der Geschmack von früher geblieben?  So gibt es auch immer weniger Metzgereien, auch wenn sich das Sterben in dieser Sparte bislang noch etwas langsamer vollzieht. Doch in manchen Städten schreitet das Metzgerei-Sterben sogar noch rasanter voran, als es bei Bäckereien der Fall ist. So findet man z.B. in Stuttgart heute nur noch 50 Metzgerei-Meisterbetriebe  gegenüber 500 Betrieben in den 70ern.


Die Produktion von Lebensmitteln wird in fast allen Sparten im großen Stil industrialisiert, womit  immer mehr Produkte, immer schneller und immer billiger hergestellt werden können. Doch ebendies geht oft nur auf Kosten des guten Geschmacks! Doch wenn wir zulassen, dass unsere Lebensmittel zunehmend in einer Art und Weise produziert werden, die letztlich keine andere Wertigkeit mehr erkennen lässt, als bei irgendeinem anderen industriell gefertigten Massenprodukt,  dann müssen wir in Zukunft auch damit leben, eben oftmals genau jene Art von Lebensmitteln auf unsere Teller zu bekommen, die sich eigentlich niemand von uns als Lebensmittel wünschen sollte!

 

 


Man sollte sich als Verbraucher darüber im Klaren sein,  dass es den meisten Produzenten bei der industriellen Herstellung von Lebensmitteln oft nicht vorrangig darum geht, ein wirklich hochwertiges Ernährungsprodukt herzustellen, sondern vor allem und zunächst geht es ihnen darum, ein möglichst kostengünstiges; sprich: konkurrenzfähiges Lebensmittel zu produzieren, welches überdies nicht selten in betriebsabhängigen Laboren “designt und optimiert” wird, bis es sich in seinem Geschmack oft nur noch durch die vielen Austausch- und Zusatzstoffe, Geschmacksverstärker & Co von vergleichbaren Konkurrenzprodukten unterscheidet.


Und leider ist es so, dass die Lebensmittelindustrie bereits sehr viele Menschen insoweit manipuliert hat, das diese z.B. in einer heißen Tasse von Maggi oder Knorr tatsächlich ein schmack- und nahrhaftes Lebensmittel ausmachen und keine  Körperverletzung ...und dass Millionen von geschmacksverwirrten Konsumenten es großartig finden, dass es heute selbst die absurdesten Fertiggerichte zu kaufen gibt.

Na super, „selbstzubereitete“ Sauce, die man nicht einmal mehr aufkochen muss – auch wenn sie dafür nach ausgelaufenem Brustimplantat schmeckt. Aber hey, dafür ist sie jetzt schließlich herrlich schnell zubereitet! Ja, Schatz, das ist natürlich ein Argument, dem man sich kaum entziehen kann. Und schau nur, Bratkartoffeln mit Ei, Schinken- und Speckwürfeln, die selbst in einem ungekühlten Regal über ein Jahr lang haltbar sind. Krass! So etwas funktioniert natürlich nur Dank Food-Designing!

Erlaubt scheint, was der Lebenmittelindustrie einfällt!  Und scheinbar gibt es keine Grenzen bei der “Geschmacksoptimierung” in Lebensmittellaboren. Zumal ja immer mehr Menschen regelrecht darauf fliegen, wenn du ihnen ein durch und durch ungesundes Stück Lebensmittel zum Fraß vorwirfst, wenn du  ihnen vorher  nur auf die Verpackung schreibst:

„Neue verbesserte Geschmacksformel!”

Dabei sollte uns ein solcher Vermerk generell eher vor einem Kauf abschrecken,  da gesundes, nahr- und schmackhaftes Essen sicherlich keiner ständig neuen Formeln bedarf. Hingegen suchen Produzenten von minderwertigem Drecksfraß  natürlich ständig nach neuen Geschmacksver(w)irrungen, um von der Minderwertigkeit ihrer Erzeugnisse abzulenken! 


Neulich hatte ich Besuch. Und als uns plötzlich der Hunger überfiel, habe ich mich für uns in die Küche begeben,  um uns  dort auf die Schnelle einen eiweißreichen Snack zuzubereiten.   Als ich dabei ein Stück Fleisch längsseits auf- bzw. eingeschnitten habe, um anschließend  eine Scheibe Kochschinken und eine Scheibe Käse in das derart präparierte Stück Fleisch einzulegen,  hat mein Besuch mich angeschaut, als wäre ich ein soeben eingefangener Wilder. Ich glaube, er ging bis zu diesem Zeitpunkt davon aus,  dass Cordon Bleu aus industriell gezeugten Kälbern gewonnen wird, die bereits mit Analogkäsescheiben und Kochschinkenimitaten zwischen ihren Fleischschichten auf die Welt kommen, die man ihnen nach der Schlachtung dann nur noch in servierfertigen schnitzelgroßen Stücken herausschneiden muss.


