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Wunder gibt es immer wieder
Ein Wunder wäre es z.B., wenn ein Baby, einen von seiner Mutter frisch geschissenen Kothaufen vertilgen würde, und sich anschließend nicht erbrechen müsste. Du meinst, dies wäre lediglich ein widerlicher Akt und ganz gewiss kein Wunder? Und ich antworte dir: Und ob dies ein Wunder wäre! Als Wunder gilt schließlich all das, was über das Alltägliche und Gewöhnliche hinausgeht und in diesem Sinne als unerklärlich hervorragt. Und erkläre mir mal bitte jemand, in der ihm ihn anerzogenen Verkomplizierungsgabe, mit was für ein Baby wir es zu tun hätten, das es vollbrächte, zwei- bis fünfhundert Gramm mütterlicher Scheiße am Stück zu fressen, ohne diesen Kackehaufen anschließend wieder auszukotzen? Ja, ich weiß, bei den von mir gewählten Themen kann einen schon mal übel werden. Und ja, ich gestehe überdies ein, mein Baby wäre kein Wunderbaby. Schließlich fressen Millionen von Babys täglich irgendein Kackzeug, ohne dass sie deswegen gleich zu Koterbrechen neigen. Und warum nicht? Sie gewöhnen sich an diesen Fraß bereits im Mutterleib. Aber dass dies so ist, das ist ein Wunder! Doch diesem Wunder wird keinerlei Aufmerksamkeit geschenkt, weil wir Menschen dazu neigen, Wunder stets mit etwas Schönem zu assoziieren, wie z.B. mit einer Frau, die einem Mann ganz und gar versteht oder aber dem Wunder vom glücklichen Siechtum. Gewiss, diese soeben von mir angeführten Beispiele sind paradoxe Konstellationen, die ein gewaltiges Wunder benötigten, um einzutreten. Aber wenn schon ein Wunder, dann bitte ein Richtiges! Wir sind schließlich Papst und keine mittellosen Wanderprediger. Und weißt du, was ebenfalls ein Wunder ist? Dass ich noch lebe! Zumindest teilweise, als ein angeschossenes Elementarteilchen inmitten meiner Ego-Zentrifuge, die so sehr aus ihren Fugen geraten ist, dass selbst hysterische Wunderheiler mir keinerlei Dichtungsmasse mehr anbieten können oder wollen; - ganz zu Schweigen von Kassenärzten. Deshalb würde es mich auch nicht großartig wundern, wenn ich morgen früh mausetot aus meinem Alptraumschlaf aufschrecken würde. Allerdings würde es mich wundern und gleichzeitig peinlich berühren, wenn ich mir daraufhin gewohnheitsgemäß meinen Jadestab pürierte, um dann feststellen zu müssen, wie viel Energie ich über all die Jahrzehnte bereits verschleudert habe, nur um durch diesen Akt Gefühle zu erfahren, die das Stäbchen gar nicht hervorzaubern kann. Aber diese Wahrheit verkaufe mal einem Mann. Da kannst du auch gleich versuchen, einen Hai davon zu überzeugen, das vegetarische Kost für ihn die bessere Alternative wäre.
Ach ja, das Leben. Es ist ein Wunder, nicht wahr? Aber was ganz genau in unserem Leben gleicht denn nun einem Wunder? Die besonders lebenslustigen Leser werden jetzt sofort sagen wollen: “Alles im Leben gleicht einem Wunder!” Nun gut, von mir aus soll es so sein. Doch dann bitteschön erwarte ich auch, dass alle scheißefressenden Babys ab sofort als Wunder gelten; - also all jene Babys, die man dazu zwingt, die Scheiße von “Kakalete” und Co” zu vertilgen. Ich wäre übrigens gerne wieder eines dieser scheißefressenden Babys, denn im Vergleich zu meinem Ist-Zustand kämen mir diese täglichen Abfallfütterungen wie das Paradies vor. Aber ich will nicht klagen oder aber auf ein Wunder warten. Da träume ich doch lieber von meinem Tod. Wissen Sie, vom eigenen Tod zu träumen, der durch die eigene Hand vollstreckt wird, dies kann sich zu einer wahren Sucht auswachsen, die nicht selten mit dem vollständigen Verlust der Selbstkontrolle endet. Doch steuern wir eben darauf am Ende nicht alle zu, auf den Verlust unseres nur scheinbar von uns selbstgesteuerten Leben? Verlieren wir am Ende nicht alle unsere Selbstkontrolle über etwas (nämlich über uns), über das wir letztlich nie eine wirkliche Kontrolle ausgeübt haben? Ein Wunder, nicht wahr? Jawohl, ein richtig beschissenes Wunder, dem wir uns alle nicht entziehen können. Und ist es nicht auch ein Wunder, das man, wenn man lebensmüde ist, Trost auch dahingehend findet, wenn man sich seinen Trost in der Trostlosigkeit sucht? Ja, wenn er sich krümmend vor lauter Seelenschmerz und mit einem Revolver in der Hand auf dem kalten Boden windet, dann fühlt sich so ein richtig verderblich lebensuntüchtiger Versager doch angenommen. Und dann sagt er sich vielleicht so aufmunternde Dinge wie: „Hey cool, Gott. Du sorgst dich um mich. Du gibst mir die Freiheit Scheiße zu fressen, daran zu ersticken oder aber noch viele Jahre leidend weiter in dieser Scheiße zu baden, bis ich irgendwann darin ersaufen werde. Oder wenn ich wie ich bereits vorher kein Bock mehr auf diese Scheiße habe, mir eine Kugel durch den Kopf jagen darf. Aber wer weiß, vielleicht hat Gott ja noch ein andere Variante auf Lager, denn schließlich heißt es doch hoffentlich zu recht: “Wunder gibt es immer wieder!” © Arne Pahlke, Juni 2006/April 2010 |
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