Freitag, 10. Juni 2005

Zweite Therapiestunde

 

In dieser Stunde geht es unter anderem:

- um den Unterschied von Psyche und Seele

- um Vermeidungsstrategien

- die selbst gewählte Isolation



Ich: (den Therapeuten auf dem weitläufigen Flur seiner Praxis entgegenkommend)

Therapeut: (unverbindlich freundlich)
Schönen guten Tag, Herr Pahlke.

Ich: Guten Tag, Herr Gütschow.

Therapeut: Kommen Sie bitte! (mich vorausschickend und dabei sanft auf meine Schulter klopfend) Eigentlich hätte ich sie ja bereits gerne in der zurückliegenden Woche gesehen. Sie sollten unbedingt den wöchentlichen Rhythmus einhalten, insbesondere am Anfang unserer Zusammenarbeit ist dies von herausragender Bedeutung.

Ich: (Kopf leicht nach hinten drehend)
  Ja, ich weiß, Herr Gütschow. Mir ging es in der letzten Woche aber ziemlich schlecht. (den Sessel erreichend und sich auf diesem niederlassend)

Therapeut: (lacht kurz und versöhnlich)

Ich:
Also, lustig waren die letzten Tage nun wirklich nicht, Herr Gütschow. Aber ich freue mich natürlich, wenn ich ihnen durch meine Aussage ein klein wenig vordergründliche Fröhlichkeit entlocken konnte. Doch was erzähle ich hier bloß für einen blasierten Höflichkeitsblödsinn? Im Grunde genommen ist es mir doch vollkommen egal, ob sie sich freuen oder missmutig sind. Nicht, dass ich ihnen wünsche, dass sie sich missmutig fühlen – anderseits halte ich nichts davon, jedermann das vermeintlich Beste zu wünschen. Wohl wissend, dass das Beste oft nur der bestmögliche Weg hin zur Bedeutungslosigkeit des einzelnen Individuums ist.

Therapeut: (lacht abermals kurz) Ich lache, wie sie es sich sicherlich denken können, über den angegebenen Grund, warum sie in der letzten Woche ihren Termin nicht wahrgenommen haben.

Ich:
Ja, das ist mir schon klar. Schließlich haben sie sich ja freiwillig dafür abgestellt, um Menschen ihr Gehör zu leihen, deren Seele sich wund gelaufen hat. O Verzeihung, die Mehrheit der Psychotherapeuten mag das Wort Seele in ihren Sitzungen nicht so gerne hören und spricht selbst dann von der Psyche, wenn es in den Gesprächen ausnahmsweise auch mal um die viel wertvollere Seele eines Menschen geht.

Therapeut: (gefällig)
Sie dürfen bei mir sowohl über ihre Psyche und Seele, wie auch über ihr Gemüt oder ihre Innenwelt reden.

Ich: So, darf ich das? Nun gut. Dann möchte ich ihnen sagen, dass meine Innenwelt immer weniger mit der Außenwelt harmoniert. Dann möchte ich ihnen sagen, dass mein Gemüt das Gemüt eines feigen Selbstmörders ist. Und dann möchte ich ihnen mitteilen, dass meine Psyche unheilbar krank ist. Doch für meine Seele, da gibt es jede Menge Hoffnung, wenngleich höchstwahrscheinlich nicht mehr in meinem derzeitig übergezogenem Körpergebilde.

Therapeut: Mögen sie mir ihre Definition von Seele und Psyche etwas näher bringen?

Ich: Nun, ich kann dies zumindest im Ansatz versuchen. Die Psyche ist für mich eine kleine dunkle beengende Kammer unserer Seele. Sie ist ein zumeist bösartiges Geschwulst innerhalb unserer Seelenlandschaft. Und vielleicht ist sie nicht einmal das!? Möglicherweise hat sie, und diese wäre eine angenehme Vorstellung, überhaupt nichts mit unserer Seele zu tun. Ich stelle mir einfach mal vor, dass unsere Seele gar keine Psyche braucht. Unsere Psyche ist somit bestenfalls ein Abfallprodukt unserer Seele. Womöglich ist sie ein extrem krankheitsanfälliger Versuch, die Seele hier auf Erden, zu vertreten, bis man endlich wieder zur Besinnung kommt, womit allerdings nicht vor dem Eintritt des Todes zu rechnen ist.