Ach herrje, man könnte in dieser geschmackverarmenden Zeit glatt verzweifeln, da selbst der mieseste Industriefraß von früher oft besser schmeckte, als viele der heute als besonders gesund angepriesenen Produkte.

Kennt z.B. noch irgendjemand das Majala-Zitronendessert aus den 70ern, bei dem die Hausfrauen noch selbst Eiweißschaum unterrühren, eine Zitronenkapsel auflösen und die Zitronenmelasse zum Kochen bringen mussten? Dieser immense Aufwand war den immer taffer werdenden Hausfrauen  irgendwann natürlich nicht mehr zuzumuten.   Also wurde flugs ein neues Majala-Zitronendessert designt -  nun ganz ohne kochen, ganz ohne Eiweißschaum – und leider auch  so ganz und gar ohne den tollen Geschmack von früher.


Aber was soll’s!?

Wir Menschen solidarisieren uns eben einfach, mit den von uns geschändeten Nutztieren - und die fressen schließlich auch alles, was man ihnen in den Trog füllt.
 

Mohltied!

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Chris08, 9 Januar 2012 - Meine Omi ist 88 und kann nicht mehr kochen, meine Mutter ist 62 und tut es noch, aber meine Schwester kann es schon nicht mehr. Meine Frau war auf der Haushaltsschule, aber niemals brachte sie unseren Töchtern bei, mehr zu tun, als gelbe Packungen aufzureißen. Wir werden die letzten sein, die noch wissen, was Essen ist. Außer denen natürlich, die sich den drei Sterne Koch leisten können. Irgendwie hast Du mir gerade den Tag versaut, ich hatte schon begonnen, diese traurige Entwicklung zu vergessen, zu akzeptieren...

Verbalkanone, 9 Januar 2012 - *Autsch* ...! Ich mochte zwar niemals nie Rumkugeln (WI-DER-LICH! Mein Wellensittich hat sich mal an einer angebissenen, auf dem Tisch herumliegenden Rumgugel besofffen, weil dieses kleine Federmistvieh alles probieren musste ...) und auch Mohnkuchen finde ich geschmacklich grenzwertig, aber für eine echtes Stück Lübecker Nusstorte würde ich glatt einen Mord begehen ... also, so rein theoretisch! ;D Dein Eintrag ist toll, Mister Windzug, transferiert er mich doch beim Lesen in meine eigene Kindheit in Hamburg zurück. Jetzt bin ich wehmütig und denke darüber nach, was ich geschmacklich alles verloren habe ... *Seufztherzzerreissendundlaut.*

 Robbi,10 Januar 2012  -      alles wird immer...   b**********. Das ist nicht nur bei den Bäckereien und Metzgereien der Fall. Es betrifft ALLES! Die Kneipen, die Gaststätten.. alles. :-( Die Großketten übernehmen die Macht und zerstören das Kleine. Die Identität stirbt... auch in der Musik.

Konkalit, 14 Januar 2012 - Recht hast du mal wieder, den Schuh muss ich mir als Anhänger einer jüngeren Generation auch anziehen. Ich beherrsche zwar noch, anders als viele noch jüngere Kaliber noch einige passable Kochkünste dank meiner langjährigen Ausbildung als Single *g* aber wie oft wird einem auch vor Auge geführt wie verdorben eigentlich schon alles ist. Egal in welchem Bereich, alles ist chemisch behandelt, Tiere zurecht gezüchtet  und mit Konservierungsstoffen und Zusatzmitteln "genießbar" gemacht. Selbst Babys kriegen im Babybrei schon mittels "Vanille" schon den Geschmack auf Süßigkeiten eingeimpft wie ich mal erfahren habe. Obgleich es einer der wichtigsten Bereiche ist, der unser Leben und unsere Gesundheit betrifft, wird in kaum einem anderen Sektor soviel Schindluder getrieben wie in der Nahrungsmittelbranche, ob Gammelfleisch, illegale Nahrungsmittelzusätze, Lügereien bezüglich Gewicht und Preis/Leistungsverhältnis und und und. Und auch das Wissen darüber wie "richtige" und "unbehandelte" Nahrungsmittel überhaupt schmecken geht verloren und was diese eigentlich sind. Ein anderer Bericht zeigte mal dass jüngere Kinder tatsächlich der "H-Milch" den besten Geschmack attestierten. Das war für mich schon einigermaßen unverständlich, wobei ich selbst aber auch nie in den Geschmack einer "Vorzugsmilch" gekommen bin, eben weils diese wohl kaum noch irgendwo gibt und wenn dann zu einem üppigen Preis.

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