Zusammengehörigkeitsgefühl  (Solidarität)

Solidarität gibt dem Einzelnen mehr Sicherheit. Er fühlt sich mit einem Ganzen (einer Gruppe) verwurzelt, hat seinen Platz darin und entgeht dadurch dem Gefühl des Ausgegrenzt sein und der Einsamkeit. Solidarität gilt als Grundprinzip menschlichen Miteinanders. Man ist füreinander da. Man hilft sich, wo man kann – man gibt sich solidarisch.

Die schwule Szene wird häufig als eine große Familie (Happy-Gay-Family) beschrieben. Und viele „Mitglieder“ dieser Familie betiteln sie auch gerne selbst als ebensolche.

Aber wie steht es tatsächlich mit der Solidarität unter Homosexuellen? Gibt es so etwas wie ein familiäres schwules Solidaritätsgefühl? Ist man wirklich füreinander da und fängt sich gegenseitig auf?

Die Antwort lautet JA und NEIN!

JA, es gibt ein Zusammengehörigkeitsgefühl (ein Solidaritätsgefühl) unter Schwulen:

So z.B. oberflächlich betrachtet auf den alljährlich stattfindenden Christopher-Street-Day-Umzügen. Oberflächlich gesehen deshalb, weil immer mehr Schwule nicht deshalb auf einen der vielen CSD’s gehen, weil sie dort für eine gemeinsame Sache kämpfen wollen, sondern weil der persönliche Spaß im Vordergrund steht. Die heutigen CSD‘s haben längst nichts mehr mit den Schwulenbewegungen der 60er und 70er Jahre zu tun. Vielmehr handelt es sich bei den heutigen CSD‘s  um  alljährlich stattfindende Vergnügungs- Großaufläufe, um die zahllose Veranstaltungen in Bars, Discotheken & Co installiert werden. Christopher-Street-Days funktionieren ähnlich wie die Love Parade oder die Ledertreffen: jede Menge Party und Kommerz – und als Schleife Drumherum ein schönes Motto wie: „…für mehr Toleranz“, an dass sich spätestens eine Woche nach Ende der CSD’s 95% der Besucher nicht mehr erinnern können.

 

Androlex - Fotograf_S.-Hofschlaeger

Gemeinsam sind wir stark? Und wer ist eigentlich WIR?

 

Solidarität findet sich auch unter einigen AIDS-Infizierten. Dies aber selten in der typischen  schwulen Szene, sondern eher in AIDS-Beratungsstellen oder in einem Sterbehospiz. Doch diese Solidarität ist eine Solidarität unter Menschen mit gleichem Schicksal und eben kein Zusammengehörigkeitsgefühl der Happy-Gay-Family. Auch anonyme schwule Alkoholiker oder schwule Hörgeschädigte etc., die sich aufgrund ihrer sie verbindenden Handycaps in Gruppen und Vereinen solidarisieren, kann sich die schwule Szene kaum an ihre Regenbogenfahne heften. Und das würde sie wohl auch gar nicht so gerne wollen. Denn schließlich ist doch von einer glücklichen schwulen großen starken Familie die Rede und nicht von AIDS-Kranken und Behinderten. 

Doch wahre Solidarität findet sich in der schwulen Szene eben fast nur in Vereinen und Gruppierungen mit überschaubaren Mitgliederzahlen, so etwa in Jugendgruppen oder Biker-Clubs oder eben unter schwulen Behinderten und homosexuellen Schwerstkranken.  

So schaut es nun einmal aus – und der große viel beschriene Rest – das ist mehr oder weniger heiße Luft in einem großen rosafarben Luftballon.

Denn NEIN, … es gibt kein Zusammengehörigkeitsgefühl und kein Solidaritätsgefühl unter Schwulen, im Sinne von: alle Schwulen halten zusammen, eben weil sie schwul sind!

Und warum sollten sie das auch?

Halten etwa alle Linkshänder zusammen, nur weil sie alle Linkshänder sind?

Viele schwule Lederkerle können z.B. keine Tunten ausstehen und diese Aversion beruht oft auf Gegenseitigkeit. Auch würden es viele verzauberte Jungkücken liebend gerne sehen, wenn alte Schwule komplett aus der Szenelandschaft entfernt würden. Und Männer in Fummel gehen für die allermeisten Homosexuellen ja schon mal gar nicht!

 

Flagge zeigen!?

 

Und somit werden diese „Gemeinsam-sind-wir-stark-Parolen“ auch hauptsächlich von Gruppen, Veranstaltern, Event-Managern, Club-Besitzern, Online-Portalen  ausgerufen, die ein kommerzielles Ziel verfolgen.

Die solidarische Happy-Gay Family ist eine leere Lufthülse der Gay Community, ist ein Werbesloagan für den Banner:  „Die schwule Familie trifft sich bei … sei auch du dabei!“

Im Kleinen aber gibt es sehr viel Solidarität unter Schwulen. Aber diese Solidarität  ist (wie oben bereits erwähnt), kein allgemeines Zusammengehörigkeitsgefühl unter Schwulen,  sondern es ist eine Solidarität innerhalb von  Interessen- und/oder Schicksalsgemeinschaften.

 

siehe auch unter: Schwulenbewegung (Schwulen-Demos), Hirschfeld Magnus, Red Ribbon, Gay Liberation Front, Christopher Street Day, Zusammengehoerigkeitsgefühl (Solidaritaet), Zukunftsaussichten & Zukunftsaengste, Oeffentlichkeit & Gesellschaft, Top-Metropolen (aus schwuler Sicht),Spartacus International Gay Guide, Konzentrationslager, Geschichte der Homosexualitaet, AIDS, DIE-INS, Homoehe

Kommentarfunktion_ANDROLEX
schreibe einen Kommentar im ANDROLEX

Sämtliche Einträge in diesem Lexikon wurden von Arne Pahlke verfasst. Und sämtliche durch den Seitenbetreiber erstellten Texte unterliegen dem deutschen Urheberrecht. Die Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und jegliche Art der Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtes (also auch das Übertragen auf die eigene Webseite) bedürfen der schriftlichen Zustimmung von Arne Pahlke. Nutzungen ohne Nennung des Urhebers sind ausdrücklich untersagt!