Ich glaube weiterhin, das in dem Moment, indem ein Kind geboren wird, die Psyche die Seele des Neuankömmlings zunehmend – und dabei zunehmend schneller und dunkler - überschattet. Schauen sie in die Augen eines Neugeborenen! Manche Menschen behaupten zwar, dass man darin nichts Besonderes erblicken könnte. Doch es sind vor allem die Augen von Neugeborenen und kleinen Babys, die uns tiefe Blicke in fremde und doch so verwandte Seelen erlauben. Und nur, weil man in den Augen Neugeborener kaum Materie zum Ankerwerfen findet, heißt dies doch noch lange nicht, das die Augen ausdruckslos sind. Sie sind auf Grund dieser Tatsache doch genau das Gegenteil! Sie sind wie ein ungepflügtes endlos weites Weideland. Und wenn man sich diesen endlosen Weiten – der Seelenlandschaft - hingibt, dann kann einem schnell angenehm schwindelig werden. Doch je älter ein Mensch wird, umso häufiger und nachhaltiger verkommen seine Augen zu einem Spielball seiner Psyche. Sie werden bewusst von dieser Geschwulst missbraucht, um Gefühle zu transportieren und dabei gleichzeitig von der Wahrhaftigkeit der Seele abzulenken. Unsere Psyche ist ein Schauspieler. Unsere Seele hingegen ist die Ewigkeit, in der sich dieser unserer Schauspieler bewegt. Unsere Psyche ist allerdings ein ziemlich miserabler Schauspieler. Da auf dieser Welt aber lauter miserable Darsteller unterwegs sind, hebt sich die darstellende Unfähigkeit fast komplett auf. Und während ich hier sitze, versuchen wir gemeinsam meine Psyche zu ergründen und sie einer Heilung näher zu bringen. Ich bin sozusagen bei einem Schauspiellehrer gelandet, der mich zu einem fähigeren Schauspieler ausbilden will. Wohlgemerkt, zu einem fähigen Schauspieler. Ob sie mich gleichzeitig aber auch zu einem wirklich guten Schauspieler ausbilden können, dies wage ich zu bezweifeln.

Ich halte unseren Versuch für höchst fragwürdig, da ich die Psyche lediglich als ein Notinstrument begreife, das sich ständig in Täuschung übt, um mit dem komplexen Wahn auf dieser Erde klar zu kommen. Will man einen Menschen aber wirklich helfen und heilen, dann muss man seine Seele berühren.

Therapeut: (nach einem kurzen Schweigen) Ich würde jetzt gerne von ihnen wissen, was die letzte Woche in ihren Augen so schlecht gemacht hat?

Ich:
Ich habe sie eben etwas belogen, als ich diesen lustigen Grund für mein Nichtkommen anführte. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wann mich meine Psyche während einer ganzen Woche mehrheitlich positiv beeindruckt hätte. Und aus diesem Blickwinkel heraus gesehen könnte ich nie zu ihnen kommen, weil es mir schon seit Jahren nicht mehr gut geht. Ich habe mich aber über all die Jahre mit diesem Zustand arrangiert, so wie sich der Bewohner eines Kriegsgebiets mit dem Krieg arrangiert, was schon eine gehörige Portion Masochismus voraussetzt. Wissen sie, ich hege starke Zweifel am Sinn und Zweck dieser meiner Selbstgespräche mit einer von der Krankenkasse bezahlten Fremdbeteiligung. (greift in seine Hemdtasche) Ach, hier ist übrigens meine Versicherungskarte, die ich bei unserer ersten Zusammenkunft vergessen hatte.

Therapeut: (nimmt die Karte und zieht sie durch ein auf einem kleinen Beistelltisch abgelegtes Kartenlesegerät) Vielen Dank, Herr Pahlke.

Ich:
Meine Grundverfassung ist eine lebensuntüchtige Mixtur aus depressiven Wellen unterschiedlicher Höhe, Länge und Breite. Mein „normaler“ Tagesmorast besteht aus angestauter Wut, tauber Verzweiflung, deprimierender Unruhe sowie einem nutzlosen Existenz-Frage-und-Antwortspiel, dass ich übrigens auch dann spiele, wenn ich es nicht spielen will. Kurzum, ich bin ein psychisch krankes Wrack – und dies bereits seit über einem Jahrzehnt. Ich meine, ich wäre eigentlich vollkommen gesund, wenn wir nur alle nach meinen Regeln leben würden. Nimmt man aber die Regeln der Allgemeinheit und die Moral der Masse als Grundlage, dann bin ich ein psychisch krankes Wrack. Und ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass sie entweder das eine noch das andere entscheidend zu meinem Gunsten beeinflussen können.

Seit etwa zehn Jahren ist meine Psyche nun bereits krank, ich meine damit, seit eben dieser Zeit ist sie so hinfällig, dass sie immer weniger dazu imstande ist, sich die kranke Welt schön zu malen. Krank ist sie hingegen schon viel länger. Ich glaube, als meine Psyche erstmals kollabierte, muss ich ungefähr drei Jahre alt gewesen sein.

Therapeut: (nach einem erneuten kurzen Schweigen)
Ich würde jetzt dennoch gerne von ihnen wissen, was ihre letzte Woche so schlecht gemacht hat?

Ich: Die Woche war schlecht, weil mir in der letzten Woche ein weiteres Argument ausgegangen ist, warum ich mir mein Leben eigentlich weiterhin antun soll. Die Frage müsste in diesem Zusammenhang allerdings richtiger lauten, was ich mir eigentlich weiterhin antun soll, da ich von einem richtigen Leben, das man lebenswert nennen darf, kaum noch etwas wahrnehme. (schweigt lange)

Therapeut: nickt mir zu – mich aufmunternd – weiter zu reden

 

Copyright Arne Pahlke

 



Ich:
Seit ich im Jahre 1994 erstmals in eine dieser entmutigenden depressiven Phasen gerutscht bin, die mich leider auch nachhaltig bekümmerte, fing ich fortan damit an, mein Leben mit Verzicht- und Vermeidungsstrategien zu überziehen. Und ich tat dies aus einem puren Selbsterhaltungstrieb. Bevor nämlich meine erste schwere depressive Phase kam, wüteten in mir Angst- und Panikzustände. Ich glaube, sie waren es dann auch, die meine erst schwere Depression auslösten, oder sie waren vielmehr der berühmt berüchtigte Tropfen, der das Leidensfass zum Überlaufen brachte. Allerdings fühlen sich solche Angstzustände eher wie reißende Fluten an, wenn ich dies noch kurz anfügen darf. Ich glaube jeder, der über einen längeren Zeitraum von Panikzuständen heimgesucht wird, der flüchtet sich immer auch in Vermeidungsstrategien. So hatte ich oft keine Kraft mehr, meinen zumeist irrationalen Ängsten wieder und wieder zu begegnen. Und wirklich, ich begegnete ihnen unzählige Male auf eben jene Weise, wie es Psychotherapeuten und Verhaltenstherapeuten ihren Patienten anraten, indem ich mich meinen Ängsten stellte. Gleichzeitig, und dies mag sich widersprüchlich anhören und auch sein, mied ich über die nachfolgenden Jahre immer mehr öffentliche Plätze, Kaufhäuser, Kinobesuche, Theaterbesuche, Discothekenbesuche, halt jeden Ort, wo man viele Menschen vermuten muss. Und eben daran hat sich bis zum heutigen Tag nicht viel geändert, obgleich meine Angst- und Panikzustände heute seltener in Erscheinung treten und dabei überdies meist schwächer verlaufen, als noch vor fünf Jahren. Aber mein Leben gleicht dennoch einem Gefängnis. Ich wehre mich aber dagegen, dass ich alle Steine in diesem Gefängnis freiwillig und selbst aufgeschichtet habe.

Therapeut: Und was war nun letzte Woche?

Ich: Darauf will ich doch hinaus. Ich sagte, dass mir in der letzen Woche ein weiteres Argument ausgegangen ist, warum ich mir mein Dasein weiterhin antun soll. Und eben dies hängt nun einmal mit meinen Verzicht- und Vermeidungsstrategien zusammen. Ich verzichte, was natürlich richtig ist, seit zehn Jahren auf psychedelische Drogen. Und seit über drei Jahren verzichte ich zusätzlich auf jeglichen Alkohol- und Tabakkonsum. So weit – so gut! Ich aber scheine darüber hinaus einen ziemlich selbstmörderischen Verzichtkampf zu führen. Denn ich verzichtete zusätzlich auf immer mehr Bekannte und Freunde, auf mich einengende Beziehungsmodelle, auf die schwule Szene, auf in meinen Augen sinnlose Unternehmungen und seit geraumer Zeit nun auch zunehmend auf Sex, weil mich all dies immer mehr langweilt. Wobei ich nicht mehr glaube, dass es wirklich immer nur Langweile ist, die mich verzichten lässt. Früher machte es mich z.B. fast automatisch geil, wenn ich die Vagina einer Frau oder einen Schwanz gelutscht habe. Doch seit geraumer Zeit seziert mein Verstand diesen Akt. Und er tut dies, noch während ich diesen begehe. Und sein Urteil ist nur noch vernichtend und damit extrem lusttötend. Tja, und in der letzen Woche trat dieser Seziermeister nun auch ständig bei der Selbstbefriedigung in Erscheinung. Und wissen sie was? Ich könnte mit meiner seltsamen und nicht wirklich unterhaltsamen Aufzählung jetzt noch eine ganze Weile fortfahren. Aber das eigentliche Problem sind vielleicht gar nicht jene Dinge, auf die ich verzichte, denn auf die meisten Dinge verzichte ich gerne und aus tiefer  Überzeugung. Ich denke, dass eigentliche Problem ist, das ich nichts Neues dafür in mein Leben lasse. Mein Leben wird somit immer leerer und inhaltsloser und ich lebe somit immer mehr von Erinnerungen, die mich ebenfalls zunehmend anwidern, da ich diese bereits zu oft wiedergekäut habe. In den letzten vier Jahren habe ich lediglich meinen täglichen Stundenlauf neu in mein Überlebensnotprogramm aufgenommen. Ich lebe somit in einem gottverdammten Vakuum. Und wie ich es sehe, verzichte ich einfach generell auf das Leben. Oder wie sehen sie das?

Therapeut: Es ist wichtig, wie sie es sehen.

Ich: Mich interessieren immer weniger Dinge. Und selbst jene Dinge, die mich interessieren, sind für mich fast allesamt verzichtbar. Ich muss z.B. nicht schreiben. Ich könnte in dieser Zeit auch einfach daliegen und lesen oder Musik hören; -  schreibe aber lieber, weil ich trotz allem an meinem Leben hänge, und glaube, dass es mir dabei hilft, noch etwas länger zu überleben. Gleichzeitig ist es mir ziemlich egal, was in meinem Umfeld passiert. Es ist mir ehrlich gesagt gleichgültig, welche Partei unser Land regiert. Mir ist es egal, ob direkt neben mir ein Unfall passiert. Es juckt mich nicht, wenn besoffene Nachbarsehepaare sich gegenseitig halb umbringen. Ja, es ist es mir wirklich egal, ob dabei jemand sein Leben lässt oder nicht

Und wenn einer meiner wenigen Freunde und Bekannten, die ich in meiner Streichungsstrategie noch übrig gelassen habe, zum Beispiel eine Verabredung absagen, was selten genug vorkommt, da sie in der Regel lange warten müssen, ehe ich sie überhaupt einmal empfangen will, dann freue ich mich sogar noch über ihre Absage. Ja, dies gilt selbst für meinen Sohn. Morgen und übermorgen ist bei mir – und wenn er heute noch anrufen würde, dass er nicht kommen kann, dann wäre ein nicht unbedeutender Teil in mir über diese Absage richtig glücklich. Ich meine, wenn mein Sohn da ist, dann ist es doch immer schön und fühle ich mich immer lebendig. Trotzdem ist gleichzeitig immer auch dieser nicht zu unterdrückende Wunsch in mir, nichts und niemanden zu sehen. Ich will immerfort meine Ruhe haben, obgleich ich ja schon immerzu meine Ruhe habe. Ich verbringe im Schnitt 22 Stunden täglich in meiner Wohnung, wenn nicht ausnahmsweise die Sommersonne lockt. Und ich war zuletzt vor über sieben Jahren im Urlaub und dann auch nur für drei Tage. Ich habe zuletzt vor über zehn Jahren mit mehreren Menschen zusammenarbeiten können. Wenn mich heute jemand kostenlos auf eine Reise in mein Traumland (Thailand) einladen würde oder mir einen Job in einer typischen Firma oder Büro anbieten würde, dann müsste ich dankend ablehnen – und anschließend würde ich traurig und verzweifelt sein, weil ich es nicht kann. Ich sehne mich danach, dass mein Leben endlich wieder mit echtem Leben gefüllt wird. Aber dies funktioniert nicht. Jeder noch so kleine Fluchtversuch scheitert.

Therapeut: Unternehmen sie denn ausreichend kleine Fluchtversuche aus ihrem Gefängnis?

Ich: Ich rufe pausenlos um Hilfe – immerzu schreie ich meine Ängste, meine Verzweiflung und Wut heraus – wenngleich auch fast nur noch in schriftlicher Form. Und darin bettle ich häufig sogar darum, dass jemand kommen möge, der mir hilft – der mich auffängt – mich begleitet und mit mir gemeinsam meinen Verfall zu stoppen.

Therapeut: Jemand, den sie dann auch an sich heranlassen würden, wenn er vor ihrer Tür steht?

Ich: Lassen sie uns darüber bitte das nächste Mal reden.

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